Wer sich bei einer anspruchsvollen Aufgabe immer wieder kurz ablenken lässt, kann sich insgesamt deutlich länger auf seine Arbeit konzentrieren. Diesen eher überraschenden Effekt hat ein US-Forscherduo bei einem Test mit 84 Freiwilligen entdeckt.
Das Gehirn scheint demnach darauf ausgelegt zu sein, auf Veränderungen zu reagieren. Eine längere Beschäftigung mit nur einer einzigen Aufgabe verringere seine Leistungsfähigkeit.
Ihre Ergebnisse beschreiben Alejandro Lleras und Atsunori Ariga von der Universität von Illinois in Urbana-Champaign in der Fachzeitschrift „Cognition“. Das Ergebnis spreche gegen zwei weit verbreitete Annahmen, sagen die Wissenschaftler: dass die Aufmerksamkeit im Lauf der Zeit zwangsläufig abnimmt und dass Ablenkungen das konzentrierte Arbeiten erschweren.
Lleras und Ariga ließen 84 Probanden 50 Minuten lang eine relativ eintönige, aber komplexe Aufgabe am Computer bearbeiten. Dabei gab es vier unterschiedliche Gruppen. Eine Gruppe lernte vor der Untersuchung vier Zahlen auswendig. Diese erschienen im Lauf der 50-minütigen Aufgabe zwei Mal auf dem Bildschirm, worauf die Probanden mit einem Tastendruck reagieren sollten.
Die übrigen drei Gruppen dienten als Vergleichsgruppen: Die erste Vergleichsgruppe bearbeitete nur die Aufgabe, die zweite lernte zwar die Zahlen auswendig, sah diese jedoch im Lauf der Aufgabe nicht auf dem Bildschirm, die dritte sah zwar zwei Mal während der Aufgabe die Zahlen, sollte diese jedoch nicht weiter beachten.
Volle Konzentrationsfähigkeit nur bei den abgelenkten Probanden
Wie erwartet nahm die Leistung in der Hauptaufgabe mit der Zeit messbar ab. Das galt überraschenderweise jedoch nicht für Teilnehmer der ersten Gruppe, die während der 50 Minuten zwei Mal kurz von der Aufgabe abgelenkt wurden: Ihre Aufmerksamkeit nahm im Verlauf der Aufgabe nicht ab, sondern blieb bis zum Ende gleich gut.
„Wir nehmen an, dass es hilfreich ist, seine Zielsetzungen kurzfristig zu deaktivieren und wieder zu aktivieren, um aufmerksam bei einer Sache bleiben zu können“, sagt Lleras. „Aus praktischer Sicht bedeuten unsere Ergebnisse, dass man bei einer langen Aufgabe - zum Beispiel bei der Vorbereitung auf eine Prüfung - immer wieder kurze mentale Pausen machen sollte. Diese kurzen Ablenkungen helfen, konzentriert bei der Aufgabe zu bleiben.“
Die Ergebnisse widersprechen auch einer seit etwa 50 Jahren weit verbreiteten Annahme unter Psychologen. Demnach ist Aufmerksamkeit eine Ressource, die nur begrenzt verfügbar ist und daher bei längerer Beschäftigung mit einer Aufgabe sozusagen aufgebraucht wird.
„Ich glaube, dass diese Annahme falsch ist“, sagt Lleras. Seiner Ansicht nach ist eigentlich immer genügend Aufmerksamkeit da, sie wird nur nicht immer vollständig auf die aktuelle Tätigkeit gerichtet: „Man lässt in seiner Leistung in einer Aufgabe nach, weil man aufhört, ihr Aufmerksamkeit zu schenken.“
Der Forscher spricht von Wahrnehmungs-Ermüdung. Er hatte bereits in früheren Untersuchungen beobachtet, dass ein ständig wahrgenommener Reiz irgendwann aus dem Bewusstsein verschwindet. Genauso könne die ständige Konzentration auf einen bestimmten Gedanken oder eine bestimmte Aufgabe diese allmählich aus dem Bewusstsein verschwinden lassen, spekuliert Lleras.
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