Umwelt

"Der Tropenwald ist nur schwer zu retten"

In Europa wächst der Wald wieder. Auf dem amerikanischen Kontinent verschwindet dagegen jedes Jahr eine Fläche, fünfmal so groß wie der Bodensee.

Foto: Panos Pictures / VISUM / pa

Der Klimawandel hat immer größere Folgen für Zentralamerika, die Karibik und Mexiko. In diesem Jahr kamen allein wegen starker Regenfälle über 500 Menschen ums Leben. Die meisten von ihnen starben durch Bergrutsche und Überschwemmungen, die auch wegen der Waldzerstörung eine steigende Gefahr sind. Die Politiker werden auf der Klimakonferenz im mexikanischen Cancún voraussichtlich keine konkreten Maßnahmen zur Rettung des Klimas beschließen, die den Prozess aufhalten oder wenigstens verlangsamen könnten. Vor Ort seien die Bedingungen für den Waldschutz noch lange nicht vorhanden, sagte der Waldexperte der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), Laszlo Pancel, in El Salvador in einem Gespräch.

Morgenpost Online : Wie geht es dem Wald in Zentralamerika?

Laszlo Pancel : Sehr schlecht. Es ist ein Fakt, dass jährlich in Mittelamerika 285.000 Hektar verschwinden, das ist die Fünffache Fläche des Bodensees. Das ist unheimlich viel für eine vergleichsweise kleine Region, die insgesamt nur etwa 15 Millionen Hektar Wald hat. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Dynamik irgendwie unterbrochen wird.

Morgenpost Online : Wie soll das denn geschehen?

Laszlo Pancel : Das ist sehr schwierig. Man muss vor Ort die unterschiedlichen Interessen der Politiker, der Wirtschaft, der Bauern und der indigenen Bevölkerung unter einen Hut bringen. Das ist so, als müsste man Flöhe dazu bringen, in eine Richtung zu hüpfen. Man muss sich nur einmal vorstellen, dass es hier Gesetze gibt, die den Waldschwund fördern. Etwa 15 Prozent des Schwundes gehen auf derartige Gesetze zurück. Es wird noch eine Zeit dauern, bis wir unsere Vorschläge zusammen mit den hiesigen Kollegen erarbeitet haben werden. Und erst dann können die Politiker auf hoher Ebene entscheiden.

Morgenpost Online : In Deutschland und Europa nehmen die Waldflächen wieder zu. Könnte man die waldfördernde Politik der Europäer nicht als Modell etwa für Mexiko und Mittelamerika hernehmen?

Laszlo Pancel : Nein, dazu fehlen die Bedingungen. Nicht einmal die Ernsthaftigkeit der Regierungen ist vorhanden. Und vor allem, es wird nicht durchdekliniert bis zum Bauern hinunter. Instrumente, die in anderen Ländern funktionieren, greifen hier nicht wegen Korruption und Schlendrian. Strukturen müssen von unten her verstanden und aufgegriffen werden. Der Kampf gegen die Waldzerstörung ist komplex aber noch nicht verloren. Der Erfolg hängt von dem Willen der Bauern ab, sich für den Wald einzusetzen. Dadurch wird entschieden, wie erfolgreich die Schutzprogramme sein werden, und zwar weltweit.

Morgenpost Online : Bisher gehen die Menschen in den Tropenwald, um ihn abzuholzen und zur Landgewinnung niederzubrennen. Gibt es andere Möglichkeiten?

Laszlo Pancel : Wenn man es vernünftig anstellt, dann kann man erfolgreich sein. Ich bin überzeugt, dass man den Tropenwald bewirtschaften und erhalten kann. Ich schätze, dass man in den Tropen mit einem naturnahen Wald von 2000 Hektar einen profitablen Betrieb aufbauen kann. Dieser würde 50 bis 80 gut bezahlte Arbeitskräfte ernähren, mit allem, was der Wald hergibt. Aber es muss sichergestellt werden, dass sie nicht Schindluder treiben. Gesetzgebung und juristische Sicherheit spielen deswegen eine sehr wichtige Rolle. Die Regierungen hier haben zum Teil nicht die politische Kraft, um so etwas umzusetzen. Und in entlegenen Gebieten gibt es keine Regierung.

Morgenpost Online : Mit welchem Vorschlag gehen Sie, die Waldexperten, denn nun nach Cancún?

Laszlo Pancel : Nach Cancún gehen wir mit einem bescheidenen Ansatz. Wir fragen, was sind die Mindestbedingungen, die eine Region zusammenhalten kann? Das ist Wissensmanagement, Erfahrungsaustausch. Wir müssen doch auch herausfinden, welches Wissen vor Ort schon da ist. Und wir müssen auch sicherstellen, dass wir nicht nur für eine kurze Zeit arbeiten und dass die Unterstützung langfristig sein wird.