Thyra soll hübsch aussehen, wenn sie in den Ring geführt und von den Fachleuten begutachtet wird. Deswegen greift Uwe Habermehl noch mal in die Trickkiste. Mit einer Bürste und ordentlich Haarspray toupiert er der Kuh die haarige Schwanzspitze auf.

„Da muss mehr Volumen rein“, sagt der Landwirt mit Sinn fürs optische Detail und erklärt, worauf die Juroren beim Kuh-Casting in Lauterbach (Vogelsbergkreis) noch so alles ihr Augenmerk legen.

„Der Euter zum Beispiel“, betont Habermehl mit fester Stimme, kniet sich neben die knapp fünf Jahre alte Kuh und betastet sanft die Zitzen. Der Euter müsse schön lang und „gut aufgehangen“ sein.

„Hervorragende Beaderung“, schwärmt er. Thyra nimmt die Fummelei mit stoischer Gelassenheit und der Professionalität eines Topmodels hin - keine Zickereien. Andere Konkurrentinnen sind da schon nervöser und drohen hier und dort überfallartig die Zaungäste umzurennen.

„Thyra steht im Zenit. Das sieht man an der Milchleistung und am Körperbau“, schwärmt Habermehl über seine Startnummer 26. Er ist ein Landwirt aus der Region. Einen mittelständischen Familienbetrieb mit 70 Kühen im roboter-gesteuerten Melkstand nennt er sein Eigen. Der Bauer trägt eine rote Krawatte mit Kühen darauf zur ansonsten eher zweckmäßigen Garderobe. Habermehl trägt auch viel Ehrgeiz vor sich her. „Das ist hier ein interessanter Konkurrenzkampf. Wir können prüfen, ob wir uns züchterisch weiterentwickelt haben“, sagt er.

Weniger Betriebe

Der Landwirt ist einer von mehr als einem Dutzend Ausstellern, die ihre landwirtschaftlichen Nutztiere bei der großen Bezirksschau präsentieren. Der Lauterbacher Prämienmarkt, diesmal zum 240. Mal veranstaltet, ist eine der größten Veranstaltungen dieser Art in Hessen.

Weil die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe von 100.000 in der 1960er Jahren auf heute 20.000 schrumpfte, geht auch die Zahl der Prämienmärkte zurück.

Etwa 25 pro Jahr finden noch in Hessen statt. In Lauterbach wird die Veranstaltung von einem mehrtägigen Volksfest mit Fahrgeschäften und Buden begleitet, zu dem viele zehntausend Besucher strömen. Einige von ihnen lassen sich auch schon morgens um 10.00 Uhr das erste Pils schmecken, während die Bierkönigin lächelnd über den Rummel flaniert.

Für die Bauern geht es beim Kuh-Casting aber nicht nur um Werbung, Ruhm und Ehre, sondern auch um Zucht-Erfolge, die sich zu Geld machen lassen. Ein Bulle, sagen Experten, bringe an einen Schlachter verkauft etwa 1000 Euro ein. Wird er aber in der Besamungsstation angenommen, gibt's zum Beispiel 3000 Euro. Auch Nachkommen prämierter Kühe lassen die Kasse kräftiger klingeln. Es geht also auch um wirtschaftlichen Erfolg und Zukunftsfähigkeit eines Hofes.

"Euter-Qualität" und "Beinwerk"

Wer die begehrten Auszeichnungen in den verschiedenen Altersklassen bekommt, entscheiden Preisrichter wie Jost Grünhaupt. Wenn er von den zu bewertenden Kriterien redet, spricht über die „Euter-Qualität“, „das Beinwerk“ und die „Strichstellung“ der Zitzen. „Eine Daumenlänge ist gut.“

Der harmonische Gesamteindruck spiele natürlich auch eine Rolle. Damit seine Kühe einen guten Eindruck hinterlassen, spritzt Bauer Habermehrl seine Tiere mit dem Hochdruckreiniger ab. Macht die Kuh dann doch noch ein großes Geschäft, werden die Überreste mit einer Hand voll Stroh weggewischt. Wundstellen werden mit Puder übertüncht. Wer es perfekt haben will, kann auch einen Kuh-Friseur engagieren.

In einer Gitterbox ein paar Meter weiter stehen drei Kühe, die das alles schon hinter sich haben. Sie sind altgediente Hochleistungskühe eines Schlitzer Bauern, die für ihr Lebenswerk prämiert werden. „Jede von denen hat schon mehr als 100.000 Liter Milch gegeben. „Das ist das Fünffache, was man normal erwarten kann“, erklärt Juror Grünhaupt mit Blick herüber und wendet sich wieder der Preisverleihung zu.

Thyra gewinnt zwar ihre Altersklasse von „drei und mehr Kalbungen“. In der Gesamtwertung der alten Kühe belegt sie aber nur Rang drei. Ihre Performance war dann doch ein bisschen zu schwach. Bauer Habermehl sagt: „Es kommt, wie bei uns Menschen, auch immer auf die Tagesform an. Und die Konkurrenz war groß.“

dpa/fp