Neue Gebietsansprüche

Start frei für den Run auf die Schätze der Arktis

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Maria Gerber

Foto: Infografik WELT ONLINE

Unter dem Eis werden Bodenschätze vermutet: USA, Kanada und Russland vermessen das Gebiet neu – sie wollen beweisen: Der Nordpol gehört zu uns.

Jeder Mensch besitzt einen kleinen Teil des Nordpols. Er ist das „gemeinsame Erbe der Menschheit“. So steht es in der UN-Resolution von 1970. Und das gilt auch für die wertvollen Rohstoffe, die dort schlummern. Nach Schätzungen von amerikanischen Geologen lagern im nördlichen Polargebiet etwa 30 Prozent der bislang unentdeckten Erdgasvorkommen und 13 Prozent der unentdeckten Ölvorräte sowie Gold, Silber, Eisen und Kohle. Damit lässt sich eine ganze Menge machen – theoretisch.

Doch mit diesem gemeinsamen Erbe der Menschheit ist es wie mit Wind und Wolken: Man kann genauso gut sagen: der Nordpol gehört niemandem. Und damit ist der Kampf für die fünf angrenzenden Staaten offen: Kanada, Norwegen, USA, Russland und Dänemark, das außenpolitisch Grönland vertritt, berühren mit ihrem Staatsgebiet die frostige Arktis. Mit Messdaten aus der Tiefe des Polarmeeres wollen die Länder beweisen, dass ihr Staatsgebiet unter Wasser weiter reicht und sie deshalb ein Anrecht auf die dort vermuteten Bodenschätze haben.

Aus diesem Grund stach in der vergangenen Woche die „Healy“, das Forschungsschiff der USA, in See. Den 25 Wissenschaftlern und 100 Besatzungsmitgliedern an Bord des Eisbrechers stehen harte Tage bevor: Während sich das Schiff durch dickes Meereis frisst, versuchen die Forscher den Meeresboden auszuloten – voraussichtlich genau zu der Zeit, in der Polarstürme über das Deck hinwegfegen. Ihr Haupt-Messinstrument – ein Fächerecholot – sendet Signale in die Tiefe, die wie Schall zurückgeworfen werden. Stück für Stück tastet das Messgerät die Tiefe ab und erstellt so eine präzise topografische Karte des Meeresgrundes.

Die Amerikaner wollen beweisen, dass ihr Kontinent unter Wasser weiter nach Norden reicht als bisher angenommen. Dann könnten sie bei einer speziellen UN-Kommission die Erweiterung ihres Territoriums beantragen und haben alleiniges Recht, in diesem Gebiet Öl, Gas und Erze zu fördern.

Nicht nur die amerikanische „Healy“ pflügt sich durch das Eis. Die Kanadier haben ihre „Louis S. St. Laurent“ losgeschickt. Nördlich von Alaska treffen die Messschiffe aufeinander. Die USA und Kanada wollen bei ihrer dritten gemeinsamen Expedition herausfinden, wo der nordamerikanische Festlandsockel endet.

Auch die Russen sind im zugefrorenen Nordmeer unterwegs. Ende Juli schickte der Kreml das Forschungsschiff „Akademik Fjodorow“ samt Eisbrecher „Jamal“ in die Arktis. „Um die wirtschaftliche Sicherheit Russlands auch in Zukunft zu gewährleisten, müssen wir klarstellen, dass der Festlandsockel uns gehört“, sagte der Arktis-Beauftragte der russischen Regierung, Artur Tschilingarow. Der Wettstreit um die Arktis ist eindeutig nicht mehr zu stoppen.

Die wirklich lukrativen Gebiete liegen woanders

„Es geht um Macht“, sagt Karl Hinz, Professor für Marine Geophysik und früheres Mitglied der UN-Kommission, die über die Anträge der Staaten zur „Erweiterung des Festlandsockels“ entscheidet – der Commission on the Limits of the Continental Shelf (CLCS). Wer seinen Erläuterungen zuhört, dem wird schnell klar, dass es weniger um die Rohstoffe gehen kann. Hinz vertritt die Meinung, die wirklich lukrativen Gebiete lägen sowieso in den großen nördlichen Schelfbereichen, die schon längst zu Kanada und Russland gehören.

Denn nach der internationalen Seerechtskonvention der Vereinten Nationen hat jedes Land Anspruch auf das Gebiet, das sich bis zu 200 Seemeilen (370 Kilometer) vor seiner Küste ausdehnt. Genau in diesen Bereich fallen die prospektiven Schelfgebiete. „Erdöl und Erdgas in der Zentralarktis halte ich für eher unwahrscheinlich“, sagt Hinz.

Doch genau darüber streiten die Anrainerstaaten. Sie wollen endlich Klarheit darüber, wem der Lomonossow-Rücken gehört. Das ist ein Gebirge unter Wasser, das direkt am Nordpol liegt. Die Russen sehen in den zerklüfteten Bergen eine direkte Verlängerung ihres Kontinents, die Dänen glauben an eine Fortsetzung von Grönland, und für Kanada ist das Gebirge ein unterseeischer Teil ihrer ganz im Norden gelegenen Ellesmere-Insel.

„Es geht in erster Linie darum: Das gehört jetzt uns, hier legen wir unsere Hand drauf“, sagt Hinz und beschreibt damit nicht nur das Monopoly-Spiel von Kanada, Norwegen, USA, Dänemark und Russland um die Arktis, sondern spricht auch über Surinam. Der südamerikanische Küstenstaat hat mit dem Nordpol nichts zu tun. Das kleine Land berührt fast den Äquator, grenzt aber im Norden an den Atlantik und hat bei der CLCS ebenfalls einen Antrag zur Erweiterung des Festlandsockels gestellt – so wie 52 weitere Staaten weltweit.

Hinz, der mittlerweile im Ruhestand ist, berät Surinam in Sachen Landgewinnung. „Ob das Gebiet nördlich von Surinam Potenzial für Erdöl und Erdgas hat, weiß man nicht“, sagt er und fügt fast großväterlich hinzu: „Ich verstehe, dass die Länder Interesse an Landgewinnung haben. Sie glauben, das macht sie reich.“

Am 26. August wird Hinz im Auftrag Surinams nach New York fliegen. Am East River hat die UN ihr Hauptquartier, und dort stellt er sich dem Frage- und Antwort-Spiel der CLCS. Vor neun Jahren, als der deutsche Meeresexperte noch selbst Teil der Kommission war, hatte Russland schon mal einen Antrag zur Erweiterung ihres Festlandsockels eingereicht. Im Bereich der Beringsee und der Barentssee ging der Antrag durch.

Der wichtigste Punkt im Antrag betraf aber die Zentralarktis, ein Gebiet von 1,2 Millionen Quadratkilometern – eine der geologisch am wenigsten erforschten Regionen der Erde. „Ich gehörte zu denjenigen, die das abgelehnt haben“, sagt Hinz, und er war nicht der einzige Kritiker. So fiel das riesige Meeresgebiet nicht an Russland.

Beim großen Landverteilungsprogramm mischt Deutschland nicht mit. In Nord- und Ostsee sind die Besitzverhältnisse geklärt. Aber im Zentralpazifik hat sich Deutschland ein 75.000 Quadratkilometer großes Lizenzgebiet zwischen Hawaii und Mexiko gesichert. Der Großteil des Pazifiks ist, wie derzeit noch die Arktis, gemeinsames Erbe der Menschheit.

Die reichen Vorkommen an Manganknollen, die dort am Meeresgrund liegen, gehören allen. Neben China, Japan und Russland hat Deutschland die Explorationslizenz von der Internationalen Meeresbodenbehörde für 15 Jahre erhalten. Forscher aus Hannover von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) erkunden den Meeresboden in 5000 Meter Tiefe.

Manganknollen seien eine Rohstoffquelle der Zukunft für Buntmetalle wie Kupfer oder Nickel, erklärt der Expeditionsleiter. Wer die Schätze bergen will, muss sich aber an den Tiefsee-Bergbau-Kodex halten: Der enthält unter anderem die Verpflichtung, zusammen mit dem eigenen Gebiet ein gleich großes Meeresgebiet zu erwerben, das naturbelassen bleibt. Doch erst einmal muss geklärt werden, wem das Gebiet gehört.