Morgenpost Online: Sind Sie pessimistischer geworden seit der Veröffentlichung Ihres Buches „Unsere letzte Stunde“ (2003), in dem Sie die Gefahr einer Selbstvernichtung der Zivilisation beschworen?

Lord Martin Rees: Eigentlich hat sich meine Einschätzung weder in die eine noch die andere Richtung hin geändert. Am Anfang meiner Sorgen stand die nukleare Bedrohung, die nach dem Ende des Kalten Krieges und im Lichte der jüngsten Abrüstungsschritte zwischen Washington und Moskau freilich geringer geworden ist, jedenfalls was die Zahl der verfügbaren Sprengköpfe angeht. Man kann aber nicht wissen, ob der Umgang mit nuklearer Technik immer in verantwortlichen Händen liegen wird und ob unter veränderten Machtkonstellationen die politischen Lenker der Zukunft die gleiche Zurückhaltung gegenüber dem Einsatz von Atomwaffen zeigen, wie das im Kalten Krieg war.

Morgenpost Online: Welche Verantwortung aber tragen wir alle für ein Gelingen der Zukunft?

Rees: Schon in dem Buch von 2003 machte ich mir größere Sorgen um das Anwachsen der Weltbevölkerung und den Druck, der sich damit auf unsere Ressourcen aufbaut, auf die Umwelt zumal, und wie wir auf diesen Druck reagieren. Das besorgt auch die meisten Menschen heute mehr, als was dissidente Gruppen an Terrorakten einmal begehen könnten. Eine Weltbevölkerung von neun Milliarden bis zur Mitte unseres Jahrhunderts – das ist eine gewaltige Herausforderung für die Ernährung, die Energie, das Klima.

Morgenpost Online: Sie schreiben, dass ein Bewusstmachen der Risiken schon hilft, die Bedrohung zu mildern. Das setzt aber einen weltweiten Konsens unter politisch Handelnden voraus. Denken Sie nur an das unschlüssige Ergebnis des Kopenhagener Klimagipfels.

Rees: In der Politik übertrumpft leider das unmittelbar Dringliche immer das langfristig Wichtige. Aber es besteht kein Zweifel, dass in den vergangenen sieben Jahre Themen wie Klimawandel und nachhaltige Energie weit nach oben auf der Agenda gerückt sind.

Morgenpost Online: Was sind akzeptable, was inakzeptablen Risiken? Beim Klimawandel, sagt eine Denkschule, gibt es keine akzeptablen Risiken mehr.

Rees: Man muss immer eine Balance finden zwischen den Kosten, die für die Beseitigung von Risiken aufzubringen sind, und den Kosten, die auf uns zukommen, wenn wir nicht handeln. Die Wissenschaft hat eine Grenze gezogen bei zwei Grad Celsius, über die hinaus sich die Erde nicht mehr erwärmen sollte …

Morgenpost Online: … was sofort konterkariert wird von Ökonomen, welche die wirtschaftliche Belastung für die Einhaltung dieser Marge für inakzeptabel halten.

Rees: Da die rechte Balance zu finden – das ist die Aufgabe.

Morgenpost Online: Der engagierte Wissenschaftler in Ihnen warnt vor Gefahren. Der Astronom in Ihnen sagt zuversichtlich, dass unser Planet sechs Milliarden Jahre Leben hat. Ein Widerspruch?

Rees: Das haben Sie sehr dramatisch ausgedrückt. In Wirklichkeit ist der Gegensatz kein so scharfer. Auch wenn ich mir Sorge mache darüber, dass die Zivilisation Rückschritte erleiden kann, so nehme ich doch nicht an, dass unsere Spezies sich völlig selbst auslöschen wird. Das Ende der europäischen Zivilisation, wie wir sie kennen, ist eine Sache, das Ende allen Lebens eine andere. Daran glaube ich nicht.

Morgenpost Online: Also keine Untergangsprophetien?

Rees : Nun ja, ich weiß nicht. Wenn unsere Zivilisation zugrunde ginge, das wäre nicht gerade spaßig.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie dem Publikum Ihre wissenschaftliche Arbeit?

Rees: In meinen Vorlesungen und Vorträgen spreche ich immer davon, dass die Zukunft des Kosmos noch mindestens so lange dauern wird wie seine Vergangenheit. Wir stehen auf etwa halbem Wege, was die Frage aufwirft nach der Einmaligkeit des Menschen, den die meisten schlechthin für die Krönung halten, wovon aber kein Astronom wirklich ausgehen kann. Was die physische Struktur des Universums oder auch nur der Erde angeht, so gibt es ebenso viele Möglichkeiten für die Zeit, die noch vor uns liegt, wie in der bisherigen Evolution.

Morgenpost Online: Sie denken an eine möglicherweise höhere Existenz als den Menschen?

Rees : Ja, warum nicht? Ich glaube keineswegs, dass wir den Endpunkt der Evolution darstellen.

Morgenpost Online: Was könnte perfekter werden als das menschliche Gehirn? Es gehört zum Stolz unserer Spezies.

Rees: Nun ja, wir sind Menschen, klar. Aber auch Käfer haben ihren Stolz. Dabei bin ich natürlich tief in mein Menschsein verwoben und glaube, dass wir anderen Arten gegenüber durchaus einen qualitativen Schritt voraushaben.

Morgenpost Online: Käfer könnten keine Unterhaltung miteinander pflegen wie wir hier.

Rees: Gewiss, der Mensch ist etwas Besonderes. Aber ebenso kann man sich ausmalen, dass es Wesen gibt, die wir unsererseits nicht verstehen.

Morgenpost Online: Ist es das, was Sie fasziniert – die Erwartung, dass die Evolution weitere Varianten von Leben hervorbringt?

Rees: In meinem Alltag unterliege ich den Konstanten von Zeit und Raum und sorge mich um das Morgen wie andere auch. Aber intellektuell bin ich durchaus von der Möglichkeit fasziniert, dass da draußen noch anderes Leben existiert.

Morgenpost Online: Gibt es greifbare Indizien dafür, oder ist alles nur ein astronomisches Äquivalent zum Monster von Loch Ness?

Rees: Nun, es gibt jedenfalls kein Argument gegen meine Annahme. Es ist Spekulation, ja, wir wissen noch nicht, wie wahrscheinlich solch anderes Leben ist. Wir wissen aber seit etwa zehn Jahren, und das ist ein wichtiger Schritt nach vorn, dass es eine riesige Anzahl weiterer Planeten gibt, viele davon ähnlich unserer Erde. Was wir aber immer noch nicht wissen, wie überhaupt Leben auf der Erde entstanden ist. Solange wir das nicht verstehen, können wir auch nicht sagen, ob und wie es anderswo begonnen hat. Eine noch unbeantwortete Frage.

Morgenpost Online: Unbeantwortet oder unbeantwortbar?

Rees: Ich hoffe doch, dass wir die Frage binnen 20 Jahren gelöst haben. Aus Beobachtungen entfernter Planeten wissen wir zum Beispiel schon von noch anderen Biosphären. Also: eine letztlich beantwortbare Frage.

Morgenpost Online: Damit wäre dann ja auch das Problem des Urknalls gelöst. An einer Stelle Ihrer Schriften lese ich: „Wir glauben, dass die Bausteine der Planeten und des Lebens … aus diesem Urknall herrühren.“ Glauben hat eine religiöse Konnotation. Bei dieser Wortwahl muss ich an das Nizäische Glaubensbekenntnis der Christen denken: „Wir glauben an Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren …“

Rees (lachend): Meine Formulierung war unrichtig, ich hätte schreiben sollen: „Ich wette, dass …“ Schauen Sie, was wir in der Kosmologie allein in den letzten 50 Jahren alles gelernt haben. Zunächst wussten wir nichts vom Ursprung des Universums, heute dagegen besitzen wir Indizien, dass es diesen Urknall gegeben haben muss. Wissenschaftliche Kontroversen werden am Ende immer beigelegt, danach eröffnen sich neue Fragen. In meinem eigenen Fachgebiet zum Beispiel gehen wir heute von einer finiten Dauer unseres Planeten aus, ebenfalls eine relativ neue Erkenntnis. Auch besitzen wir inzwischen qualitative Indizien darüber, wie das Leben an seinen Anfängen war. Nur seine Entstehung – darüber rätselt die Wissenschaft noch.

Morgenpost Online: Hat das Experiment im Large Hadron Collider am Cern-Zentrum in Genf für Sie schon neue Erkenntnisse gebracht?

Rees: Kosmologie, wie alle Naturwissenschaft, entwickelt sich schrittweise. Der LHC wird uns, indem er höhere Energien freisetzt als frühere Beschleuniger, belehren über Konditionen näher am mysteriösen „Anfang“. Auch ist es möglich, dass der LHC schließlich Energien erzeugt, die hoch genug sind, um die sogenannten supersymmetrischen Partikel hervorzubringen. Es gibt starke theoretische Gründe für deren Existenz. Was mich angeht, sind sie meine bevorzugten Kandidaten für jene Partikel, welche die Dunkle Materie ausmachen. Schwärme von ihnen, entstanden im Urknall, könnten die Schwerkraft unterstützen, von der die Galaxien zusammengehalten werden.

Morgenpost Online: Noch einmal zurück zu dem Wort „glauben“, das Sie als „wetten“ verstanden wissen wollen.

Rees: Nehmen Sie unser menschliches Gehirn. Wie hätte man sich vor tausend Jahren ausmalen können, dass es jemals so etwas wie die Quantentheorie verstehen würde oder den Urknall? Wir haben es aber gemeistert, und daher gibt es keinen Grund anzunehmen, dass eben dieses Gehirn nicht auch Dinge verstehen wird, die wir noch nicht entschlüsselt haben.

Morgenpost Online: Warum nennen wir den Urknall nicht einfach „Gott“? Pascal ging von der Annahme aus, dass die Existenz Gottes „eine gute Wette“ sei.

Rees: Ich diskutiere aber Gott gar nicht in der Wissenschaft. Kosmologie unterscheidet sich in ihrem Denkmodus letztlich nicht von der Art, in der etwa der Geophysiker von der Erde spricht. In beiden Fällen bewegen wir uns innerhalb rein wissenschaftlicher Bahnen.

Morgenpost Online: Aber Sie selbst gehen in die Kirche. Ist das gar eine Wette auf die Möglichkeit der Existenz Gottes?

Rees: Keineswegs. Nicht, dass ich oft ginge, aber wenn, dann aus kulturellen Gründen. Ich bin Teil eines Stammes, sozusagen, und so handele ich aus kulturellen und ethischen Gepflogenheiten heraus.

Morgenpost Online: Sokrates befand: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Der moderne Wissenschaftler tritt forscher auf. Darf ich Sie einen Optimisten nennen?

Rees: Einen intellektuellen Optimisten, ja. Wir überblicken einen großen Zeitraum wissenschaftlichen Fortschritts und gehen davon aus, dass dieser nicht erlahmt, und auch, dass wir alle davon weiter profitieren können, vorausgesetzt, die Anwendung von Wissenschaft geschieht zu positiven Zwecken. Es gibt ja gutartige und weniger gutartige Anwendungen, wie wir aus der Geschichte der Entdeckungen wissen. Darum wird sich die Diskussion drehen, denn das politische Umfeld erweist sich oft als schwieriger als die Wissenschaft selbst. Alles, was wir tun können – und hier komme ich auf den Anfang unseres Gesprächs zurück –, ist, dass die Umsetzung unseres Wissens ethisch vertretbar ist und zum Nutzen aller ausfällt.

emm