Sowohl in der traditionellen chinesischen Medizin als auch beim indischen Ayurveda spielt die Pulsdiagnostik eine zentrale Rolle. Der Arzt fühlt über einen längeren Zeitraum den Herzschlag des Patienten oberhalb des linken Handgelenks. Danach kann er überraschend präzise Aussagen über den Gesundheitszustand des so Untersuchten machen.

Den meisten Ärzten der westlichen Welt erscheint diese Form der Diagnostik noch immer als Hokuspokus, wenn nicht gar als Scharlatanerie. Doch Professor Roman Bajewski vom Moskauer Institut für biomedizinische Probleme der Russischen Akademie der Wissenschaften ist davon überzeugt, dass die Pulsdiagnostik durchaus eine wissenschaftliche Grundlage hat.


Bajewski war der erste Forscher, der sich mit der schwierigen Frage auseinandersetzte, wie man gesundheitlich geeignete Kandidaten für Flüge in den Kosmos aussuchen kann. Die von Bajewski bereits Ende der 50er-Jahre in Moskau entwickelte Methode wird bis heute bei der Auswahl von Kosmonauten eingesetzt. Und das Erstaunliche daran: Die Analyse des Pulsschlags spielt bei dieser Methode die entscheidende Rolle.

„Von Medizinern im Westen wird meist übersehen, dass gesund nicht einfach gleich gesund ist“, erklärt Roman Bajewski. Es gebe vielmehr viele verschiedene Abstufungen von Gesundsein – und damit unterschiedlich hohe Risiken für Erkrankungen. Bei den selbstverständlich allesamt gesunden Bewerbern für einen Kosmonautenjob geht es aber gerade um die Frage, wer denn nun von den Gesunden tatsächlich der Gesündeste ist. Genau dies lasse sich mit einer Pulsdiagnostik entscheiden. Mit ihr könne schon bei Gesunden das Risiko für spätere Erkrankungen abgeschätzt werden.

„Was der chinesische oder indische Arzt auf der Grundlage einer langen Ausbildung und sehr viel Übung in seinem Kopf errechnet, wird bei uns von einem Computer auf der Basis präziser wissenschaftlicher Modelle geleistet“, erklärt Professor Bajewski seine Methode, die im Kern auf einer Analyse der Variabilität des Pulses beruht. Es geht also darum, kleine Schwankungen im Rhythmus des Herzens präzise zu detektieren.

„Ein gesundes Herz tanzt“, sagt Bajewski und meint damit, dass der Puls bei einem gesunden Menschen variabel, der Herzschlag also mal etwas schneller und mal ein wenig langsamer ist. Bei einem Menschen, der stark unter Stress gerät, wird der Puls hingegen starr und regelmäßig. Um aus der Messung des Herzschlags differenzierte Aussagen gewinnen zu können, muss man sehr genau analysieren, mit welchen Oberschwingungen der Puls eines Menschen schwankt.

Seit 50 Jahren hat Bajewski seine Methode immer weiter verfeinert und optimiert. Bereits seit den 70er-Jahren wurden die zunächst in der Kosmonautenforschung gewonnenen Erkenntnisse auf die irdische Medizin übertragen und in Studien mit Zehntausenden Menschen überprüft. In den 80er-Jahren wurde in der Sowjetunion eine von Bajewski entwickelte Messeinrichtung in einem Bus über Land gefahren, um möglichst viele Pulsdaten von Menschen zu gewinnen, die unter ganz verschiedenen Bedingungen leben.

Im Laufe von Jahrzehnten konnten viele Erkenntnisse gewonnen werden. So gibt es offenbar, wie Bajewski fand, im Puls von Menschen eine ganz charakteristische Variabilität mit einer Periode von zehn Sekunden. Ist diese Welle im Frequenzspektrum des Herzschlags besonders ausgeprägt, deutet dies auf ein erhöhtes Risiko hin, an Bluthochdruck zu erkranken. Dies werde bereits dann deutlich, wenn der Blutdruck selbst noch normale Werte aufweist. Kommt es später tatsächlich zu einem Bluthochdruck, verschwindet die warnende Zehn-Sekunden-Welle aus dem Herzspektrum.

Im Bereich von zwei bis acht Sekunden, so erklärt Bajewski, liegen die sogenannten respiratorischen Wellen. Sie stehen in einem Zusammenhang mit der Atmung. Je mehr krank machendem Stress ein Mensch ausgesetzt ist, umso schwächer sind seine Atemwellen im Herzspektrum. An ihrer Intensität lässt sich bei einem Menschen die kontinuierliche Entwicklung von gesund nach krank beobachten – schon lange bevor es Symptome gibt.

Ein drittes Beispiel sind jene Wellen im Herzspektrum, die ein Abbild der Stoffwechselprozesse des Körpers darstellen. Hier gibt es besonders lange Perioden, die im Bereich zwischen 25 und 70 Sekunden liegen. Um diese Schwankungen mit der klassischen Methode der Pulsdiagnostik überhaupt erfassen zu können, benötigen die Ärzte der traditionellen chinesischen Medizin mindestens eine halbe Stunde. Bajewski kann jedoch dank Computertechnik und neuen mathematischen Algorithmen komplette Pulsspektren innerhalb weniger Minuten vermessen. Der mathematische Kern der Methode ist die sogenannte Fourieranalyse, bei der ein Puls in die darin enthaltenen Frequenzen zerlegt und deren relative Anteile vom Computer berechnet werden.

Das gesamte Know-how Bajewskis ist in ein handliches System mit der Bezeichnung „Valeograph SC“ eingeflossen, das inzwischen auch in Deutschland zum Einsatz kommt. Besonders Arbeitsmediziner interessieren sich für das von der Firma Synapsis in Neubrandenburg vertriebene Gerät, weil sie damit den Gesundheitszustand von Angestellten vergleichen können, auch wenn diese noch gar nicht unter Krankheiten leiden.


Ein weiteres Anwendungsfeld ist die Neurologie, denn die Herzrhythmusvariabilitätsanalyse erlaubt Rückschlüsse auf den Zustand des vegetativen Nervensystems. Beispielsweise ermögliche eine solche Messung die präzise Unterscheidung zwischen einer Parkinson-Erkrankung und multipler Sklerose (MS), die bisweilen mit sehr ähnlichen Symptomen verbunden sein können und dann schwer unterscheidbar sind.

Nach wie vor ist aber die Raumfahrt ein besonders wichtiges Anwendungsfeld der modernen Pulsanalyse. So kommt etwa im russischen Modul der „Internationalen Raumstation“ ein Pneumocart genanntes Messsystem zum Einsatz, das Professor Bajewski gemeinsam mit dem deutschen Forscher Jens Tank von der Medizinischen Hochschule Hannover entwickelt hat.


Neben der Herzrhythmusvariabilitätsanalyse registriert der Pneumocart auch die Atemfrequenz, das Atem-Puls-Verhältnis und die Blutmenge, die mit jedem Pulsschlag ins Herz gepumpt wird. Dazu werden von einem auf dem Brustbein platzierten Seismo-Sensor die Vibrationen des Herzens registriert. Überdies wird der elektrische Widerstand im Brustbereich gemessen.

Finanziert wurde das Pneumocart-Projekt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. Durch regelmäßige Messungen lässt sich mit diesem Messsystem der Gesundheitszustand von Astronauten auf der Raumstation kontrollieren. Das Gewicht des Herzens, so erklärt Tank, werde zwar in der Schwerelosigkeit mit der Zeit etwas geringer, doch das Schlagvolumen und damit die Leistungsfähigkeit des pumpenden Muskels bleibe zum Glück dennoch gleich. Wichtig ist diese Erkenntnis insbesondere für Langzeitflüge – etwa zum Mars.


Im kommenden Jahr soll in Moskau das Forschungsprojekt „Mars500“ starten. Dabei werden Freiwillige, unter anderen auch ein Deutscher, insgesamt 500 Tage in eine Kammer gesperrt, um die medizinischen und psychischen Auswirkungen einer so langen Isolation zu erkunden. 500 Tage sind ein realistischer Zeitraum, den man für eine bemannte Mission zum Mars – und zurück – veranschlagen müsste. Auch in der Moskauer Isolationskammer soll der Gesundheitszustand der Probanden per Pneumocart überwacht werden. Bajewski selbst kümmert sich um die Auswertung der Daten zur Pulsvariabilität.

Um die Aussagekraft der Messungen zu erhöhen, werden weltweit in verschiedenen Klimazonen zwölf Kontrollgruppen mit Testpersonen eingerichtet. Auch ihre Herzen werden 500 Tage lang überwacht – im Dienste der bemannten Raumfahrt und der irdischen Gesundheitsforschung.