Eliten

Harter Kampf um die intelligentesten Deutschen

Minu Tizabi ist 14 – und Medizinstudentin. Hochbegabte wie sie sind gefragt in Deutschland. Gymnasien werben mit Förderklassen um sie. An etwa 20 Unis gibt es ein Frühstudium für Schüler, die vorzeitig Abitur machen. An manchen Hochschulen sparen IQ-Größen sogar die Studiengebühren.

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Als zu Beginn des Monats in Heidelberg das Medizinstudium begann, saß in der Begrüßungsvorlesung auch ein schmales Mädchen aus Pforzheim. Minu Tizabi trug dunkle Bundfaltenhosen, eine weiße Bluse und einen Pullunder. Trotz der gediegenen Kleidung sah Minu mit ihrer Stupsnase und den Pausbacken längst nicht so alt wie ihre Kommilitonen aus. Vor Kurzem machte das Mädchen Abitur – mit 14 Jahren und einem Durchschnitt von 1,0.

Solche Hochbegabten tauchen immer wieder auf. Vor sieben Jahren war Franz Kiraly der jüngste Abiturient der Nachkriegsgeschichte, der damals 14-Jährige aus Hayingen bei Reutlingen legte einen Schnitt von 1,2 hin. 2003 holte Christiane Stenger den weiblichen Titel: Mit 16 Jahren schaffte sie auf einem Internat in Mecklenburg-Vorpommern die Abiturnote 1,9. Und im Herbst 2005 wurde Aaron Voloj Dessauer zum jüngsten Akademiker Deutschlands gekürt. Der Münsteraner bestand als 19-Jähriger die Magisterprüfung in Philosophie, und zwar mit „sehr gut“. Diese Häufung von Bestleistungen erinnert an den Flynn-Effekt: Die Menschheit wird ständig schlauer, fand der neuseeländische Politikwissenschaftler James Flynn bei einem Vergleich von Intelligenztests in den 80er-Jahren heraus. Der Intelligenzquotient der Deutschen verbesserte sich beispielsweise von 1954 bis 1981 um 17 Punkte.

Im Prinzip könne jeder schaffen, was sie geschafft hat, sagte Minu stets, als ihre Geschichte auf allen Kanälen erzählt wurde. Man müsste nur einen Vater wie Djamshid Tizabi haben: Der Diplom-Ingenieur förderte seine Tochter schon als Kleinkind, gab ihr Buchstaben statt Bauklötze zum Spielen, ließ den Kindergarten ausfallen und versorgte sie mit Büchern. Aber Sprüche wie „Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe“ sind höchstens die halbe Wahrheit. Die Wissbegier steckte bei dem nun 15-jährigen Mädchen in den Genen: Ihr Vater studierte Quantenelektronik, ihre Mutter Dietlinde promovierte während der Schwangerschaft in Elektrotechnik, bevor sie einen Monat nach der Geburt plötzlich verstarb.

Genetisches Grundlage der Intelligenz

Zu 50 bis 60 Prozent bestimmt das Erbe die Intelligenz, hat die Forschung ergeben. Die Zahl der Abiturienten ist zwar seit 1995 um ein Viertel gestiegen, hat das Bundesamt für Statistik errechnet. Aber die Hochbegabten bleiben trotz des Flynn-Effekts unter sich. Genau zwei Prozent der Bevölkerung zählen zu dieser Kategorie von Menschen, per Definition werden es auch nie mehr als zwei Prozent sein. Ein Intelligenzquotient von mindestens 130 ist dafür die Voraussetzung. Der gesellschaftliche Durchschnitt liegt bei 100 Punkten und wird regelmäßig der Entwicklung angepasst. „Deshalb kann die Zahl der Hochintelligenten nicht zunehmen“, erklärt Christine Warlies vom Verein Mensa, der jenen IQ von 130 für die Aufnahme verlangt. Nach den Tests ist Intelligenz ein quantitatives Merkmal wie die Körpergröße, sie messen die kognitive Leistungsfähigkeit, und die ist herausragend, wenn sie überdurchschnittlich ist.

Aversion gegen den Begriff Elite

Obwohl Deutschland als das Land der Dichter und Denker gilt, waren solche Zahlenspiele lange verpönt. „Der Begriff Elite hat aus unserer Tradition heraus ein negatives Stigma“, sagt Christine Warlies. Mittlerweile wandelte sich das Bild: Hochbegabte sind gefragt, spezielle Schulen wurden für sie eingerichtet, die Gymnasien werben mit Förderklassen, mehr als 20 Universitäten bieten das Frühstudium für Schüler an, und kürzlich haben die Unis Konstanz und Freiburg verkündet, dass Studenten mit einem IQ jenseits von 129 keine Gebühren bezahlen müssen. Christine Warlies findet diese Entwicklung positiv. „Die Hochintelligenten sind diejenigen, die unser Land voranbringen“, sagt die Mensa-Sprecherin. Sie würden die Arbeitsplätze schaffen und das Sozialsystem finanzieren. Außerdem sei es wie bei den schwächeren auch für die guten Schüler ungerecht, wenn ihre Bedürfnisse ignoriert würden.

Aaron Voloj Dessauer wanderte längst in die Vereinigten Staaten ab. Gleich nach dem Abitur packte er die Koffer und ging als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu Jura-Professor Alan Dershowitz nach Harvard. Er schwärmt von den Lehrkräften, den fleißigen und disziplinierten Studenten dort. Im Herbst beginnt er ein Postdoc-Studium. „Ich war gelangweilt und genervt im Gymnasium“, erzählt er. Mit 16 Jahren besuchte er deshalb nachmittags Seminare und Vorlesungen an der Universität Münster. Zwei Jahre später hatte er das Abitur und alle Scheine geschafft. Die Magisterarbeit schrieb er in Harvard. „An der Uni habe ich mich viel wohler gefühlt als jemals in der Schule“, sagt der 21-Jährige. In Deutschland orientierten sich die Lehrer im Unterricht am schlechtesten Schüler. Wer eine Klasse überspringe, begehe sozialen Suizid – ein Fußballtalent wird dagegen selbstverständlich gefördert. „In den USA ist man als Hochbegabter kein Außenseiter“, sagt Aaron Voloj Dessauer.

Die seit 1988 laufende Langzeitstudie von Detlef H. Rost, Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg, hat das Gegenteil ergeben: „Hochbegabte sind Menschen wie alle anderen auch, mit ähnlichen Vorzügen und Schwierigkeiten“, sagt er. Weil vor allem über Problemfälle berichtet worden sei, über Kinder, die trotz ihrer Klugheit in der Sonderschule landeten, hätte sich diese Meinung verfestigt. Aber von den zwei Prozent der Hochbegabten sind nur zwölf Prozent sogenannte Underachiever, die unter ihren Möglichkeiten bleiben. Und der Professor zitiert Untersuchungen, die bei den Eltern dieser Problemfälle die Probleme ausmachten: „Die Mütter waren neurotischer, unausgeglichener, wollten sich über ihre Kinder verwirklichen.“

Plädoyer für gute Ausbildung der breiten Bevölkerung

Rost ist kein Freund von Spezialgymnasien oder Spezialklassen. Individualisiert müsse der Unterricht sein, engagiert die Lehrer, dann seien Hochbegabte in normalen Schulen hervorragend aufgehoben. „Das Schielen auf Nobelpreise ist hirnrissig“, findet er, „wir brauchen eine gut ausgebildete Masse.“ Und Begabung bedeute nicht gleich Leistung, sie sei nur die Voraussetzung dafür. Die Studiengebührbefreiung hält er deshalb für willkürlich: „Die Leistung hängt nicht vom IQ ab“, erklärt er – sondern vom Arbeitsverhalten und der Expertise. Ein Schüler mit einem IQ von 110 könne ebenfalls in allen Fächern Einser schreiben, sogar die Professoren von Cambridge würden es im Schnitt nur auf 125 Punkte bringen. Aber auf diese Zahlen kommt es seiner Meinung nach sowieso höchstens dann an, wenn eine Entscheidung ansteht, betont DetlefH. Rost: Wenn etwa ein Kind vorzeitig eingeschult werden soll.

Minu möchte keine Zeit verlieren. Eigentlich wollte sie nach Cambridge, weil die britische Universität weltweit zu den besten zählt. Aber dafür müsste sie volljährig sein. „Bis dahin habe ich das halbe Studium hinter mir“, sagt sie. Stattdessen also Heidelberg, weil Heidelberg immerhin auf den deutschen Ranglisten spitze ist. Im September absolviert das Mädchen noch ein Praktikum in einem Krankenhaus. Drei Monate Praxiserfahrung sind bis zum fünften Semester vorgeschrieben, damit hat sie ein Drittel davon erledigt.


„Ich denke nicht, dass mein Alter ein Problem wird für mich“, sagt Minu. Sie ist es gewöhnt, die Jüngste zu sein. Außerdem gehe es im Krankenhaus und beim Studium ums Fachliche. Ihren Lebenslauf empfiehlt die 15-Jährige weiter: „Man muss früh anfangen“, sagt sie an alle Eltern gerichtet. Was gut daran ist, so schnell zu sein, kann Minu allerdings nicht erklären. Wenn ihr Plan aufgeht, wird sie mit 21 Jahren das Medizinstudium abschließen – in dem Alter betreten andere zum ersten Mal eine Universität.