Acht behaarte, flinke Beine, dicker Körper und klebrige Netze. Spinnen finden viele gruselig. Aber sie haben einen Trick, den die Menschen bisher so nicht nachmachen konnten: Sie können Fäden spinnen, bezogen auf die Masse viermal so belastbar wie Stahl. Dehnbar um das Dreifache. Beständig gegen Hitze, Pilze und Bakterien. Trotzdem biologisch. Besonders Mediziner setzen Hoffnungen auf die Seide. Sie ist verträglich, der Körper kann sie abbauen. Schon in der Antike legten Menschen Spinnennetze auf Wunden. Weltweit forschen Wissenschaftler an Methoden, Spinnenseide zu gewinnen.

In Planegg bei München ist die Firma Amsilk in Zusammenarbeit mit der Universität München damit schon recht weit. 2013 präsentierte sie das nach ihren Angaben erste von Menschen gemachte Spinnennetz. „Lange haben Leute geglaubt, das geht gar nicht“, sagt Amsilk-Mitarbeiter Mathias Woker. Die Fäden direkt zu gewinnen sei schwierig, denn Spinnen sind Kannibalen. Sie als „Herde“ zu halten und dann zu „melken“ ist bei bestimmten Arten problematisch. „Da ist dann jeden Tag nur eine Spinne übrig.“

An der Medizinischen Hochschule Hannover klappt das. Hier sitzen „Rosa“, „Dasha“ und 150 andere Goldene Radnetzspinnen im „Wartezimmer“. Die etwa fünf Zentimeter großen Tiere sind besonders friedlich. Sie werden regelmäßig gefangen und gemolken. Auf einem Stück Schaumstoff mit Gaze gehalten, wird den Tieren ein Faden abgenommen. „Den Haltefaden benutzt die Spinne, um sich zum Beispiel an einem Ast zu befestigen. Wenn daran gezogen wird, simuliert man ein Fallen der Spinne“, sagt Kerstin Reimers vom Bereich Rekonstruktive Chirurgie. Der Faden spult dann automatisch ab. „Das kann die Spinne nicht kontrollieren.“ Im Schnitt 200 Meter melken die Forscher pro Eingriff. „Man könnte wahrscheinlich 500 Meter nehmen, aber das tun wir nicht.“ Das Melken strenge die Spinnen an, nach zehn Minuten würden sie unruhig. Danach bekommen sie zur Stärkung Wasser und Grillen.

Die Mediziner wollen mit Spinnenfäden Menschen mit durchtrennten Nerven helfen. Sie sollen das Leitmaterial bilden, an dem Nerven nach Unfällen neu entlangwachsen. In Zellkulturen, bei Ratten und bei Schafen habe die Methode „ausgezeichnet“ funktioniert, sagt Reimers. Jetzt wollen die Biologen und Mediziner eine klinische Studie mit Patienten starten.

Bald tonnenweise Fäden

Auf einem ähnlichen Weg sind Forscher in Belgien und den Niederlanden. Weltweit, in Japan, in den USA, in Schweden und in Deutschland wird unterdessen an künstlicher Spinnenseide geforscht. Manche experimentierten mit genveränderten Seidenraupen. Eine andere Gruppe probierte es mit Ziegen, in deren Euter die Eiweiße gezüchtet werden sollten. Amsilk und die Wissenschaftler der Universität München verwenden Kulturen genveränderter Coli-Bakterien, um die Eiweiße herzustellen.

Molekularen Grundlagen entschlüsselt

2010 hatten Forscher die Grundlagen der Fadenproduktion in der Spinndrüse entschlüsselt. 2011 fanden sie die Mechanismen für die enorme Festigkeit des Fadens. Doch selbst wenn das richtige Protein hergestellt ist: Vom Pulver bis zum Faden ist es weit. „Wir haben den Weg gefunden, aus dem Protein eine Faser zu machen“, sagt Woker. Die Amsilk-Pilotanlage könne tonnenweise Faden spinnen. Noch läuft sie aber im Pilotbetrieb.

Nächstes Projekt sind beschichtete Brustimplantate. Die Spinnenseide hemme Entzündungsreaktionen und könne Verhärtungen des Gewebes nach einer OP verhindern. „Die Entwicklung dieses Produktes läuft.“ Es sei über ein Jahr lang an Ratten getestet worden. In Zukunft soll auch elastische, leichte Sportkleidung entstehen – als Alternative zur Funktionskleidung, die meist aus Kunststoff und damit aus Erdöl besteht. Kleidung für das Militär wiederum könne so reißfest sein, dass sie gegen Minensplitter schützt.

Handschuhe aus Spinnweben

Schon früher schätzten die Menschen das Material für Kleidung: Im 19. Jahrhundert webten sie aus den Fäden der Radnetzspinnen Gewänder in zart goldenem Ton. Der Sonnenkönig Ludwig XIV. soll Handschuhe aus Spinnweben besessen haben. Ein Umhang aus der Seide wurde 2012 nachempfunden und im Victoria and Albert Museum in London gezeigt. Anders als in Planegg machen die Forscher in Hannover täglich direkt Bekanntschaft mit Spinnen. Das fördert offenbar das Verständnis.

„Wenn man so eine Spinne einmal angefasst hat, dann sieht man, dass die auch gleich anfängt zu putzen, wo man sie berührt hat. Unsere Haut ist für die Tiere ja fettig und salzig, das klebt – und ist vermutlich total unangenehm“, sagte die Biologin Sarah Strauß dem Bayerischen Rundfunk. „Das, was die meisten Menschen für die Spinnen empfinden, empfinden die Spinnen wahrscheinlich für uns.“

dpa