Umwelt

Tödliche Unfälle durch Gifteinsatz auf Feldern

Gesundheitsexperten schlagen Alarm: Jährlich sterben 20.000 Menschen durch Pestizide. Schätzungen gehen vom zehnfachen Wert aus.

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Sie klagen über Schwindel, Hautausschlag und Übelkeit. Andere bekommen Herzbeschwerden und Lähmungen oder spucken Blut. Bei manchen Bauern und Bäuerinnen in Bolivien treten nach dem Versprühen des Pflanzenschutzmittels „Caporal“ auf dem Gemüsefeld ernste Symptome auf. Im Distrikt Cochabamba stiegen die Vergiftungsfälle in der Anbausaison 2007/2008 um 30 Prozent. 274 Menschen meldeten Gesundheitsprobleme, wie eine Studie des weltweiten Pestizid Aktionsnetzwerks (PAN) ergab.

Chemische Schädlingsvernichtungsmittel gefährden die Gesundheit vieler Menschen in Entwicklungsländern. Eine einheitliche Einstufung soll nun mehr Sicherheit bringen.

Dem Netzwerk PAN gehören weltweit mehr als 600 nichtstaatliche Organisationen und Institute an. Der deutsche Zweig hat seinen Sitz in Hamburg. In einem „Globalen Bericht über Folgen des Pestizideinsatzes für die Gesundheit“ fassten PAN-Experten die Ergebnisse von mehr als 2.000 befragten Bauern und Landarbeiterinnen in Lateinamerika, Asien und Afrika zusammen. Umwelt- und Verbraucherschützer in 13 Ländern fragten nach Lagerung, Vertrieb, Anwendung und Entsorgung der „chemischen Keulen“.

„Die Daten zeigen, dass die Menschen unter den herrschenden Anwendungsbedingungen regelmäßig Gesundheitsschäden durch Pestizide erleiden,“ resümiert Abou Thiam, Direktor von PAN Afrika. Die Ergebnisse alarmierten die Gesundheitsexperten. So trug kein einziger der Befragten Schutzkleidung, die westlichen Standards entsprach. Das Sprühen von Pflanzenschutzmitteln mit nackten Füßen, kurzen Ärmeln und kurzen Hosen ist nach wie vor an der Tagesordnung. Die von der Industrie vorgeschriebene Schutzkleidung ist in vielen Regionen nicht erhältlich oder für die Bauern zu teuer.

„Die Dorfgemeinschaften wissen nicht, welche Gefahren von den Pestiziden ausgehen“, sagt Javier Souza, PAN-Koordinatorin in Lateinamerika. Kleinhändler, die die Chemikalien in ihren Läden häufig Seite an Seite mit Lebensmitteln anbieten, sind oft die einzige Informationsquelle für die Bauern.

Die Befragung von Verkäufern in Kambodscha ergab etwa, dass fast kein chemisches Mittel ein Etikett in der Landessprache trug. Und selbst die Information in fremden Sprachen oder in kleinen Bildern geht oft noch verloren, wenn die Substanzen aus der Originalverpackung in Kleinportionen in Flaschen umgefüllt werden: Viele Kunden haben wenig Geld.

Der Markt für Pflanzenschutzmittel auf der Südhalbkugel wächst. Rund 30 Prozent der Produkte entsprechen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht den internationalen Qualitätsstandards. Die WHO beziffert die tödlichen Unfälle auf 20.000 im Jahr, die akuten Vergiftungsfälle auf drei Millionen. Schätzungen gehen weit über das Zehnfache hinaus.

Der Hersteller Syngenta hat einen „Praktischen Leitfaden zur Diagnose, erster Hilfe und Krankenhausbehandlung bei Paraquatvergiftungen“ ins Internet gestellt. Dort heißt es in der Einletung: „Paraquat ist ein sicheres und wirkungsvolles Herbizid, wenn es angewendet wird, wie auf dem Etikett angegeben. Dessen ungeachtet kann an eine giftige Dosis (meist mit der Absicht zur Selbsttötung) trotz umfangreicher medizinischer Gegenmaßnahmen tödlich sein.“

Carina Weber, Geschäftsführerin von PAN Deutschland, ist überzeugt: „Es gibt einfach keine sichere Anwendung.“ In Asien seien zum Beispiel 82 der 150 genutzten Wirkstoffe hoch gefährlich. PAN-Experten selbst hatten unterschiedliche Systeme zur Klassifizierung gefährlicher Pestizide zusammengestellt. Nun soll das Verfahren vereinheitlicht werden. Die UN-Gremien verabschiedeten das „Global harmonisierte System zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien“ (GHS), das im Dezember in der EU eingeführt wird.

Die Pestizid-Kritiker wollen mehr. Sie begrüßen, dass inzwischen auch bei den Vereinten Nationen ein schrittweises Verbot der besonders giftigen Ackerchemikalien erwogen wird. „Landwirtschaft, die von gefährlichen Pestiziden abhängt, ist kein Zukunftsmodell,“ betont Sarojeni Rengam, Direktorin von PAN Asien und Pazifik. Das globale Netzwerk fordert daher auch, ökologische Ansätze im Pflanzenbau stärker zu unterstützen.