Psychologie

Warum es klüger ist, gelassen zu bleiben

Manche Menschen schaffen es, die Dinge zu lassen, wie sie sind. Das verträgt sich oft nicht mit der Leistungsgesellschaft.

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Wer im kilometerlangen Stau ruhigbleibt, die Verspätung der Bahn mit einem Lächeln hinnimmt und sich im Büro auch von der größten Hektik nicht anstecken lässt, ist eines: gelassen. Denn er lässt die Dinge ohne Widerstand, wie sie sind. „Ein gelassener Mensch nimmt seine momentane Situation an, verliert sich nicht in Erwartungen und schaut nicht ständig, was er alles haben könnte“, definiert der Psychologe Michael Schellberg aus Hamburg. „Kurz gesagt: Gelassenheit ist, bei sich und im Moment zu sein.“

Doch genau das fällt vielen Menschen schwer. Ein Grund kann Unsicherheit sein: Wer sich ständig in Gefahr sieht, ist selten gelassen. Ein großes Thema sind auch die Erwartungen – von anderen und sich selbst gegenüber. „Wir werden früh darauf getrimmt, Leistung zu zeigen und besser zu sein als andere. Einfach zu sein, genügt in unserer Leistungsgesellschaft anscheinend nicht“, sagt Peter Groß, psychologischer Psychotherapeut in Köln.

Ehrgeizige und engagierte Menschen haben oft wenig Talent zur Gelassenheit. Sie sind mit sich und ihrer Umwelt streng und müssen unbedingt ihr Ziel erreichen. Doch im Prinzip „muss“ gar nichts. Menschen können sich über Geschehnisse, über andere Menschen oder über ihre Lebenssituation aufregen – sie müssen es aber nicht.

Auf dem Weg zur Gelassenheit stehen allerdings oft Denkfallen, in die Menschen in schöner Regelmäßigkeit reintappen. Zum Beispiel, dass eine Laufmasche in der Strumpfhose auf einer schicken Veranstaltung das Ende der Welt ist. „Doch es sind nicht die Dinge, die uns aufregen, sondern die Art, wie wir sie interpretieren“, sagt die Coaching-Expertin Elke Overdick aus Hamburg, die ein Buch zum Thema verfasst hat. Sehr beliebt sei auch das „Gedanken lesen“, also das vermeintliche Wissen, was der andere denkt. Und da Gefühle durch Gedanken entstehen, kann das schnell zu einem unnötigen Unbehagen führen.

Ein schönes Beispiel dafür hat der österreichische Psychologe Paul Watzlawick in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ beschrieben: Ein Mann will sich von seinem Nachbarn einen Hammer ausleihen. Da fällt ihm ein, dass dieser ihn nur flüchtig gegrüßt hat. Er gerät in eine Gedankenspirale und ist zum Schluss überzeugt, dass der Nachbar arrogant ist und ihm den Hammer nicht ausleihen will. Er geht deshalb zu ihm und schreit, dass dieser seinen Hammer behalten kann.

Gelassenheit hat etliche Vorteile. „Der Mensch ist in einer positiven Grundspannung und damit leistungsfähig sowie kreativ“, erklärt Groß. Seine Entscheidungen sind deutlich besser als in einem hektischen und angespannten Zustand. Denn dann denkt und fühlt der Mensch, als hätte er Scheuklappen. Es scheint ihm nur noch eine meist sehr emotionale Reaktion möglich, zum Beispiel lautstarke Widerworte während einer Auseinandersetzung. „Emotionen sind in solchen Situationen ganz schlechte Ratgeber“, sagt Groß.

Im gelassenen Zustand sieht der Mensch dagegen, welche Möglichkeiten er hat. Er kann sich unter ihnen die beste aussuchen und souverän handeln. Außerdem verbraucht er viel weniger Energie als bei einer emotionalen Reaktion. Er ist unter dem Strich zufriedener und muss sich für nichts schämen. Auch für den Körper hat die Gelassenheit Vorteile. „Es ist zum Beispiel nachgewiesen, dass sie das Immunsystem stärkt und gelassene Menschen deutlich weniger häufig Depressionen bekommen“, sagt Groß. Und es gibt noch einen weiteren Vorteil: Gelassene Menschen wirken auf andere in der Regel äußerst attraktiv, ergänzt Schellberg.

Der Weg zur Gelassenheit ist allerdings alles andere als einfach. Sich selbst zu befehlen, jetzt doch mal gelassen zu sein, funktioniert in der Regel nicht. Es muss an den Grundlagen gearbeitet werden: Wichtig ist es, typische Verhaltensmuster sowie Denkfallen zu entdecken und ganz bewusst neue Wege zu gehen – und das immer wieder. Denn es dauert, bis alte Gewohnheiten abgelegt werden. In kritischen Situationen ist es sinnvoll, innerlich kurz einen Schritt zurückzutreten und in Ruhe durchzuatmen. Dafür ist immer Zeit - auch während einer Rede oder eines Streits.

Hilfreich ist es auch, sich die Frage zu stellen, was denn schlimmstenfalls passieren kann. Werde ich gekündigt, weil ich mal zu spät komme? Ist es wirklich so tragisch, wenn das Kind mal wieder gekleckert hat? Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich viele Stress-Situationen nur als Bagatelle.

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