Tödliche Krankheit

Alle 19 Minuten stirbt ein Mensch an Darmkrebs

Jeder kann sich selber retten – Mithilfe der Krebsfrüherkennung: So konnten bereits 100.000 Menschen vor Darmkrebs bewahrt werden.

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Alle acht Minuten erkrankt hierzulande ein Mensch an Darmkrebs; alle 19 Minuten stirbt ein Mensch daran. Diese Statistik belegt, dass der Darmkrebs in Deutschland noch immer die häufigste Krebserkrankung ist, wenn man nicht nach Geschlecht differenziert. Bei Männern ist nur noch der Prostatakrebs häufiger und bei Frauen der Brustkrebs.

Dabei sind gerade im vergangenen Jahrzehnt große Erfolge im Kampf gegen den Darmkrebs erzielt worden. Seit 2002 gehört die Darmspiegelung (Koloskopie) zum gesetzlichen Programm zur Krebsfrüherkennung. Versicherten ab einem Alter von 50 Jahren wird zunächst ein Test auf verstecktes Blut im Stuhl angeboten.

Vom 55. Lebensjahr an ist eine kostenlose Teilnahme an einer Früherkennungskoloskopie möglich und – sofern die erste Untersuchung vor dem 65. Lebensjahr stattgefunden hat – nach zehn Jahren ein weiteres Mal.

Was die Früherkennung bringt

Der Epidemiologe Professor Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg hat errechnet, dass hierzulande durch dieses Vorsorgeprogramm von 2003 bis 2010 fast 100.000 Fälle von Darmkrebs verhütet und weitere knapp 50.000 Fälle in einem heilbaren Stadium entdeckt wurden.

Weil sich Darmkrebs langsam entwickelt und Jahre braucht, bis aus einer Vorstufe ein gefährliches Karzinom geworden ist, gibt es gute Chancen, die Erkrankung in einem noch heilbaren Stadium zu entdecken. Die wichtigste Untersuchung ist dabei die Darmspiegelung, bei der sich Polypen im Darm, aus denen Karzinome entstehen können, noch während der Untersuchung entfernen lassen.

Brenner stellt daher fest: „Darmkrebs kann weit besser als andere Krebsarten durch konsequente Früherkennung verhütet werden.“ Nach Brenners Berechnungen wurden bis Ende 2010 bei Personen im Alter von 55 bis 84 Jahren 98.734 Darmkrebsfälle durch die Teilnahme an Früherkennungs-Darmspiegelungen verhütet. Weitere 47.168 Erkrankungen wurden frühzeitig, in einem meist heilbaren Stadium entdeckt. „Diese großen Effekte sind umso erstaunlicher, als nur etwa drei Prozent der Berechtigten pro Jahr an dem Früherkennungsprogramm teilnehmen“, sagt Brenner.

Doch dies zeigt, wie groß noch das Potenzial ist, die Zahl der Todesfälle durch Darmkrebs weiter zu reduzieren. „Nach internationalen Erfahrungen“, so Brenner, „gelingt dies am ehesten durch ein organisiertes Früherkennungsprogramm mit gezielten Einladungen.“

Männer drücken sich immer noch vor der Vorsorge

Nach wie vor sind es eher die Männer, die sich davor scheuen, zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen. Und besonders die Darmspiegelung wird von vielen noch immer als eine eher unangenehme Sache betrachtet, die überdies mit Risiken verbunden sei. Dabei zeigt die Statistik, dass nur bei zwei bis drei von 1000 Koloskopie-Untersuchungen Komplikationen auftreten. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Blutungen nach der Entfernung von Polypen oder um Kreislaufprobleme durch Beruhigungsmedikamente.

Eine einfache und wenig aufwendige, wenngleich nicht ganz so aussagekräftige Alternative zur Darmspiegelung ist ein Streifentest, bei dem mehrere Stuhlproben in ein Labor geschickt und dort auf versteckte Blutspuren hin untersucht werden. Fällt ein solcher Test positiv aus, sodass also ein Verdacht auf Darmkrebs besteht, muss dann allerdings im nächsten Schritt doch eine Darmspiegelung durchgeführt werden.

Dies gilt auch für einen neuen und sehr komfortablen Bluttest, bei dem spezifisch veränderte DNA nachgewiesen wird, die bereits in einem frühen Erkrankungsstadium von Darmtumoren ins Blut abgegeben wird. Dazu muss also lediglich eine Blutprobe entnommen und die Probe in einem Diagnostiklabor ausgewertet werden. Der Nachteil dieses Tests sind die hohen Kosten von rund 150 Euro, die nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Doch insbesondere für Risikogruppen mit einem erhöhten familiären Risiko für Darmkrebs sind derartige Tests gewiss ihr Geld wert.

Bei knapp 30 Prozent aller Darmkrebsfälle liegt eine genetische, familiäre Belastung zugrunde. Wenn also Vater, Mutter, Geschwister oder eigene Kinder an Darmkrebs erkrankt sind, kann davon ausgegangen werden, dass man selber auch ein erhöhtes Risiko für das Entstehen eines Darmtumors besitzt. Experten schätzen, dass in Deutschland rund vier Millionen Menschen ein genetisch erhöhtes Risiko für Darmkrebs haben.

Bei einer familiären Belastung treten mögliche Erkrankungen typischerweise rund zehn Jahre früher auf als bei anderen Menschen. Daher greifen Vorsorgeuntersuchungen ab einem Alter von 55 Jahren bei diesem Personenkreis in der Regel nicht. Darmkrebserkrankungen bereits in einem Alter um die 30 sind bei einem genetisch erhöhten Risiko nicht selten.

"Familie & Verantwortung"

Der Präsidentin der Felix-Burda-Stiftung, Christa Maar, ist der Aspekt des familiären Risikos besonders wichtig. Schließlich war ihr Sohn Felix erst Anfang 30, als er an einer Darmkrebserkrankung starb. Diese Tragödie war der Auslöser für die Gründung der Stiftung, die in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal den Darmkrebsmonat März ausruft.

Die großen Erfolge, die hierzulande im Kampf gegen den Darmkrebs erreicht werden konnten, gehen maßgeblich auf das Engagement dieser Frau zurück, die es Jahr für Jahr schafft, Wissenschaftler, Ärzte, Apotheker, Prominente, Krankenkassen und Unternehmen für die gute Sache der Krebsvorsorge zu mobilisieren.

In diesem Jahr steht der Aktionsmonat unter dem Motto „Familie & Verantwortung“. Die Schirmherrschaft hat die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder übernommen. „Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass jeder Darmkrebs bekommen kann und dass es in der Verantwortung jedes Einzelnen liegt, rechtzeitig geeignete Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen“, sagt die Ministerin.

Christa Maar appelliert an alle Menschen mit familiärem Risiko: „Sie müssen spätestens mit 45 die Vorsorge beginnen und auch andere Familienmitglieder über die familiäre Vorbelastung aufklären.“ Hilfreich kann dabei auch die neue iPhone-Applikation „APPzumARZT“ sein, die für jedes Familienmitglied an die jeweils sinnvollen Präventionsuntersuchungen erinnert.