Hirnforschung

Alkoholiker verstehen Witze schlechter

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WELT.de/cl

Witzigkeit kennt doch Grenzen: Humor wird von Alkoholikern weniger verstanden. Grund ist eine Hirnschädigung. Wissenschaftler legten Gesunden und Alkoholikern einen unfertigen Witz vor. Die Probanden sollten die passende Pointe aussuchen.

Was gesunde Menschen witzig finden, ist für Neurowissenschaftler eine Quelle wichtiger Erkenntnisse über die zugrundeliegenden Hirnfunktionen. Sind Hirnbereiche geschädigt, funktioniert der Humor nicht mehr so wie bei gesunden Menschen. Diese Tatsache nutzte Dr. Jennifer Uekermann vom Institut für Kognitive Neurowissenschaft der Ruhr-Universität-Bochum für eine Studie über die Hirnschädigung durch Alkoholismus.

Sie konfrontierte Gesunde und Alkoholiker mit unfertigen Witzen und ließ sie aus einer Auswahl die passende Pointe auswählen. Rückfragen an die Testpersonen zu ihrer Auswahl und ihrem Verständnis der Situation im Witz lieferten genauere Informationen über die Humorverarbeitung. Alkoholiker wählten seltener die richtige Pointe aus. Sie fanden die Pointen weniger witzig als gesunde Personen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei Alkoholismus Fehlfunktionen des Frontallappens vorliegen. Über ihre Studie berichtet Dr. Uekermann in der Fachzeitschrift „Addiction“.

Gesichter, Emotionen, Sprache machen Alkoholikern Probleme

Humor wirkt sich positiv auf das Immunsystem und auf die Stressverarbeitung aus. Theoretisch besteht die Humorverarbeitung aus zwei Stufen: der Entdeckung einer sogenannten Inkongruenz und ihrer Aufklärung. Auf geistiger Ebene muss man den humorvollen Reiz verstehen. Dazu kommt die Fähigkeit, den „Schwank“ als witzig zu empfinden. Ob die Verarbeitung humorvoller Reize gelingt, hängt früheren Studien zufolge insbesondere davon ab, ob jemand fähig ist, das Verhalten anderer Menschen vorhersagen zu können und sich in sie einzufühlen. „Diese Fähigkeiten fassen wir unter dem Begriff ‚Theory of Mind’ zusammen“, erklärt Jennifer Uekermann. Wichtig ist außerdem die Fähigkeit, Handlungen in Abhängigkeit von der Umwelt gezielt zu planen. Dafür ist der präfrontale Kortex - ein Bereich des Frontallappens der Großhirnrinde an der Stirn- von zentraler Bedeutung.

Alkoholismus ist mit einer ganzen Reihe geistiger und emotionaler Störungen verbunden. „Man nimmt daher an, dass besonders dieser Frontallappen für die giftige Wirkung des Alkohols anfällig ist“, so Dr. Uekermann.

Ein Witz – vier Pointen

Nun untersuchten die Neurowissenschaftler 29 Alkoholiker und 29 gesunde Kontrollpersonen. Die Testbatterie zur Erfassung des Humorverständnisses entwickelte Dr. Uekermann am University College London. Zunächst wurde der Anfang des Witzes auf einem Bildschirm präsentiert. Danach wurden vier Pointen dargeboten, unter denen die Versuchspersonen die korrekte, witzige Pointe auswählen sollen.

Der Witz

Andre und Jenny waren schon seit sehr langer Zeit verheiratet. Andre war sehr stolz, dass seine Ehefrau in dieser Zeit sechs Kinder geboren hatte. Er fing an, sie „Mutter von Sechsen“ zu nennen - anstelle ihres wirklichen Namens „Jenny“. Zunächst fand Jenny das sehr lustig. Mit der Zeit hatte sie es jedoch ziemlich satt. „Mutter von Sechsen“, sagte er zum Beispiel, „hol mir ein Bier“. „Was gibt es heute zum Abendessen, Mutter von Sechsen?“ Schließlich sagte er sogar vor einigen Freunden bei einem Abendessen: “Mutter von Sechsen! Es ist Zeit zu gehen.“

Die möglichen Antworten

1) Sagt sie: „Ja, Du hast Recht, es ist schon sehr spät.“
2) Sagt sie: „Ich komme schon, Schatz“, doch sie stolperte über ein Tischbein und fiel genau auf ihr Gesicht.
3) Sagt sie: „Ich bin fertig, wir gehen – Vater von Vieren.“
4) Sagt sie: „Ich mag dieses Bild an der Wand.“

Witze-Theorie

An der Verarbeitung der korrekten Pointe sind beide Stufen der Humorverarbeitung beteiligt, während für das Verständnis der Slapstick-Alternative nur die erste – die Inkongruenz-Entdeckung - nötig ist. Dann wird die Versuchsperson gebeten, jede alternative Endigung hinsichtlich der Logik und der empfundenen „Witzigkeit“ auf einer Fünf-Punkte Skala einzuschätzen. Anschließend werden Kontrollfragen gestellt, mit denen das allgemeine Verständnis überprüft wird – etwa „Hieß der Ehemann Markus?“ oder ;Hatte André Kinder?“
Zur Erfassung der Einfühlsamkeit oder des Verständnisses wurden Fragen aus der Perspektive der Hauptakteure des Witzes gestellt.

Anstöße für die Therapie

Die Gruppe der Alkoholiker wählte seltener als Gesunde die korrekten Pointen aus. Stattdessen wählten sie eher Slapstick-Alternativen und das streng logische Ende. Außerdem schätzten sie die korrekten, Slapstick- und unsinnige Alternativen als weniger witzig ein. „Diese Ergebnisse sprechen für Beeinträchtigungen der emotionalen und geistigen Humorkomponente bei Alkoholismus“, fasst Jennifer Uekermann zusammen. Die Probleme treten dann auf, wenn beide Stufen der Humorverarbeitung nötig sind. Weitere Analysen machten deutlich, dass die Defizite der Humorverarbeitung unter anderem durch die Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen und der Theory of Mind verursacht sind. Diese Ergebnisse stützen die Frontallappen-Hypothese. „Da Probleme bei der Verarbeitung von Humor zu zwischenmenschlichen Problemen führen können, sind sie wahrscheinlich für die Rehabilitation von Alkoholikern von großer Bedeutung und sollten somit im Rahmen der Therapie berücksichtigt werden“, gibt Dr. Uekermann zu bedenken.

Anders ausgedrückt: Alkoholiker sollten bei Reha-Maßnahmen wieder lernen, Witze zu verstehen.

Die Auflösung: Welche Pointe ist welche?

1) das logische Ende
2) das Slapstick-Ende
3) das korrekte Ende
4) das unsinnige Ende