Die „Schmerzgrenze“ bei Gewaltszenen und Pornografie im Internet ist für junge Frauen wesentlich geringer als bei jungen Männern. So würden junge Frauen bereits im Fernsehen Tabubrüche wahrnehmen, sagte die Leiterin der ZDF-Medienforschung Susanne Kayser bei der Vorstellung einer neuen Medienstudie in Hamburg. Junge Männer dagegen würden lediglich reale Gewaltszenen im Netz als Tabu empfinden. Fernsehen und Pornografie erreichten ihre „Schmerzgrenze“ dagegen nicht.
Tabubrüche in den Medien ist das Thema der 5. Jugendmedienschutztagung, die ARD, ZDF und die Medienarbeit der beiden großen Kirchen in Hamburg veranstaltet. Kayser hatte für ihre Studie 800 junge Frauen und Männer zwischen 16 und 18 Jahren befragt. Junge Frauen würden reifer und mitfühlender auf Gewalt- und Sexszenen reagieren. Pornografie würden viele ablehnen, weil sie sich davon bedroht fühlten. Junge Männer dagegen suchten die Selbstbehauptung in einer von Gewalt geprägten Umwelt. Sie würden es nicht zulassen, sich der Gewalt zu entziehen.
Fast jeder fünfte der jüngeren Befragten (18 Prozent) kennt laut der Untersuchung Internetseiten mit Gewaltverherrlichung, Folter oder Hinrichtungen, so Kayser weiter. Darunter seien deutlich mehr Jungen als Mädchen.
Pornografische Inhalte im Internet kennen laut Studie 36 Prozent der männlichen 16- bis 20-Jährigen gegenüber 10 Prozent der gleichaltrigen jungen Frauen. Als „erschütternd“ bezeichnete sie es, dass 13 Prozent der jungen Männer schon Kontakt zu kinderpornografischem Material gehabt hätten. Seiten, auf denen Menschen gedemütigt, erniedrigt oder lächerlich gemacht werden, sind einem Drittel der jungen Männer, aber nur halb so vielen weiblichen Gleichaltrigen bekannt. Ähnliche Zahlen wurden für rassistische Inhalte im Internet ermittelt.
Den nüchternen Zahlen zum Trotz kritisierte die Medienforscherin Dagmar Hoffmann, dass die Medien das falsche Bild einer sexuell verwahrlosten Jugend vermittelten. Wissenschaftliche Daten belegten, dass von einer „Generation Porno“ keine Rede sein könne. Im Durchschnitt hätten Jugendliche mit 15,8 Jahren ihren ersten Geschlechtsverkehr. Hoffmann: „Nichts ist so langweilig wie Jugend-Sexualität.“
Laut Umfragen, so Hoffmann weiter, würden zwar zwei Drittel der Jugendlichen Pornos sehen. Zugleich gebe fast jeder zweite an, Pornos meist im Fernsehen zu sehen, ohne dabei zu wissen, dass Pornografie im Fernsehen gar nicht gezeigt werden dürfe. Hoffmann: „Es ist uncool zu sagen, dass man keine Pornos guckt.“ Jugendliche könnten gut zwischen Film und Realität unterscheiden. Die meisten sexuellen Szenen im Privatfernsehen würden in der Werbung gezeigt.
Tabubrüche lehrten, was eigentlich normal ist, sagte Joachim von Gottberg, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (Berlin). Obwohl das Fernsehen heute viel mehr Sexualität zeige, seien heutige Jugendliche nicht schamloser als frühere Generationen. Tabubrüche führten auch zu einer Wandlung der Gesellschaft. Ein Beispiel sei die Akzeptanz der Homosexualität. Zu den großen Tabus der Gegenwart gehöre das „Versagen“.
NDR-Intendant Lutz Marmor sprach sich dagegen aus, im Fernsehprogramm einen „künstlichen Schutzwall“ für Jugendliche zu errichten. ARD und ZDF wollten nicht ausblenden, was Jugendliche im Alltag erlebten. Marmor räumte allerdings ein, dass Jugendliche nur selten die öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme nutzten.
Markus Bräuer, Medienbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, forderte von den Fernsehsendern eine „Kultur der Achtsamkeit“. Ungelöst sei jedoch die Frage, wie die Erkenntnisse des Jugendmedienschutzes in bildungsarme Schichten getragen werden. Bräuer: „Das sind Familien, bei denen ARD und ZDF nicht die beiden ersten Tasten der Fernbedienung belegen.“
EPD/KNA/OC





