Knochenfunde

Stammbaum des Menschen muss verändert werden

Obwohl Paläontologen mit allen Tricks die Rätsel uralter Knochenreste lösen wollen, bleibt der Weg zum modernen Menschen unklar.

Gewonnen hat, wer die beste Geschichte erzählt. Spannend, schlüssig und mit genügend Raum für Fantasie. Die allerbeste Geschichte ist natürlich die der Menschheit. Eine Geschichte, für die Paläobiologen aus ein paar Tausend Knochenstücken die knapp sieben Millionen Jahre dauernde Evolution unserer Art herauslesen.

Eine Geschichte, in der es darum geht, wer wann wo und wie gelebt hat, wer mit wem Sex hatte und wer letztlich im Kampf ums Überleben warum gewonnen hat. Es ist eine Geschichte, die alle paar Jahre neu und anders erzählt werden muss, weil wieder irgendwo Knöchelchen, Schädel oder Zähne gefunden wurden.

Im vergangenen März etwa veröffentlichten die Paläoforscher des Max-Plack-Instituts für Evolutionäre Anthropologie (Eva) in Leipzig spektakuläre Daten. Sie hatten wenige Milligramm Knochenmehl eines uralten Fingers aus Sibirien durch die Erbgutanalyse geschickt. Ihre russischen Kollegen hatten diesen Knochen 2008 in der Denisova-Höhle im südsibirischen Altai-Gebirge gefunden. Im Leipziger Labor offenbarte sich, dass er das Zeug für eine neue Arabeske im Lauf der großen Geschichte hat. Denn er stammte von einem Menschen, der vor 30.000 bis 48.000 Jahren lebte – und der weder Neandertaler noch Homo sapiens war.

Dabei dachten Wissenschaftler doch bisher, dass damals nur diese beiden lebten – sieht man vom zwergenhaften Homo floresiensis ab, von dem bis heute nicht klar ist, ob er missgebildet war oder eine eigene Spezies verkörpert.

Der Denisova-Fund kam auf jeden Fall zur rechten Zeit. Denn erst im Februar hatten Erbgutanalysen eine Debatte der Paläoanthropologie beendet. Sie hatten die Frage beantwortet, ob Neandertaler und Homo sapiens miteinander Sex und Nachkommen miteinander hatten: Sie hatten. Doch auch wenn nun bestätigt ist, dass eine gewisse Sympathie zwischen uns und unseren Urzeit-Cousins bestand, ist weiterhin unklar, warum die Neandertaler ausstarben.

„Neandertaler ernährten sich hauptsächlich von Fleisch“, erklärt der Anthropologe Philipp Gunz vom Leipziger Eva. „Homo sapiens war flexibler in seinen Essgewohnheiten – er hat nicht nur Großwild verspeist, sondern auch kleine Tiere, Fische und Vögel.“ Vielleicht führte ihn dieses breitere Nahrungsspektrum, vielleicht aber auch effizientere Spermien zum evolutionären Erfolg. Genau weiß das bis heute niemand.

„Aus welchen Gründen auch immer – bei Homo sapiens haben ganz offensichtlich mehr Nachkommen überlebt als beim Neandertaler. Auch die großzügigsten Schätzungen gehen davon aus, dass nie mehr als 100.000 Menschen gleichzeitig in Europa lebten.“ Wahrscheinlich verschwanden die Neandertaler von der Erde, weil sie zu wenige waren. Der moderne Mensch hingegen unterwarf sich den Planeten und hat ihn derweil überbevölkert. „Homo sapiens zeichnet sich auch dadurch aus, dass er in seiner Morphologie heute sehr variabel ist“, sagt Friedemann Schrenk, Paläanthropologe vom Senckenberg Museum in Frankfurt.

Bis heute gibt es keine lückenlos belegbare Erklärung dafür, warum wir heute die einzigen Menschen sind, die auf der Erde leben. „Aber obwohl Fossilien von Urmenschen rar sind, wissen wir sicher, dass es nie zuvor nur eine Menschenart auf diesem Planeten gab“, sagt Gunz.

Seit März, seit dem Denisova-Fund, wissen wir auch, dass wir uns die Erde vor 30.000 Jahren nicht nur mit dem Neandertaler teilten. Nun gilt es, für diesen neuen Menschen den gesamten Fragenkatalog zu beantworten. Von wann bis wann er lebte, woher er kam, mit wem er sich mischte, was er aß, warum er ausstarb und ob er eine Kultur besaß. Ein einzelner Fingerknochen wird die Fragen zu dieser Geschichte nicht beantworten können.

Aber er zeigt die Herausforderung, vor der Paläoforscher heute stehen. Es ist schon schwierig genug, festzustellen, wer wann gelebt hat. Die Messung von Radioisotopen, die in den Knochen eingebaut sind, funktioniert beispielsweise nur bis in die Zeit vor 40.000 Jahren. Ältere Funde müssen sie indirekt bestimmung. Sie orientieren sich dabei an der Fundstätte – wenn sie Glück haben, liegt diese irgendwo in Ostafrika. Dort, in der Nähe des großen Grabenbruchs teilen die Ablagerungen von Vulkanausbrüchen und Ascheregen das Gestein in klar definierte Zeitschichten ein.

Haben sie Pech, so lag der Knochen Tausende von Jahren in einer Höhle. Hier schichten sich Sedimente nicht regelmäßig, es herrschte ein Mikroklima, das zu rekonstruieren schwierig ist. Im schlimmsten Fall stammen die Knochen aus tropischen Regionen, wie es eben beim Flores-Menschen der Fall ist: Erbgutanalysen sind hier fast unmöglich, weil sich die DNA im Laufe der Zeit fast vollständig zersetzt hat.

Spanische Paläobiologen, die mit der am Mittelmeer gelegenen Aviones-Höhle eine ehemalige Wohnstätte der Neandertaler erforschen, wollen eine weitere Möglichkeit der Art- und Altersbestimmung optimieren. Aida Gómez Robles hat die Zähne von Fundstücken aus Afrika, Asien und Europa analysiert und als dreidimensionale Modelle im Computer abgebildet. Mit diesen Zahnmodellen sei es nun möglich, Kiefer- und Schädelfunde schneller und sicherer einer bestimmten Art zuzuordnen. Anhand der Zahngestalt will sie auch die Veränderung in der Lebenswelt der Urmenschen erkennen. Dass sie sich auf Zähne spezialisiert, hat deshalb Charme, weil diese meistens am besten erhalten sind.

Immer neue, spektakuläre Fossilien, Rück- und Vordatierungen, Genanalysen und Zahnformen – je mehr Details erforscht werden, umso klarer wird, dass der Stammbaum des Menschen kein Baum, sondern ein struppiger Busch ist. „Wir haben zwar nur insgesamt ein paar Tausend Fossilien aus den letzten sieben Millionen Jahren gefunden – aber wir erkennen immer mehr, dass es eine starke geographische vielfalt gibt“, sagt Schrenk.

Das Nachzeichnen klarer Verbindungslinien zwischen den Urmenschen wohl nie mit Sicherheit möglich sein wird. „Wir erforschen heute vor allem, welche Spezies gleichzeitig gelebt haben“, sagt Gunz. Wie sie miteinander verwandt waren, wird allenfalls annäherungsweise geklärt werden können. So aber bleibt viel Raum für große Geschichtenerzähler.