Försterei

Deutscher Wald bekommt Romantik-Attest

Die Deutschen hängen an ihrem Wald. Jetzt wird er wieder genau unter die Lupe genommen. Metalldetektoren sagen den Experten, wo sie Bäume zählen und begutachten sollen.

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Es ist ja gerade die Undurchdringlichkeit, das Moment des Unvorhergesehenen, was dem Wald innewohnt, was ihn zum Geburtsort der deutschen Identität machte. Damals, vor 2000 Jahren, als Hermann die Römer in die Flucht schlug, nach einem Überraschungsangriff aus dem Tann. Weshalb man ihm später dann auch ein Denkmal mitten im Wald widmete.

Auch die Mythenwelt der Nation entwuchs dem geheimnisumwobenen deutschen Dschungel, die Nibelungensage wird im schummrigen Bühnenlicht unter dem Wildwuchs in Szene gesetzt. Romantik bis über die Grenze des Erlaubten findet statt, wenn wir uns in den Wilderer Jennerwein hineinversetzen, der irgendwo neben der Waldschänke im Dickicht mit seiner Flinte verschwindet.

Das war einmal. Jetzt sind sie landauf, landab wieder unterwegs, die 60 Inventurtrupps, immer zwei Mann und einer davon jeweils der Leiter, ein diplomierter Forstwirt. Die ausführenden Organe des Bundeswaldgesetzes bei ihrer Bundeswaldinventur.

Zwei Jahre lang, und laut „Bundeswaldinventur3-Aufnahmeverordnung“ ausgestattet unter anderem mit „1 Maßband, 25 Meter“, „1 Schreibbrett“, „1 mobilen Datenerfassungsgerät“, „1 Bestimmungshilfen für Bäume, Sträucher, Gräser und Pflanzen des Waldes, Waldlebensraumtypen“, 1 Relaskop, Kompass, Teleskopstange, Transponder und so weiter.

Nichts wird mehr dem Zufall überlassen im deutschen Wald, er wird einer Art Volkszählung unterworfen. Auch dieser Zensus wird, wie bei dem der Bundesbürger, nur stichprobenartig durchgeführt. Nicht erwartete Proteste, wohl aber der Aufwand wäre in diesem Fall für eine Totalerhebung einfach zu groß.

Etwa acht Milliarden Bäume gibt es im ganzen Land, das hat die letzte Inventur im Jahr 2004 ergeben. 400?000 davon werden nun im Laufe von zwei Jahren vermessen, begutachtet, katalogisiert. Zustand, Größe, Alter, Einbettung in das umgebende Biotop, all die Einzelschicksale von Bäumen sollen Auskunft geben über die Situation im Großen und Ganzen deutschen Wald.

Schon diese Menge an Daten, 0,005 Promille der Gesamtheit aller Bäume, ist fast nicht zu bewältigen. Die vorvorige Erhebung, die von 1986 bis 1990 nur im alten Westen durchgeführt wurde, brachte einen ausgedruckten Tabellensatz mit einem Gewicht von zehn Kilo hervor – wie viele Bäume damals für die Gesamtauflage gefällt werden mussten, hat niemand untersucht.

„Der gesamte Informationsgehalt, der überwiegend an Fachbibliotheken, Behörden und wissenschaftliche Einrichtungen verteilten Auflage ist wohl niemals umfassend erschlossen worden“, muss selbst Heino Polley, wissenschaftlicher Koordinator der Waldinventur einräumen. Dies war allerdings der damals unzureichenden Computererfassung der Statistiken geschuldet, ein Problem, das im Jahr 2014 bei der Auswertung der jetzigen Zählung überwunden sei dürfte. Statt papierfressender Kilo werden nun Megabytes produziert.

Welche Areale die Zweierteams zu untersuchen haben, ist genau festgelegt. Die Waldgebiete der Republik – immerhin ein Drittel ihrer Gesamtfläche – sind mit einem Raster von Quadraten mit einer Kantenlänge von vier Kilometern überzogen. An deren Schnittpunkten liegen sie dann, die entscheidenden „Trakte“, ebenfalls Quadrate mit einer Kantenlänge von 150 Metern. Darin nun wird alles erfasst, was wächst oder modert. Auch was kriecht oder läuft, auch die Fauna wird ermittelt. Um den Wald geht es, nicht nur um seine Bäume.

Damit die Teams die Grenzen der „Trakte“ auch korrekt beachten – dies ist wichtig für die Vergleiche mit früheren Zählungen – sind an den Eckpunkten Metallelemente in der Erde versteckt, die der Forstwirt oder sein Assistent mit einem Detektor ausfindig macht, nachdem ihn ein spezielles Navigationsgerät in die Nähe geführt hat. Die Metalle sind so beschaffen, dass sie nur die Teams des Bundeslandwirtschaftsministeriums orten können und nicht die Waldbesitzer.

Die sollen nämlich nicht wissen, wo genau erhoben wird, damit sie das Zufallsprinzip nicht insgeheim durch gezielte Hege oder Pflege aushebeln und das Ergebnis verfälschen. Erfasst durch Detektoren, Satellitennavigation und Computersoftware, alles geordnet in Quadrate und Unterquadrate – so sieht es heute aus im Wald von Hermann dem Cherusker, von den Nibelungen und vom Wildschütz Jennerwein.

Man kann auch sagen: Gut sieht es aus. Zwar wird erst die jetzige, dritte Inventur genaue Aussagen über die Entwicklung des gesamtdeutschen Waldes ermöglichen, weil zwischen der ersten und der zweiten Datenerhebung die Wiedervereinigung lag und die großen Forstgebiete im Osten dazu kamen.

Doch die Entwicklung in Westdeutschland war in den 90er Jahren recht ermutigend. Zum einen konnte die Waldfläche zunehmen, wenn auch nur geringfügig. Um sagenhafte 39 Prozent aber stieg das Holzvolumen. Alter und Umfang der Bäume nahmen deutlich zu und es kamen auch mehr neue hervor als geschlagen wurden. Der Zuwachs ging dabei nicht auf das Konto der schnell wachsenden und Profit bringenden Nadelhölzer. Vielmehr nahm vor allem der Anteil von Buchen und auch Eichen an der Waldfläche zu.

Oft genug ist der deutsche Wald verschrien als reine Nutzholzplantage, die mit dem romantischen Grün vergangener Tage nichts mehr gemein hat. Die letzte Inventur ergab ein anderes Bild. Ein Drittel der Waldfläche ist demnach „sehr naturnah oder naturnah“, jeweils bewachsen von „mindestens 75 Prozent der Baumarten der natürlichen Waldgesellschaft.“. Weitere 41 Prozent gelten noch als „bedingt naturnah“ mit einer Artenvielfalt von „50 bis 75 Prozent der natürlichen Waldgesellschaft“. Der Rest, nicht mal ein Viertel also, ist in der Statistik als „kulturbetont und kulturbestimmt“ aufgeführt, als Forst zur Nutzholzgewinnung mithin.

Die Erfassungs- und Vermessungsteams mögen also systematisch den deutschen Wald durchforsten, über weite Strecken immerhin wächst er zumindest noch so, wie es ihm beliebt.