Mit dem Start der Fußballweltmeisterschaft haben auch wieder die Diskussionen in vielen Familien begonnen. Denn bei den Spielen dabei sein wollen nicht nur Erwachsene, sondern vor allem auch Kinder und Jugendliche, die zum Teil die noch größeren Fans sind.

Wegen der Zeitverschiebung von bis zu sechs Stunden beginnen die Partien nach Mitteleuropäischer Sommerzeit teils sehr spät. Und langes Aufbleiben verbunden mit frühem Aufstehen ist auch aus medizinischer Sicht auf Dauer nicht gesund.

Wie das Eröffnungsspiel beginnen einige andere Partien um 17 Uhr brasilianischer Zeit, darunter auch Spiele der deutschen Elf sollte sie die Vorrunde überstehen. Hierzulande ertönt der Anpfiff dann erst um 22 Uhr. Im schnellsten Fall wären selbst die jüngsten Sportbegeisterten erst um Mitternacht im Bett. Was also tun: Aufbleiben und am nächsten Morgen gähnend in der Schule sitzen? Oder doch lieber ausgeruht in die Schule gehen?

Ausruhen unverzichtbar

In sechs Bundesländern haben das die Schulleiter in der Hand: In Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen und Thüringen steht es ihnen frei, ihre Schüler ein bisschen länger schlafen zu lassen. Das Schickhardt-Gymnasium in Stuttgart etwa, eine Eliteschule des Sports, lässt die ersten Stunden ausfallen und holt sie später nach. Allerdings nur für die älteren Schüler: Die Fußballfans der fünften bis siebten Klasse müssen wie gewohnt zur ersten Stunde antreten. Die Begründung: Kinder in diesem Alter müssten noch nicht so lange vor dem Fernseher sitzen.

Die Schlafforschung gibt dem grundsätzlich recht: Gerade für junge Menschen ist Schlaf unverzichtbar. Sie brauchen ihn für das Wachstum, den Stoffwechsel und das Immunsystem. Schlafen Kinder und Jugendliche regelmäßig zu wenig, kann dies das körpereigene Abwehrsystem schwächen, Entzündungen und Stress fördern und das Wachstum hemmen, wie Wissenschaftler vor allem in Tierversuchen zeigen konnten.

So verzögert Schlafentzug bei Laborratten etwa die Wundheilung und machte die Nager anfälliger für Infektionen. Im Tiefschlaf wird auch das Hormon Prolaktin freigesetzt. Es hilft dem Organismus dabei, ein besseres Gedächtnis für einen Erreger auszubilden. Neben der Regeneration des Körpers hilft Schlaf dem Gedächtnis auf die Sprünge, wie Wissenschaftler der Harvard-Universität herausgefunden haben. Besonders die Tiefschlafphasen helfen dabei, Gelerntes zu verfestigen und Unwichtiges wieder auszusortieren.

Gereizt und unkonzentriert

Besonders für die kleinsten Fußballfans gilt auch: Bereits nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf ist man müde, gereizt und weniger aufnahmefähig. Je jünger ein Kind, desto wichtiger ist der Schlaf für seine Entwicklung. Im Durchschnitt schläft ein fünfjähriges Kind elf Stunden pro Tag, ein zehnjähriges dagegen knappe zehn Stunden.

Klingelt der Wecker am Morgen nach einem späten WM-Spiel um sieben, müsste das Licht am Abend vorher also um spätestens 21 Uhr ausgemacht werden. Der Schlafbedarf in einer „WM-Nacht“ könnte also weder für einen Fünfjährigen noch für einen Zehnjährigen gedeckt werden. Langes Aufbleiben sollte für sie deshalb nur eine Ausnahme darstellen.

Ob bei jugendlichen Fußballfans ein Anstoß um 22 Uhr zu spät ist, ist eine Frage der Perspektive. Denn würden die Jugendlichen auf ihre innere Uhr hören, spräche nichts dagegen. Ab der Pubertät ändert sich nämlich das Schlafverhalten Jugendlicher: Sie werden später müde und schlafen morgens länger.

Der Körper schüttet während der Pubertät abends später als zuvor das schlaffördernde Hormon Melatonin aus und hört morgens später damit auf. Die meisten Jugendlichen sind deshalb abends lange wach – und kommen morgens nicht aus den Federn. Ein Fußballspiel, das um 22 Uhr beginnt, kommt ihrem natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus also zupass.

Ein spätes Spiel ist kein Problem

Dumm nur, dass es neben der inneren Uhr die soziale Uhr gibt – und die bittet die Jugendlichen fünf Mal in der Woche frühmorgens in die Schule. Nur hin und wieder einmal versäumten Schlaf nachzuholen, dagegen spricht aber nichts. Denn Schlaf lässt sich in Grenzen wieder aufholen, wie Forscher um David Dinges von der University of Pennsylvania in Philadelphia zeigen konnten. „Jede zusätzliche Stunde Schlaf nach einer Phase chronischen Schlafmangels fördert die Zurückgewinnung der geistigen Munterkeit“, berichten die Wissenschaftler.

Zum Ende der Woche mal ein Spiel mit anzusehen, wäre also aus wissenschaftlicher Sicht für kein Kind ein Drama. Für alle empfehlen kann man auch den Mittagsschlaf. Und: Dass Schlaf vor Mitternacht der Gesündeste ist, ist Unsinn. Am meisten erholt sich der Körper fünf Stunden nach dem Einschlafen – ob vor oder nach Mitternacht ist egal.