Am 12.Februar 2009 um 17.55 MEZ wurde hoch über Sibirien eine seltsame Lichterscheinung beobachtet. Kein Wetterleuchten, kein Asteroid – sondern ein Novum in der Geschichte der Raumfahrt: der erste Verkehrsunfall im All.
Zwei Nachrichtensatelliten – der amerikanische „Iridium-33“ und der russische „Kosmos-2251“ – waren 790 Kilometer über der Erde in voller Fahrt aufeinandergekracht. Die Nasa zählte schon kurz nach der Explosion 600 Satellitentrümmer, die fortan mit der vielfachen Geschwindigkeit einer Gewehrkugel um die Erde rasen.
Die „Internationale Raumstation“ (ISS) wurde bei der Explosion damals zwar nicht in Mitleidenschaft gezogen. Sie kreist in etwa 400 Kilometer Höhe um die Erde, die rasanten Weltraumtrümmer waren 400 Kilometer weiter oben unterwegs. Wäre die Station jedoch getroffen worden, hätte das fatale Folgen haben können.
Immerhin würde ein hühnereigroßes Bruchstück von 80 Gramm Gewicht beim Einschlag mit acht Stundenkilometern pro Sekunde eine Explosionskraft von einem Kilo TNT entfalten – eine Eierhandgranate bringt es im Vergleich dazu auf etwa 80 Gramm Sprengstoff.
Weltraummüll ist für die Raumfahrt eine große Gefahr. Die Nasa hat deshalb extra ein Büro eingerichtet. Das Nasa Orbital Debris Program Office überwacht die Weltraumtrümmer. Seinen Beobachtungen zufolge kreisen heute allein aus Russland und den Ländern des ehemaligen Ostblocks 5800 größere Stücke Weltraummüll um die Erde, darunter allein 1400 ausgediente oder defekte Satelliten sowie 4400 Teilstücke ausgebrannter Raketen und andere größere Schrottstücke.
Amerika bringt es auf 4800 Teile, Europa und der Rest der Welt noch einmal auf knapp 1000 solcher Trümmerstücke, die antriebs- und steuerlos mit 28.000 Stundenkilometern und schneller im All unterwegs sind. Dazu kommen dann noch mehrere Hunderttausend winzige Splitter, die wegen ihrer extremen Geschwindigkeit auch nicht ungefährlich sind.
Wie entsorgt man diesen Schrott? Die Ingenieurin Kristin L. Gates von der kalifornischen Global Aerospace Corp. will Heliumballons als Weltraummüllabfuhr benutzen. Wie gigantische Bubblegums sollen sie sich künftig im All entfalten und helfen, ausgediente Satelliten zurück zur Erde zu bringen.
Nach einer bereits patentierten Methode könnte demnach jedem Satelliten beim Start in einem koffergroßen Behälter ein sauber zusammengefalteter Ballon mitgegeben werden. Wenn dann der Satellit nach vielen Jahren seinen Dienst beendet, bläst sich der Stoff automatisch auf etwa 100 Meter Durchmesser auf – und hängt als Riesenblase an dem schrottreifen Satelliten.
Der Ballon wird mitsamt dem Satelliten an den Gasteilchen der Hochatmosphäre mehrere Hundert Mal stärker abgebremst, als es bei einem alleinfliegenden Satelliten der Fall wäre. Die Rückkehr zur Erde würde sich so „von Jahrhunderten auf Monate abkürzen“, beteuern die Experten.
Der Satellit sinkt in die dichteren Luftschichten ab, wo er schließlich Feuer fängt und verglüht. Die Entsorgung per „Gold“-Ballon (Gossamer Orbit Lowering Device) wäre deutlich billiger als herkömmliche Verschrottungsverfahren. Derzeit werden ausgediente Satelliten mit einem kräftigen Triebwerksschub abgebremst und auf eine Absturzbahn gesteuert.
Oder sie werden auf eine über 36.000 Kilometer hohe „Friedhofsbahn“ geschoben, auf der sie Jahrtausende kreisen können, ohne irgendjemanden zu stören. Doch dafür muss der Satellit beim Start zusätzlichen Treibstoff mitnehmen. Und das ist teuer – wobei die alte Formel „10.000 Dollar pro Kilo auf die Umlaufbahn“ inzwischen einige inflationäre Zuschläge erfahren hat. So bringt es ein Raumtransporter inzwischen auf etwa 15.000 Dollar pro Kilogramm.
Das „Gold“-Team verweist nun darauf, dass sein Ballon mitsamt Aufblasmechanismus nur 36 Kilogramm wiegt – gerade mal so viel wie ein Kindersitz und deutlich weniger als die vielen Liter Treibstoff, die ein ballonloser Satellit zusätzlich tanken müsste, wenn er später seinen eigenen Absturz mithilfe seiner Triebwerke einleiten sollte. Außerdem, so heißt es, könne der Bremsballon „mit Roboterhilfe auch an großen Weltraumtrümmerteilen angebracht werden“ und sie zum Absturz bringen.
Dennoch bleibt abzuwarten, ob die Ingenieure der Weltraummüllabfuhr mit dem „Gold“-Ballon mehr Glück haben werden als mit einer Reihe von anderen Verschrottungskonzepten. Schon viele Ideen sind durchgefallen, weil sie ganz einfach zu teuer waren: Das Spektrum reicht unter anderem von Weltraumnetzen über Weltraumstaubsauger bis hin zum Einsatz von Laserstrahlen und Anti-Müll-Satelliten.
Inzwischen entwickeln auch die Europäer ein Konzept. Die englische University of Surrey und Europas großer Luft- und Raumfahrtkonzern EADS wollen Satelliten nicht mit großen Ballons abbremsen. Geht es nach ihnen, könnten Satelliten in Zukunft mit einem nur drei Kilogramm schweren 25-Quadratmeter-Segel – sozusagen als Weltraumskipper im Sinkflug – zum Wiedereintritt segeln.




