China hat kürzlich für den ersten Satellitenstart des neuen Jahres gesorgt. Vom Raumfahrtzentrum Xiang in der Provinz Sichuan wuchtete eine 55 Meter lange 350 Tonnen schwere Rakete des Typs Langer Marsch 3C einen Satelliten in die Umlaufbahn, der inzwischen auch in Europa für Aufregung sorgt.
Es handelt sich um den dritten Satelliten des neuen chinesischen Navigationssatellitensystems Beidou (Kompass), das gegenwärtig aufgebaut wird. Zwei erste experimentelle Navigationssatelliten startete Peking schon im Jahre 2000, zwei weiterentwickelte Satelliten einer neuen Generation wurden 2007 und 2009 hochgeschossen. In den nächsten beiden Jahren sollen zehn Satelliten folgen, die speziell für China und angrenzende Gebiete bestimmt sind. 2015 bis 2020, so meldet Peking, soll das System dann mit insgesamt 35 Satelliten weltweit nutzbar sein.
Mit diesem Tempo aber überholen die Chinesen, deren operationelle Satelliten ja jetzt bereits gestartet werden, die Europäer im Weltraum. Europa begann zwar auch schon Anfang des Jahrzehnts mit den Planungen für den Aufbau eines eigenen Navigationssatellitennetzes Galileo. Geplant wurde damals ein System mit 30 Satelliten, das dem privaten Nutzer – mit Hilfe eines Navi – eine auf vier Meter genaue kostenfreie Bestimmung seiner Position ermöglichen sollte, und das schon 2008.
Inzwischen liefert allerdings das amerikanische Global Positioning System (GPS) dem privaten Nutzer längst gratis bis auf zehn Meter genaue Positionsbestimmungen horizontal und 35 Meter vertikal. Die Europäer mussten inzwischen empfindliche Verzögerungen in Kauf nehmen – wegen langwieriger Querelen um die Systemführung, wegen Streits über die Beteiligung der verschiedenen nationalen Industrien, aber auch wegen Finanzierungsproblemen. Heute rechnet man mit einer Inbetriebnahme von Galileo frühestens für 2014.
Diese Verzögerung bringt die EU jetzt in Schwierigkeiten. In Brüssel spricht man bereits von einem „ernsten Problem“. Der Präsident der Europäischen Kommission, Manuel Barroso, hat sich in dieser Angelegenheit inzwischen sogar schriftlich an den chinesischen Premierminister Wen Jiabao gewandt, um zur Lösung des Problems beizutragen. Es geht darum, dass die chinesischen Navigationssatelliten ihre Signale auf bestimmten Frequenzbereichen von 1,1 bis 1,6 Gigahertz abstrahlen, die eigentlich die Europäer für ihre Galileo-Satelliten reserviert zu haben glaubten.
Europa hatte 2005 und 2008 zwei experimentelle Galileo-Vorläufersatelliten gestartet, „Giove-A“ und „Giove-B“, die mithilfe von Atomuhren, Strahlungsmessgeräten, Laserreflektoren und anderen Geräten die Technik überprüften, die jetzt bei den operationellen Galileo-Satelliten eingesetzt werden sollte. Die Frequenzen, auf der die beiden Satelliten ihre Signale abstrahlten, waren ordnungsgemäß bei der zuständigen internationalen Organisation, der zu den Vereinten Nationen gehörenden International Telecommunication Union (ITU), in Genf angemeldet worden.
Damit waren sie nach den geltenden ITU-Richtlinien auch für das spätere Galileo-System reserviert und hätten nicht ohne Absprachen oder Neuregelungen von den Chinesen in Anspruch genommen werden dürfen. Die Chinesen wiederum berufen sich darauf, dass sie ihre ersten experimentellen Navigations- und gleichzeitig auch Kommunikationssatelliten Beidou ja schon 2000 und damit vor den Europäern gestartet hätten. Für sie seien die jetzt umstrittenen Frequenzen schon damals regulär bei der ITU angemeldet worden.
Der Streit ist keineswegs belanglos. Es geht um erhebliche Summen. Bisher hat der europäische Steuerzahler bereits 1,5 Milliarden Euro für Galileo aufgebracht; weitere 3,5 Milliarden sind bis 2013 eingeplant. Dazu kommt, dass die Wirtschaft mit der Infrastruktur für Galileo – unter anderem Navis, die gleichzeitig GPS- und Galileo-Signale verarbeiten (Multireceiver) – auf neue Jobs und Umsätze im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich hofft. Immerhin erzielt man mit der GPS-Infrastruktur weltweit jährlich Milliarden Dollar.
„Eigentlich sind diese Satellitensysteme Infrastrukturprojekte“, meint denn auch Professor Günter Hein, Leiter des Bereichs Galileo-Betrieb bei der Europäischen Raumfahrtorganisation (Esa), „mit neuen Firmen und Produkten, neuen Jobs und dadurch wachsendem Umsatz und vermehrtem Steueraufkommen wird der volkswirtschaftliche Nutzen für alle Beteiligten von Jahr zu Jahr größer.“
Auch im militärischen Sektor spielen Navigationssatelliten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Punktgenaues Zielen sowohl im taktischen Bereich als auch über größte Entfernungen hinweg (Interkontinentalraketen) wird mit ihnen ebenso möglich wie die präzise Steuerung von Flotten oder Flugzeugverbänden. Politisch kommt den neuen Satelliten ebenfalls erhebliche Bedeutung zu. Denn mit den Galileo- und Beidou-Systemen wäre die jahrzehntelange Quasimonopolstellung des amerikanischen GPS gebrochen.
Das russische Glonass-System war in den letzten Jahren auf wenige intakte Satelliten zusammengeschrumpft und international weniger bedeutend, soll aber in diesem Jahr wieder vervollständigt und ab 2011 auch modernisiert werden.
Dabei spielt beim gegenwärtigen Wettkampf der Navigationssatellitensysteme – in dem nach den USA, Russland, China und Europa nun als fünfter Player bald auch Indien mitspielen will – grade der militärische Aspekt eine wichtige Rolle. Denn China will seine Beidou-Satelliten auch in eben jenem Bandbereich arbeiten lassen, der bei Galileo für sicherheitsrelevante Signale vorgesehen ist.
So wird unter anderem befürchtet, das Reich der Mitte könnte den Europäern im Konfliktfall die Möglichkeit nehmen, einem Gegner oder Feind die Nutzung des Galileo-Systems unmöglich zu machen. Das Paradoxe beim gegenwärtigen Streit ist allerdings, dass er – wie so manch andere Auseinandersetzung auch – absolut unsinnig ist.
Denn wenn China und Europa ihre Satelliten tatsächlich auf denselben Frequenzen ohne Absprache in derselben Modulation und in nicht ausreichendem Abstand zueinander platzieren, könnten sich die Signale gegenseitig ganz erheblich stören – und zwar für beide Kontrahenten gleichermaßen. Doch trotz drei hochkarätig besetzter Gesprächsrunden hat sich diese Einsicht offenbar noch nicht bei allen Beteiligten gleichermaßen durchgesetzt.





