Haben weibliche Spinnen ihren Liebhaber zum Fressen gern, dann nehmen sie das häufig wörtlich. Sie verspeisen ihn noch während der Paarung. Stark ausgeprägt ist dies Verhalten bei der Spinnengattung Argiope, die vorwiegend in den Tropen vorkommt, mit einer Art, der Wespenspinne (Argiope bruennichi), aber auch in Mitteleuropa und in Deutschland vertreten ist. Bei rund 80 von 100 Paarungen vertilgen Wespenspinnen ihren männlichen Partner.
Aber es gibt Unterschiede. Offensichtlich entscheidet das Männchen selbst, ob es gefressen werden will oder nicht. Diese Vermutung legen Experimente nahe, die Klaas Welke und Jutta Schneider von der Universität in Hamburg im Fachblatt „Biology Letters“ beschreiben.
Das Sexualverhalten von Spinnen ist recht komplex. Da sie äußerst aggressiv sind, betrachten sie alles, was zappelt und eine entsprechende Größe hat, erst einmal als Beute. Um nicht von vornherein gefressen zu werden, haben Männchen spezielle Verhaltensrituale entwickelt, um ihre Sexualpartnerin zu beschwichtigen. Bei Radnetzspinnen wie Argiope zupfen sie häufig in einem festgelegten Rhythmus am Netz ihrer potenziellen Partnerin.
Kommt es dann zur Paarung, führt das Männchen eines seiner zu Begattungsorganen umgebauten Tastorgane, die Pedipalpen, in die Geschlechtsöffnung des Weibchens ein. Das ist der kritische Moment. Verharrt das Männchen zu lange in der Paarungsstellung, dann wird es zum Opfer. Das kann – biologisch betrachtet – sogar von Vorteil sein.
Männliche Wespenspinnen haben höchstens zwei Mal die Chance zu kopulieren, weil sie ihre beiden Pedipalpen nur jeweils einmal benutzen können. Selbst wenn sie beide Paarungen überleben, sterben die Männchen nach der zweiten Kopulation. Unter dieser Voraussetzung kann es sinnvoll sein, möglichst lange zu kopulieren. Dabei werden mehr Spermien übertragen als bei einer kurzen Kopulation, und wenn das Männchen dann zur Nahrung wird, liefert es dem Weibchen zusätzliche Ressourcen für die Eiproduktion. Alles in allem eine sinnvolle Investition in den Nachwuchs, die den Fortpflanzungserfolg des Männchens erhöht.
Weibliche Wespenspinnen können beliebig häufig mit mehreren Männchen kopulieren. Dabei ist Inzucht möglich, was allgemein die Lebenstüchtigkeit des Nachwuchses beeinträchtigt. Männchen mit ihren begrenzten Kopulationsmöglichkeiten tun deshalb gut daran, mit einer Schwester nur ganz kurz zu kopulieren, bevor es zum Kannibalismus kommt.
Genau das tun sie auch, stellten Welke und Schneider fest. Mit einer Schwester dauerte die Paarung durchschnittlich nur knapp sechs Sekunden, und fast die Hälfte der Männchen kam mit dem Leben davon. Das heißt, diese Hälfte hatte die Chance auf eine zweite Kopulation mit einem fremden Weibchen. War die erste Partnerin jedoch schon eine Fremde, dann dauerte die Kopulation im Durchschnitt neun Sekunden, und nur etwa jedes fünfte Männchen kam mit dem Leben davon.
Nach mehr als sechs Sekunden Paarungsdauer gehen Weibchen generell zum Angriff über. Vermutlich können sie zwischen Bruder und Fremdmännchen nicht unterscheiden. Offensichtlich können aber die Männchen zwischen ihrer Schwester und einer Fremden unterscheiden.
Was sie dazu befähigt, ist allerdings ein Rätsel. Mit ihrem unterschiedlichen Paarungsverhalten gegenüber Schwestern und Fremdweibchen entscheiden sie aber selbst, ob sie ihren eigenen Körper zugunsten des Nachwuchses opfern. Mehr können sie in die eigenen Kinder nicht investieren.

