Um ein Haar wäre der "Abora 3" die Einreise in die USA verweigert worden: Im Schilf ihres gewaltigen Rumpfs wurde eine Fliege gefunden, die dem amerikanischen Zoll nicht geheuer vorkam. Eine Laboruntersuchung ergab dann jedoch, dass das Insekt aus den Vereinigten Staaten stammte. Und nicht vom Titicacasee, wo das Boot gebaut worden war. Damit stand der Abfertigung nichts mehr im Weg.

Die "Abora 3" ist von prähistorischen Felszeichnungen abgeleitet und soll Anfang Juli auf Zeitreise gehen. Ihre Fahrt wird sie in die früheste Vergangenheit des Menschen führen. Gegen vorherrschende Winde soll das Segelfloß aus Schilf, dessen Rumpf weder Draht noch Nägel zusammenhalten, über die Azoren Europa erreichen. Das wäre der Beweis, dass bereits in der Jungsteinzeit transkontinentale Seereisen möglich waren.

Die Mehrheit der Wissenschaftler beharrt auf dem Standpunkt, dass die vorzeitlichen Menschen nicht die Kenntnisse und Möglichkeiten der Hochseeschifffahrt hatten. Dominique Görlitz will das Gegenteil selbst herausfinden. Der Chemnitzer Experimentalarchäologe schreibt zurzeit seine Doktorarbeit über "transatlantischen Kulturpflanzentransfer in der Vorzeit" an der Universität Bonn.

Er knüpft an die Expeditionen des berühmten Forschers Thor Heyerdahl an, der mit den Segelflößen "Ra" und "Kon-Tiki" Steinzeit-Törns unternahm. Doch im Gegensatz zu dem 2002 verstorbenen Norweger, mit dem er persönlich bekannt war, glaubt Görlitz auch an die Möglichkeit der Rückkehr zum Ausgangsort: Heyerdahls Boote konnten im Wesentlichen nur mit dem Wind im Rücken fahren. Die "Abora 3" besitzt stabile Seitenschwerter, um gegen den Wind zu kreuzen. Damit wären also Hin- und Rückfahrten möglich gewesen - unbedingte Voraussetzung, um Handel zu treiben. Der Chemnitzer Forscher beruft sich auf Darstellungen in vorzeitlichen Felszeichnungen.

Die Nordroute über den Atlantik zeichnet sich ganzjährig durch schweren Seegang und plötzliche Windwechsel. Görlitz, der mit einer elfköpfigen Besatzung reist, will auf der zweimonatigen Reise seine Position nach den Sternen bestimmen, hat aber für den Notfall auch Satellitennavigation an Bord.

Die zwölf Meter lange "Arbora 3" wurde nach 12 000 Jahre alten Höhlenmalereien entworfen und von den Aymara-Indianern am Titicacasee in Bolivien gebaut. Es handelt sich übrigens um den gleichen Volksstamm, der schon Heyerdahls berühmte Boote baute. Die Manövrierfähigkeit und Seetüchtigkeit hatte Görlitz zuvor mit Modellen im Strömungskanal der Universität Kiel testen lassen.

Bereits der Transport der "Abora 3" nach New York war ein Abenteuer: Per Lastwagen musste der klobige Rumpf über schmale Andenstraßen manövriert werden und befuhr an Deck eines Frachtschiffs den Panamakanal. In Chile war wegen der Überbreite des Konvois eine Polizei-Eskorte notwendig. Prompt erreichte das Boot sein Ziel in den USA leicht beschädigt.

Die Schäden wurden inzwischen behoben, derzeit takelt die internationale Besatzung das Segelfloß im New Yorker Stadtteil Jersey City in der Liberty Harbor Marina auf. Für Ende Mai ist der Stapellauf geplant. Danach will die Steinzeit-Mannschaft die Segelfähigkeiten ihres Bootes vor Manhattan testen. Die Bevölkerung New Yorks nimmt regen Anteil an der geplanten Expedition, wie die vielen Besucher am Bauplatz der "Abora 3" zeigen.

Angefangen hat Görlitz' abenteuerliche Karriere übrigens im Jachtklub von Greifswald: Mit Seglerfreunden diskutierte er einst über Heyerdahls Experimente um steinzeitliche Seefahrt. Je lauter seine Gegenüber ihn damals auslachten, umso hartnäckiger hielt der Chemnitzer an der Idee fest. Jetzt könnte seine Zeit gekommen sein.