1499

Rufmord an der schönen Tochter des Papsts

Rom schwirrt von Gerüchten. Papst Alexander VI. wird ein blutschänderisches Verhältnis mit seiner 19-jährigen Tochter Lucrezia nachgesagt. Außerdem sollte sie an der Ermordung ihres Bruders Juan beteiligt gewesen sein. Ihr Ruf als männerverschlingende und giftmischende Femme fatale bleibt bis heute erhalten – ein grandioser Irrtum.

Im 15./16. Jahrhundert war es durchaus nicht ungewöhnlich, wenn der oberste Kirchenfürst Kinder in die Welt setzte. Diese wurden beschönigend „nipoti“ (Neffen) genannt, verkehrten im Vatikan und bereicherten die Sprache durch den neuen Terminus „Nepotismus“ (Günstlingswirtschaft). Kardinal Rodrigo de Borgia allerdings trieb es am wildesten. Er hatte von drei Frauen sieben Kinder; seine Favoritin Vanozza Cattanei gebar ihm 1475 einen Sohn, Cesare, und 1480 eine Tochter, Lucrezia. Die Borgias stammten aus dem spanischen Valencia und hatten mit Calixtus III. bereits einen Papst gestellt.

Die Tochter als politisches Lockmittel

Rodrigo galt als hervorragender Diplomat und hemmungsloser Wüstling. Am 10. August 1492 wählte das Kardinalskollegium ihn zum Papst – hohe Bestechungssummen sollen zuvor geflossen sein. Der neue Pontifex nannte sich Alexander VI. und erklärte seine unehelichen Kinder für legitim. Die blonde Lucrezia, schon mit 13 Jahren eine Schönheit, diente dem Papst als Lockmittel für seine politischen Pläne, in Italien ein Borgia-Reich zu errichten.

Bereits 1493 wird Lucrezia mit Giovanni Sforza verheiratet, einem Mitglied der mächtigen Mailänder Herzogsfamilie. Die Ehe wurde wahrscheinlich nie vollzogen und 1497 für ungültig erklärt, weil Sforza zeugungsunfähig sei. Tatsächlich war er in ein Mordkomplott gegen den Papstsohn Juan de Borgia verwickelt. Gerüchte besagen, auch Lucrezia habe dabei mitgewirkt. Hintergrund war das äußerst innige Verhältnis zu ihrem Bruder Cesare, der Juan als Konkurrent um die Gunst des Papstes beseitigen ließ.

Eine Ehe als Glücksfall

1498 begann sie eine Liebesaffäre mit dem Ersten Kämmerer des Papstes, Pedro Caldés. Aus dieser unstandesgemäßen Liaison ging ein Kind hervor, was Alexander VI. so erboste, dass er seine Tochter mit Alfonso de Bisceglie verheiratete, einem Sohn des Königs von Neapel. Diese Ehe geriet zur blanken Katastrophe. Alfonso intrigierte gegen den Papst und vereitelte dessen Bemühungen, seinem Sohn Cesare die Krone Neapels zu verschaffen. Cesare war ein typischer Machtmensch der Renaissance – ebenso gebildet und intelligent, wie brutal und skrupellos. Als er merkte, dass sein Schwager ein politisches Hindernis darstellte, lauerte er ihm am 15. Juli 1500 im Vatikan auf und stach ihn mit einem Dolch nieder.

Während Cesare mit seinen Truppen eine italienische Festung nach der anderen eroberte (Imola, Rimini, Forli, Faenza), war für Lucrezia bereits der dritte Ehemann gefunden. Im August 1501 heiratete sie Alfonso d’Este, Herzog von Ferrara. Ihr Ruf war durch das Wüten des Cesare und die Ausschweifungen des Papstes schon so geschädigt, dass der deutsche Kaiser Maximilian I. Einspruch gegen diese Eheschließung erhob.

Anfang 1502 zog Lucrezia Borgia in Ferrara ein. Ihre arrangierte Ehe mit d’Este erwies sich als Glücksfall. Der Herzog erlaubte ihr weitgehende Freiheiten. Sie betätigte sich als Kunstmäzenin, förderte den jungen Maler Tizian und den Gelehrten Aldus Manutius. Der berühmte Dichter Ludovico Ariosto rühmte die neue Herrin Ferraras: „Alle anderen Frauen gleichen Lucrezia nur wie das Zinn dem Silber, das Kupfer dem Gold, die Mohnblume der Rose, die bleiche Weide dem immergrünen Lorbeer.“

Der schlechte Ruf blieb an Lucrezia haften

Das Gestirn der Borgias begann indessen zu sinken. Am 18. August 1503 starb Papst Alexander VI. Sein Nachfolger Julius II. galt als vehementer Gegner der Familie. Cesare Borgia verlor 1504 eine Schlacht gegen die Spanier in Süditalien und wanderte für zwei Jahre ins Gefängnis. Anfang 1507 fiel er im Kampf. Lucrezia gebar nach siebenjähriger Ehe endlich den ersehnten Stammhalter, den späteren Herzog Ercole II.

Ihr Verhältnis zu Männern blieb weiter tragisch. Als der Florentiner Humanist Ercole Strozzi Lucrezia 1508 ein freizügiges Gedicht widmete, wurde er wenig später ermordet aufgefunden. Wieder kursierten wilde Gerüchte über den verderblichen Einfluss der Dame Borgia. 1513 nahm sie der neue Papst Leo X. unter seinen persönlichen Schutz, quasi eine Ehrenerklärung. Auch Ehemann Alfonso d’Este stellte sich hinter sie. Doch ihr schlechter Ruf blieb haften, obwohl sie die nächsten zehn Jahre ohne jeden Skandal verbrachte.

Am 24. Juni 1519 stirbt sie 39-jährig nach der Geburt ihres neunten Kindes. Erst der italienischen Geschichtsforscherin Maria Bellonci gelingt es 1939, die wahre Persönlichkeit der Lucrezia Borgia herauszuarbeiten – eine Frau die weniger von Leidenschaft als von Schwermut geprägt war.