Die Nasa sitzt in der Bredouille. Die veralteten und extrem kostspieligen Space Shuttles werden im kommenden Jahr unwiderruflich aus dem Verkehr gezogen. Doch aufgrund einer zu kurzsichtigen US-Weltraum-Politik steht für ihn kein Nachfolge-Fahrzeug bereit.
So ist derzeit in der amerikanischen Raumfahrt ein Wettkampf besonderer Art zu beobachten. Es geht um die Entwicklung eines möglichst kostengünstigen, nicht zu komplizierten bemannten Raumfahrzeugs als Shuttle-Nachfolger, vor allem für den Transport von US-Astronauten auf die Internationale Raumstation ISS.
Eine Reihe von Firmen – wie Blue Origin, Orbital Science Corporation, Paragon Space Development Corp, Sierra Nevada Corp, Space Exploration Technologies und United Space Alliance – sind inzwischen in den Wettkampf um den Shuttle-Nachfolger eingetreten. Doch erst jetzt tritt der vielleicht wichtigste Wettbewerber auf den Plan. Der Luft- und Raumfahrt-Gigant Boeing will ebenfalls ein neues, neues bemanntes Raumfahrzeug bauen, das CST-100 (Crew Space Transport).
Das CST-100 ähnelt der konisch zugespitzten, dreisitzigen Apollo-Kapsel, in der US-Astronauten im Juli 1969 zur ersten Mondlandung flogen, bietet allerdings sieben Personen Platz. Es soll die erste bemannte Weltraum-Kapsel sein, die wieder verwendbar ist. Bis zu zehn Mal soll das neue Gefährt einsetzbar sein, wobei jeweils nur das Hitzeschild ausgewechselt werden muss. Die russische Sojus-Kapsel kann jeweils nur einen Einsatz hinter sich bringen. Mindestens sieben Monate lang soll CST-100, an der Raumstation angedockt, funktionstüchtig bleiben. Für die Sojus liegt die Grenze bei sechs Monaten. Landen soll das CST-100 an Fallschirmen auf festem Boden.
Neuartig ist auch das geplante Rettungssystem. Es besteht nicht mehr aus einer kleinen Rakete, die oben auf der Spitze der bemannten Raumkapsel sitzt und diese von der Startrakete absprengt, falls diese beim Start explodieren sollte, und die Astronauten dann in einiger Entfernung sicher am Fallschirm landen lässt. Das neue System sitzt vielmehr als sogenanntes „Push-System“ unter der Bodenplatte der Kapsel. Das hat den Vorteil dass der für eine eventuelle Rettung vorgesehene Treibstoff bei Nichtinanspruchnahme später im Orbit für Antrieb und Steuerung des CST-100 genutzt werden könnte. Die neue Kapsel soll auf verschiedenen Raketen starten können – unter anderem mit der Atlas5V, DeltaIV und der Falcon9.
Die CST-100 soll auch dem Weltraumtourismus dienen. Boeing hat einen Vertrag mit dem Unternehmen Bigelow Aerospace in Las Vegas unterzeichnet, das ein „aufblasbares Hotel“ in die Erdumlaufbahn bringen möchte. Das klingt im ersten Augenblick absolut bizarr und unrealistisch, ist es aber nicht unbedingt. Firmengründer Robert Bigelow, der sein Milliarden-Vermögen mit der Hotelkette Budget Suites of America und anderen Unternehmen machte, steht auf den Schultern der Nasa.
Denn schon die Nasa plante Ende der 90er Jahre eine aufblasbare Unterkunft für Astronauten im All. Dieser Plan scheiterte nicht etwa technischen Schwierigkeiten, sondern er fiel schlicht dem Rotstift zum Opfer. Bigelow ließ sich von der Nasa eine Lizenz für die neuartige Technologie geben, um seinen Traum vom Weltraum-Hotel zu verwirklichen.
Einen ersten Versuchskörper, die „GenesisI“, startete er bereits am 12. Juli 2006 auf einer russischen Dnepr-Rakete. Nach Erreichen der Umlaufbahn in 450 Kilometer Höhe entfaltete das Gerät ein kleines Stützgerüst, um das herum eine flexible Hülle bis auf 11,5 Kubikmeter Rauminhalt aufgeblasen wurde. „GenesisI“ streckte planmäßig seine acht Sonnenausleger aus, schaltete seine Avionik ein, nahm ein Dutzend Kameras in Betrieb und erfüllte auch alle seine weiteren Aufgaben tadellos. Die weiter entwickelte „GenesisII“ startete ein Jahr später und funktionierte ebenso einwandfrei.
Inzwischen steht der sogenannte „Sundancer“ auf dem Programm. Mit 180 Kubikmeter Rauminhalt und drei Fenstern wird er praktisch schon alles enthalten, was Menschen an Bord eines Weltraumhotels benötigen. Geplant ist, dass im Jahr 2015 erstmals Astronauten oder Touristen im CST-100 zu Bigelows Raumstation CSS (Commercial Space Station Skywalker) reisen.





