Im Januar 2008 fing es an: Die Internetseite
www.abgespeist.de
, die von der Organisation Foodwatch betrieben wird, veröffentlichte Kritik an der "Maggi Natur Pur Spargelcremesuppe" des Lebensmittelkonzerns Nestlé. Das Produkt war mit dem Aufdruck "ohne den Zusatzstoff Geschmacksverstärker lt. Gesetz" beworben worden. Foodwatch kritisierte, dass die Tütensuppe jedoch Glutamat enthielt, das laut Gesetz aber auch als Hefeextrakt auf der Zutatenliste stehen darf.
Hefeextrakt gilt als natürlicher Geschmacksverstärker und wird in der Lebensmittelindustrie in vielen Produkten verwendet. Er enthält Glutamat, das mittlerweile unter dem Namen "umami" sogar als eigene, vom Menschen erkannte Geschmacksrichtung gilt. "lt. Gesetz" bedeutet zwar, dass das Produkt nichts enthält, dass gesetzlich als Zusatzstoff definiert wird. Allerdings gilt Hefeextrakt als Zutat und fällt somit nicht in diese Regelung. Mit echter Hefe hat der Extrakt aber nicht viel zu tun: Laut Foodwatch besteht er unter anderem aus geschmacksverstärkenden Elementen wie Glutamat, Inosinat und Guanlyat. Diese entstehen bei der Herstellung des Extraktes, bei der Hefezellen, Kochsalz und Wasser verwendet werden.
Trotz der Konformität mit der gesetzlichen Definition sei der Aufdruck "ohne Geschmacksverstärker" irreführend und ein Betrug an den Konsumenten, meinte das Team der abgespeist-Webseite und stellte eine detaillierte Erklärung und Kritik dieses und anderer Aufdrucke auf der Suppenpackung online. Im Oktober 2008 stellte Maggi die Produktlinie "Natur Pur", zu der auch die Spargelcremesuppe gehörte, auf die Linie "Natur Pur Bio" um. Diese enthielt nun unter anderem die Tütensuppe "Maggi Natur Pur Bio Frühlings Gemüsesuppe", die mit den Worten "ohne Zusatzstoff Geschmacksverstärker" warb - und wieder Hefeextrakt enthielt. Gesetzlich in Ordnung - aber moralisch?
Foodwatch blieb dran und rief die User seiner Webseite - wie übrigens bei allen Produkten, die auf der Seite auseinander genommen und kritisiert werden - auf, eine E-Mail an Nestlé zu senden, in der die Missstände angeprangert wurden. 4000 Bürger beteiligten sich in diesem Fall an der Aktion und hatten mit ihren Beschwerden Erfolg: Am 3. September vermeldete abgespeist.de, dass Maggi die "Natur Pur Bio"-Suppen und Maggi-Fix-Produkte der gleichen Linie aus dem Programm genommen hätte. Vertrieben würden unter diesem Siegel jetzt nur noch Salatsaucen und Gemüsebrühe, die den immer wieder kritisierten Hefeextrakt nicht enthielten.
Auch bei anderen Initiativen konnte Foodwatch - wenn auch kleinere - Erfolge feiern: Die Firma Bauer veränderte das Verpackungsdesign und die Rezeptur einiger Produkte, darunter der von Foodwatch an den Pranger gestellte "Kinderdrink" mit dem Konterfei der Biene Maja. Statt ihr wird nun Bugs Bunny von den Fläschchen lachen und trotz einer Reduktion des Zuckeranteils ist das Getränk immer noch zu süß und eigentlich ungesund, aber: Immerhin wird seit März 2009 das Kindergetränk nicht mehr als "ausgewogen" beworben, und schon im August 2008 wurde nach 800 Beschwerdemails erreicht, dass der Zuckergehalt auf den Packungen überhaupt ausgewiesen wird.
Auch Eckes Granini konnte im Frühling 2009 dazu bewegt werden, zumindest den Aufdruck "gesund" von seinem Produkt "Frucht-Tiger" zu entfernen. Auf der Webseite wird nicht nur Etikettenschwindel offen gelegt, Beschwerden werden auch tatsächlich ausführlich an die Unternehmen vermittelt. Die Reaktionen der Konzerne werden veröffentlicht und die User über diverse Erfolge auf dem Laufenden gehalten. Außerdem vergibt Foodwatch regelmäßig den "Goldenen Windbeutel": Für die "dreisteste Werbelüge 2009" ging der Preis an den Joghurtdrink "Actimel" der Firma Danone.





