Neurobiologie

Was man bei Kindern alles falsch machen kann

Was verstegt ein Neurobiologe unter „hirnrissig"? Passiert etwas mit dem Hirn, wenn ein Mensch immer zur Verstellung gezwungen wird? Hirnforscher Gerald Hüther erklärt, wieso Familien besser einen Ausflug auf die Müllhalde als in die Oper machen sollten – und was man sonst noch so alles falsch machen kann.

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Morgenpost Online : Wenn ich ein Porträt über Sie schriebe, was müsste ich unbedingt bedenken?

Gerald Hüther : Sie werden mich nicht verstehen, wenn Sie nicht fragen, woher ich komme.

Morgenpost Online : Sie meinen die DDR?

Hüther : Jeder Mensch macht prägende Erfahrungen, die ihn zu Haltungen führen, aufgrund derer er wiederum Bewertungen vornimmt. Und das führt dazu, dass man von diesen Erfahrungen viel stärker gelenkt wird und das Hirn sich durch diese Erfahrungen stärker strukturiert, als man dies bisher wusste.

Morgenpost Online : Wo kommen Sie also her?

Hüther : Aus einer sehr glücklichen, abenteuerlichen Kindheit. Mein Großvater war Wassermüller in Thüringen. Ich bin also in einer Wassermühle mit einem ganzen Haufen von Cousins und Cousinen groß geworden. Das war ein gutes Fundament.

Morgenpost Online : Das klingt nach Idylle, wenn man sich heute die armen Einzelkinder anschaut.

Hüther : Da muss man vorsichtig sein in der Bewertung. Die Verhältnisse haben sich geändert. Es können nicht alle Kinder in einer Wassermühle groß werden.

Morgenpost Online : Wie kamen Sie von der Wassermühle zum Hirn?

Hüther : Im Leben von Kindern gibt es entscheidende Begegnungen. Die liegen meinen Beobachtungen zufolge vor der Pubertät. Zwischen acht und zwölf ist man offenbar besonders sensibel für Anregungen, die sich aus der Begegnung mit anderen Menschen ergeben und dann in einem selbst eine Vision wecken, die zur Entfaltung kommen will.

Morgenpost Online : Freunde also, Lehrer?

Hüther : In meinem Dorf waren Eltern und Großeltern ständig in der Natur. Aber sie haben die Natur immer nur benutzt. Man ging in den Garten, nicht, um sich auf die Bank zu setzen, sondern um Unkraut zu jäten. Man ging in den Stall, nicht, um die Kühe zu grüßen, sondern um sie zu melken. Man ging an den Fluss, nicht, um Blumen zu pflücken, sondern zu schauen, ob es irgendwo eine Verstopfung gab, denn die Mühle sollte doch ordentlich laufen. Ich bin in einer Welt groß geworden, in der die Erwachsenen ein extrem funktionales Verhältnis zur Natur hatten. Was ich aber gar nicht merkte. Bis mir in diesem Dorf, als ich etwa zehn Jahre alt war, jemand über den Weg lief, der ein Schmetterlingsnetz trug und eine Botanisiertrommel umhängen hatte. Er sah aus wie Konrad Lorenz. Offenkundig hatte er sich verlaufen und bat mich um Hilfe. Ich zeigte ihm den Weg und begleitete ihn. Da nahm er ein Pflänzchen nach dem anderen hoch und sagte: „Weißt du, das ist das Labkraut, das nutzten die Bauern früher, um die Milch sauer zu machen.“ Und das dort sei die Kuckuckslichtnelke, und hier würde im Gebüsch gerade der Zaunkönig singen, den erkenne er sofort. So eröffnete er mir plötzlich einen Blick auf die Natur, wie ich ihn nicht kannte. Ich staunte nur noch. Das war wohl der entscheidende Moment für mich. Das will ich auch, sagte ich mir. Ich will einen Beruf finden, der es mir möglich macht, das Lebendige nicht nur bestaunen zu dürfen, es gar auch erforschen zu dürfen, nicht aber, um es auszunutzen, sondern um die Ehrfurcht vor dem Lebendigen, wie Albert Schweizer so schön sagte, bewahren zu können.

Morgenpost Online : Aber wieso dann Hirnforscher?

Hüther : Der Weg geht über die Biologie. In der DDR musste man sich straff bewegen. Nachdem ich in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und in die Freie Deutsche Jugend eingetreten war, ging es dann doch. Ich passte mich also an, so weit es ging, und durfte in Leipzig studieren. Innerhalb der Biologie gab es zwei Bereiche: die Immunologie und die Hirnforschung. Bei beiden beschäftigt sich die Biologie mit etwas, das lernfähig ist. Das Hirn ist lernfähig. Mich interessierte nie, wie die Dinge sind, sondern wie sie sich entfalten. Ich bin noch in der DDR promoviert worden und dann abgehauen, wie man das so nennt.

Morgenpost Online : Wie haben Sie das angestellt?

Hüther : Ich lernte, wie man Stempel fälscht und habe mir auf diese Weise selbst ein Visum erteilt. Man hatte vergessen, meinen Reisepass wieder einzuziehen, den ich wegen eines akademischen Auslandsaufenthalts erhalten hatte. Allmählich erst wurde mir klar, was für ein Kleinod ich da besaß. Nach drei Tagen Odyssee über Ungarn und Jugoslawien kam ich 150 Kilometer entfernt von meiner Heimat in Göttingen an.

Morgenpost Online : War das eine angstbewegte Zeit?

Hüther : Ich bin sehr dankbar für diese Zeit. Es war eine riesige Herausforderung. Alles hätte schiefgehen können, wenn aber alles nach der langen Vorbereitung auch noch gelingt, dann ist es das Schönste, was einem Menschen passieren kann. Daraus erwächst eine unglaubliche Kraft, die ich nicht wieder verloren habe.

Morgenpost Online : Das nennt man Erfahrung.

Hüther : Noch wichtiger wohl ist die Erfahrung zweier Kulturen. Man glaubt ja nicht, dass in einem Land derart unterschiedliche Kulturen herrschen. Ich brauchte fünf Jahre, um zu spüren, jetzt bin ich hier zu Hause.

Morgenpost Online : Wie spürt man das?

Hüther : Man hört auf zu vergleichen. Man erwirbt die Fähigkeit, eine Metaebene einnehmen zu können.

Morgenpost Online : Glauben Sie, dass es Angela Merkel ähnlich geht?

Hüther : Das weiß ich nicht.

Morgenpost Online : Sie haben sich verstellt. Das ist ungesund. Hat sich das Leben in einem Land, das die Menschen zur Verstellung zwang, nicht auch aufs Hirn gelegt?

Hüther : Eine spannende Frage. Wir sind in der Lage, eine Ich-Position einzunehmen und Beobachter eines Geschehens zu sein. Wenn man dann entscheidet, in die FDJ zu gehen, um zu studieren, dann ist man eigentlich kein FDJler, sondern man ist ein Subjekt, das seine Ziele verfolgt. Das ist sehr selbstbewusst und authentisch. Von außen mag es scheinen, als sei man angepasst. Aber man ist nicht Teil des Systems, sondern man benutzt die Regeln des Systems, um sich zu dem entwickeln zu können, was man als Drang verspürt und was sich entfalten möchte.

Morgenpost Online : Aber dann doch vielleicht sich nicht entfalten kann und darf?

Hüther : Wenn man sich mit korrupten Strukturen arrangiert, läuft man immer wieder Gefahr, aufgesaugt zu werden vom Geist dieser Gemeinschaften. So passen irgendwann die Haltungen zu den Strukturen. Weswegen offenbar Veränderungsprozesse so unglaublich schwer sind.

Morgenpost Online : Wie ist das, wenn man ein Hirn vor sich liegen hat?

Hüther : Das weckt in mir keine großen Gedanken an den Menschen, der dieses Hirn einmal in sich trug. Das ist ein Objekt. Wir haben die wunderbare Fähigkeit, die Dinge zu Objekten machen zu können. Und was den Menschen einmal ausmachte, steckt schließlich nicht in diesem formalinfixierten Gewebe. Das ist woandershin geflogen.

Morgenpost Online : Wohin denn?

Hüther : Wir wissen, dass ein Mensch mehr hinterlässt als Asche oder eingelegte Hirne. Seine Spuren, die er im Laufe des Lebens säte, findet man immer in anderen Menschen. Wenn Sie so wollen, ist ein Stück des Botanikers, den ich als Kind traf, in mir unterwegs.

Morgenpost Online : Sie hielten vor Jahren einen Vortrag, bei dem Sie das Hirn eines Stallesels mit dem eines wilden verglichen. Ist der Stall per se schlimm, und macht Freiheit größere Hirne?

Hüther : (lacht) Das war auf einem Bildungskongress. In der Tat kann die Hirnforschung heute aufzeigen, dass Kinder sich manchmal nicht entfalten können. Bei den Eseln führt das tatsächlich dazu, dass der Stallesel ein kleineres Hirn hat.

Morgenpost Online : Kann man die nicht genutzten Potenziale der Kindheit später wieder aktivieren?

Hüther : Einerseits erlebt das Hirn in der frühen Kindheit eine regelrechte Blüte. Es werden unzählige Vernetzungsangebote, etwa im Sprachzentrum, aufgebaut, sodass da mindestens drei Muttersprachen reinpassen würden. Aber es ist schon gut, wenn man eine beherrscht! Lernt man später Fremdsprachen, werden die Worte anders abgelegt. Man beherrscht sie nicht mehr perfekt, aber man nutzt mehr Hirn. Alles hat seine Vor- und Nachteile.

Morgenpost Online : Das Hirn des Kindes ist in der Blüte, sagen Sie.

Hüther : Wir müssen die Kinder gar nicht neugierig machen, wir müssen ihnen auch keine Offenheit oder Begeisterung beibringen. Das haben die Kinder alles, das bringen sie aus dem Mutterleib mit. Es kann aber nicht sein, dass Kinder mit Begeisterung in die Schule gehen und spätestens in der vierten Klasse davon nichts mehr zu spüren ist. Was machen wir da falsch? Es liegt jedenfalls nicht an den Kindern oder ihrem Hirn.

Morgenpost Online : Was kann man alles falsch machen bei Kindern?

Hüther : Das Schlimmste, was einem Kind passieren kann, ist, seine beiden Grundbedürfnisse, mit denen es auf die Welt kommt, nicht befriedigen zu dürfen. Schon vor der Geburt macht das Kind zwei Erfahrungen. Erstens, ich wachse, und zwar jeden Tag ein Stück, über mich selbst hinaus. Und die zweite Erfahrung ist, ich war aufs Engste mit jemandem verbunden. Damit kommt jedes Kind auf die Welt. Es will wachsen dürfen, entdecken, autonom werden, Freiheit entwickeln, und es möchte gleichzeitig verbunden bleiben. Es sind wohl die glücklichen Kinder, die Familien erleben, in denen dies möglich ist.

Wenn eines der Bedürfnisse jedoch nicht befriedigt wird, dann leidet das Kind Not. Das muss man in dieser Deutlichkeit sagen. Man merkt schon als Kind, dass aus einem etwas gemacht werden soll. Oder man spürt als Kind, dass man an Grenzen stößt, dass man nicht genug Futter für dieses wachsende Hirn bekommt, ausgebremst wird. Und wenn das Hirn Not leidet, dann entsteht Stress, das erzeugt Angst und unter diesen Bedingungen kann kein Kind sein Hirn vernünftig nutzen. Vielen Kindern bleibt nur die Möglichkeit, nach Ersatz zu suchen. Weil sie nicht bekommen, was sie brauchen, nehmen sie das, was sie kriegen können. Davon braucht man immer mehr, und so entstehen Gefühle, die überhaupt nicht angeboren sind, wie Gier, Neid, Missgunst. Eigentlich sind das gar keine Gefühle, sondern Haltungen. Hirntechnisch sind diese Menschen eng, sie können sich nicht öffnen.

Morgenpost Online : Kindheit klingt bei Ihnen nach Abenteuer, nach Streunen und Stromern.

Hüther : Das haben viele heutige Eltern schon nicht mehr erlebt. Die glauben, die Kinder müssten in Museen und Theatervorführungen geschleppt werden. Vielleicht sollten sie lieber mal auf eine Müllhalde oder in ein Sumpfgebiet gehen.

Morgenpost Online : Sind Sie ein Zivilisationskritiker?

Hüther : Nein. Ich glaube an die Biologie und die Gesetze des Lebens, wonach sich dieses immer wieder einen Weg sucht. Wir werden eben nicht als Mängelwesen geboren. Das Leben beginnt aus der Fülle. Und Leben ist intentional. Jedes Lebewesen will etwas. In jedem steckt etwas, was man nicht mehr sieht, wenn man es nur zerlegt und analysiert. Das hat die Biologie im letzten Jahrhundert bis zur Perfektion betrieben. Aber genau so lernt man nichts über das Leben. Schon ein Hefekloß würde, wenn man ihn denn fragte, was er unter seiner Decke will, sagen: Ich will wachsen und will aber auch mit den anderen Hefeklößen verbunden bleiben.

Morgenpost Online : Sie verkörpern für mich den gesunden Menschenverstand. Ist das zu pathetisch?

Hüther : Nein! Dass Sie so fragen, spiegelt nur das Dilemma des letzten Jahrhunderts, unseres Denkens seit der Aufklärung wider. Wir können nicht alle Probleme mit nackter Vernunft lösen. Wir trennten das Denken vom Fühlen ab und dann auch noch den Kopf vom Körper. Heute sagt die Hirnforschung: Das geht nicht, denn das ist pathologisch. Jede Wahrnehmung, die im Hirn verarbeitet wird, muss durch den Körper.

Morgenpost Online : Was versteht man unter „hirnrissig“?

Hüther : Das Denken vom Fühlen abzutrennen, erfordert eine enorme Anstrengung. Wir sind in der Lage, Bedürfnisse abzuspalten, Erfahrungen ins Hinterstübchen zu verbannen. Bis man irgendwann kein authentischer Mensch mehr ist.

Morgenpost Online : Sind wir Menschen antiquiert?

Hüther : Wir haben uns festgerannt. In der Vergangenheit betrieben wir Ressourcenausnutzung. Wir haben die Fülle der Natur erschlossen, die Bodenschätze geborgen, wir förderten alles, was wir kriegen konnten, solange die Fülle vorhanden war. Selbst was die Schulen angeht, haben wir uns nur so viel um Bildung gekümmert, solange gewährleistet war, dass selbst aus schlechten Schulen genug brauchbare Schüler herauskamen. Heute betrachtet sich der Mensch selbst sogar als Ressource. Ich bin glücklich, dass wir diesen Höhepunkt erreicht haben. Noch mehr geht nicht. Noch mehr können wir uns nicht gegenseitig zu Objekten machen.

Morgenpost Online : Und nun?

Hüther : Für die alte Strategie der Ressourcennutzung brauchten sie viel Wettbewerb, viel Druck, viel Konkurrenz, die Peitsche und das Zuckerbrot. Die Hirnforschung sagt uns doch: Die Kinder haben viel mehr Potenzial. Dieser ganze Druck, den wir auf sie ausüben, macht aus ihrem Gehirn eine Kümmerversion dessen, was daraus hätte werden können. Mit Antreiben kommen wir nicht mehr weiter, jetzt gilt es Räume zu schaffen, in denen Entdeckungen möglich sind. Man braucht „supportive leaders“ als Führungskräfte in der Wirtschaft, und man braucht Pädagogen, die Kinder ermutigen, die sie inspirieren, sie einladen, sich selbst zu entdecken. Das wäre die Zukunft unserer Gesellschaft. Ich halte das für unabwendbar. Es wäre schön, wenn wir in Deutschland Vorreiter einer solchen neuen Lernkultur werden.

Morgenpost Online : Sind Ihre Kinder glücklich?

Hüther : Ich hoffe das. In der frühen Phase der Kindheit sollte es gelingen, den Kindern so viel mit auf den Weg zu geben, dass sie dies später wieder ausgraben können. Eine unserer Töchter hat nach dem Abitur gesagt, sie wolle nicht mehr weiterlernen. Und macht eine Ausbildung in Patisserie in Paris. Darüber bin ich sehr glücklich. Weil es zeigt, dass ein Universitätsstudium nicht unbedingt alle Menschen glücklich macht. Diese Tochter backt einfach gerne. Diese eigene Motivation, die Begeisterung, mit der man sich als Jugendlicher ins Leben begibt, halte ich für das Wesentliche. Nur so lässt sich in der nachwachsenden Generation ein Geist wecken, der Kulturgüter hervorbringt.

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