Infektionen

Tuberkulose extrem resistent wie vor 100 Jahren

Jedes Jahr erkranken weltweit mehr als neun Millionen Menschen an Tuberkulose. Carl Nathan, Professor am Weill Medical College der Cornell Universität New York, gehört zu den renommiertesten Tuberkuloseforschern der Welt. Am heutigen Freitag wird er mit dem Robert-Koch-Preis ausgezeichnet.

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Jedes Jahr erkranken weltweit mehr als neun Millionen Menschen an Tuberkulose, 1,7 Millionen sterben an dem Lungenleiden. Carl Nathan, Professor am Weill Medical College der Cornell Universität New York, gehört zu den renommiertesten Tuberkuloseforschern der Welt. Seit Dienstag ist er Gast des norddeutschen Exzellenzclusters „Entzündung an Grenzflächen“, einem Elite-Forschungsverbund der Universitäten Kiel und Lübeck, des Forschungszentrums Borstel und des Max-Planck-Instituts in Plön. In Berlin wird er heute mit dem Robert-Koch-Preis ausgezeichnet – für seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der antibakteriellen Infektabwehr. Der Preis ist mit 100.000 Euro dotiert.

Morgenpost Online : Professor Nathan, haben Sie sich schon gegen die sogenannte Schweinegrippe impfen lassen?

Nathan : Bisher bin ich nur gegen die saisonale Grippe geimpft, nicht gegen das H1N1-Virus. Das liegt aber nur daran, dass ich in den USA noch keinen Impfstoff bekommen konnte. Wenn die deutschen Behörden bereit sind, eine Dosis für einen ausländischen Gastwissenschaftler zur Verfügung zu stellen, würde ich mich sofort impfen lassen. Impfungen gehören zweifelsfrei zum Besten, was medizinische Forschung hervorgebracht hat.

Morgenpost Online : Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die neue Grippe am 11. Juni als Pandemie eingestuft, Präsident Obama den Schweinegrippe-Notstand für die USA ausgerufen. Bislang sind die Opferzahlen zum Glück niedrig. Wird um das neue Virus zu viel Aufheben gemacht, wo es doch offensichtlich viel gefährlichere Infektionskrankheiten wie Aids, Malaria oder Tuberkulose gibt?

Nathan : Nicht das neue Virus bekommt zu viel, sondern die anderen Erkrankungen erhalten zu wenig Aufmerksamkeit. Wobei Aids ein besonderer Fall und in der öffentlichen Wahrnehmung noch vergleichsweise stark vertreten ist. Im Gegensatz dazu haben Malaria und Tuberkulose gar kein Sprachrohr. Beide Krankheiten, die jährlich zusammen fast drei Millionen Todesopfer fordern, werden in außergewöhnlichem Maße in den Medien vernachlässigt.

Morgenpost Online : Welche Neuigkeiten gibt es in Bezug auf die Tuberkulose?

Nathan : Sehr beunruhigende: Weltweit werden zunehmend Erkrankungen mit multiresistenten Tuberkuloseerregern (MDR-TB) beobachtet, die auf die beiden wichtigsten Medikamente Isoniazid und Rifampicin nicht mehr reagieren, 2006 waren es nach WHO-Angaben mehr als eine halbe Million. Auch die Zahl der extrem resistenten Tuberkulosen (XDR-TB), die zusätzlich gegen weitere Antibiotika unempfindlich sind, steigt stark an. Trotz dieser bedrohlichen Situation hat sich die pharmazeutische Industrie weitgehend aus der Antibiotika-Forschung zurückgezogen.

Morgenpost Online : Welche Folgen hat diese Entwicklung?

Nathan : Die Welt bewegt sich, was die Tuberkulose angeht, auf die Zeit vor mehr als 100 Jahren zurück, also auf die prä-antibiotische Phase zu Zeiten Robert Kochs, des Entdeckers der Tuberkelbakterien. Damals gab es keine heilenden Medikamente, und jeder zweite Tuberkulosepatient starb. Heute liegt die Sterblichkeit der MDR-TB bei 50 bis 60 Prozent, die der XDR-TB sogar bei bis zu 80 Prozent.

Morgenpost Online : Wie entwickeln sich solche Resistenzen?

Nathan : Das hat mit der oft schwierigen Praxis der Tuberkulose-Behandlung in den am härtesten betroffenen Ländern zu tun sowie mit der Dauer der Behandlung. Die sogenannte Kurzzeittherapie der Tuberkulose dauert sechs Monate, man nimmt zwei Monate vier Medikamente und danach vier Monate zwei Medikamente. Das macht niemand gern, und nur die wenigsten halten es durch. Außerdem sind in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion und in vielen Entwicklungsländern in Asien und Afrika die Medikamente gar nicht vorhanden, oder es werden ähnliche oder gefälschte Substanzen verabreicht. Wird aber nur ein Medikament ausgelassen, gewinnt bereits ein mutierter, resistenter Erregerstamm die Oberhand. Jeder Patient infiziert schätzungsweise zehn bis 20 weitere Menschen; diese bekommen dann einen Erreger, der bereits gegen ein Antibiotikum resistent ist. So schreitet der Prozess immer weiter voran.

Morgenpost Online : In Deutschland und den USA sind die Zahlen für Neuerkrankungen seit Langem rückläufig, liegen bei 5000 beziehungsweise 13?000 pro Jahr. Was macht die Tuberkulose als Forschungsgebiet interessant und wichtig?

Nathan : Tuberkulose wird durch ausgeatmete Luft, die sogenannte Tröpfcheninfektion, übertragen. Mit dem enormen Anstieg von Flugverkehr, Reisen und Einwanderung sind wir alle einem hohen Risiko ausgesetzt, von einer sehr ansteckenden Krankheit und, im Falle von MDR- und XDR-TB, einer Krankheit mit hohem Sterblichkeitsrisiko befallen zu werden. Antibiotika-Resistenzen gibt es auch gegen eine Vielzahl anderer Infektionserreger. Trotz niedriger Patientenzahlen für Tuberkulose in den Industrieländern bin ich überzeugt, dass die allgemeine Resistenzentwicklung von Infektionserregern gegen Antibiotika ein Problem der ganzen Welt ist, dem wir uns gemeinsam stellen müssen. Außerdem ist der Tuberkulose-Erreger außergewöhnlich, weil sein einziger Wirt der Mensch ist. Wir sind evolutionsmäßig mit dem Mykobakterium groß geworden. Wenn unser Immunsystem es geschafft hätte, es vollständig zu beseitigen, würden wir heute nichts mehr davon wissen. Hätte das Bakterium den Kampf gewonnen, gäbe es uns nicht mehr. Die Tuberkulose spiegelt praktisch die Möglichkeiten und Grenzen unseres Immunsystems wider.

Morgenpost Online : Lässt sich die Übertragung multiresistenter Tuberkulosen verhindern?

Nathan : Dafür benötigen wir vor allem eine schnellere Diagnostik. Es muss gelingen, in den am meisten betroffenen Ländern vor Ort rasch die richtige Diagnose zu stellen und die Erkrankung mit wirksamen Medikamenten zu behandeln. Noch sind wir davon weit entfernt. Es gibt jedoch, auch hier am Forschungszentrum Borstel, vielversprechende Entwicklungen: Die Wissenschaftler optimieren molekulare und immunologische Testsysteme, um eine spezifische Diagnose zu erstellen und eine schnelle Resistenzbestimmung des Tuberkulose-Erregers durchzuführen.

Morgenpost Online : Was hat Sie eigentlich aus der Weltstadt New York ins beschauliche Schleswig-Holstein nach Borstel geführt?

Nathan : Es ist doch eine wunderschöne Gegend hier (lacht) . Im Ernst: Das Leibniz-Zentrum für Infektion, zu dem auch Borstel gehört, bearbeitet in weltweit einmaliger Art und Weise das Zusammenspiel von Entzündung und Infektabwehr. Der Tuberkulose-Erreger ist sehr schlau, weil er Entzündungszeichen wie Auswurf und Husten fördert und benutzt, um von einem Menschen auf den anderen zu springen. Gleichzeitig sind Entzündungsmechanismen im Sinne einer antimikrobiellen Immunantwort erforderlich, den Tuberkulose-Erreger einzudämmen. Es gibt praktisch keine andere Erkrankung, an der man den Schutz und den Schaden, den chronische Entzündungsreaktionen hervorrufen können, so gut beobachten und untersuchen kann wie bei der Tuberkulose.

Morgenpost Online : Bahnt sich da eine transatlantische Zusammenarbeit an?

Nathan : Ich bin unter anderem hier, um das herauszufinden. Zum Beispiel wurde in der Gruppe meines Borsteler Gastgebers, Stefan Ehlers, ein neues Tuberkulose-Modell entwickelt, mit dem Medikamente unter kliniknahen Bedingungen auf ihre Wirksamkeit überprüft werden können. Ich selbst arbeite an neuen Substanzen, die in solchen Modellen getestet werden müssen.

Morgenpost Online : Sie haben vor wenigen Wochen einen vielversprechenden Therapieansatz skizziert. Wie kann das Mycobacterium tuberculosis unschädlich gemacht werden?

Nathan : Es gibt zwei Untergruppen von Mykobakterien bei der Tuberkulose: Zum einen die, die sich schnell teilen. Die können wir mit bestehenden Antibiotika noch relativ gut abtöten. Zum anderen jedoch die, die sich nur sehr langsam oder gar nicht mehr teilen, aber dennoch versteckt im Organismus existieren und die Krankheit erneut zum Ausbruch bringen können. Die wollen wir mit neuen Substanzen, die auf besondere Weise in den Stoffwechsel der ruhenden Zellen eingreifen, erreichen. Zum Beispiel haben wir entdeckt, dass es prinzipiell möglich ist, nicht wie herkömmlich nur die Eiweißsynthese im Bakterium zu hemmen, sondern auch den Eiweißabbau – und damit das Mycobakterium abzutöten.

Morgenpost Online : Am heutigen Freitag werden Sie in Berlin mit dem Robert-Koch-Preis ausgezeichnet. Sind Sie zuversichtlich, dass die Tuberkulose eines Tages eingedämmt werden kann?

Nathan : Absolut! Infektionserreger wie das Pockenvirus haben wir bereits ausgerottet und stehen beim Poliovirus kurz davor. Aus diesen Erfahrungen können wir lernen. Wir benötigen jedoch eine neue Diagnostik, neue Impfstoffe und neue Antibiotika. All das lässt sich nur mit sehr großen, gemeinsamen internationalen Anstrengungen realisieren – auch finanziellen.