Haustiere

Gefährliche Exoten im Wohnzimmer verboten

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Foto: Okapia

Löwen, Krokodile, Giftschlangen, Skorpione und Pfeilgiftfrösche: Hessen verbannt als erstes Bundesland Tiere, die Menschen schwer verletzen oder töten können, aus dem Wohnzimmer. Das neue Gesetz könnte Modellcharakter für ganz Deutschland übernehmen. Doch schon formiert sich Widerstand.

Ein Löwenbaby spielt auf einem Bauernhof im Unterallgäu, in Mittelfranken sonnt sich ein ausgebüxter Kaiman am Flussufer, und in Oberbayern lauert eine amerikanische Schnappschildkröte Teenagern im Badesee auf – die Artenvielfalt in Bayern ist faszinierend. Nach dem Willen von Tierschützern soll sich das ändern. „Wir fordern ein generelles Haltungsverbot für gefährliche Tiere“, sagt die Sprecherin von Pro Wildlife, Sandra Altherr, in München.

Vorbild ist Hessen. Dort ist die Haltung „gefährlicher Haustiere“ durch Privatpersonen seit Oktober verboten. Betroffen sind nicht nur Giftschlangen, Skorpione und Co., sondern auch deren Nachkommen, sofern sie nicht bis zum 30.April 2008 bei den Behörden angemeldet werden. Tierhalter wie auch die Initiatoren der Gesetzesänderung gehen davon aus, dass Hessen hier Modellcharakter für ganz Deutschland übernehmen könnte und somit auch andere Bundesländer bald nachziehen werden, vielleicht sogar die gesamte EU.

Doch schon formiert sich der erste Widerstand. Und auch hinsichtlich der Durchführbarkeit des Verbotes bleiben einige Fragen offen. In einem Merkblatt klärt das Regierungspräsidium Darmstadt darüber auf, welche Tiere unter das Verbot fallen. So heißt es darin: „Verboten ist die Haltung von Tieren, die im ausgewachsenen Zustand Menschen durch Körperkraft, Gift oder Verhalten erheblich verletzen können.“ Betroffen sind ausschließlich Privatpersonen, Ausnahmen sind für die gewerbsmäßige Haltung und für „Wissenschaft und Forschung oder vergleichbare Zwecke“ vorgesehen.

Gift des Pfeilgiftfrosches reicht aus, um 20.000 Mäuse zu töten

Auf der „Liste der gefährlichen Tierarten“ steht, welche Spezies unter das Verbot fallen: unter anderem alle Krokodile, Schlangen wie Netzpython und Wasserkobra, aber auch das giftigste Tier der Welt, der Pfeilgiftfrosch (Phyllobates terribiles). Das Gift eines einzigen Tieres reicht aus, um 20.000 Mäuse oder auch zehn Menschen zu töten. Aquarianer haben Glück: Giftige und „gefährliche“ Fische fallen nicht unter die Regelung. Verstöße gegen das neue Gesetz können teuer werden: Bis zu 5000 Euro Geldbuße sind möglich – und das Tier ist auch weg.

Genau hier ergibt sich auch eines der Probleme der neuen Regelung: Was geschieht mit den eingezogenen Tieren? Spezielle Auffangstationen seien in Hessen derzeit nicht geplant, sagt Marcus Conrad vom Regierungspräsidium Darmstadt. Bisher würden die Tiere, die beispielsweise durch den Zoll beschlagnahmt wurden, an private Tierhalter gegeben, die sich mit der jeweiligen Art auskennen. Genau diese Möglichkeit verbaut sich Hessen mit dem Gesetzestext aber selbst, denn auch verantwortungsvolle private Halter sind und bleiben eben private Halter.

Marcus Conrad sieht die Lösung des Problems darin, dass man diese speziellen privaten Halter zu „Verwahrern“ macht und sie somit von der Regelung ausnimmt. „Eine dauerhafte Unterbringung könnte dann beispielsweise in Zoos, vielleicht auch in anderen Bundesländern, erfolgen“, so Conrad.

Daraus ergibt sich aber gleich das nächste Problem: Was tun, wenn in anderen Bundesländern ebenfalls keine Aufnahmekapazitäten zur Verfügung stehen, weil die Länder dem Beispiel Hessens folgen und ebenfalls die Haltung „gefährlicher Wildtiere“ verbieten? Dass andere Bundesländer nachziehen könnten, ist keine Panikmache der Gegner der Gesetzesänderung, sondern von den Befürwortern gewollt. Laut Birgit Zeimetz-Lorz, innenpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag, müsse „auf Bundesebene ebenso konsequent gehandelt werden, um einen umfassenden Schutz zu gewährleisten“. Zudem setze sich die CDU-Fraktion für ein Importverbot gefährlicher Wildtiere ein. Nur beide Regelungen gemeinsam ermöglichten eine Eindämmung der Gefahr.

Auch Sandra Altherr von der Tierschutzorganisation Pro Wildlife in München sieht das ähnlich. Ihre Organisation will sogar noch einen Schritt weiter gehen und künftig möglichst alle Wildfangimporte, nicht nur die der „gefährlichen Tiere“, verbieten lassen. In der Tat beobachten Tierschützer seit Langem das Leiden nicht artgerecht gehaltener Haustiere mit großer Argwohn. Hans-Jürgen Bigos vom Tierschutzverein Limburg geht davon aus, dass in Deutschland allein rund 80 Millionen Zierfische in jedem Jahr „einen völlig sinnlosen Tod“ sterben – Arten wie Muränen, Haie, Rotfeuerfische, Steinfische, „nur weil die Halter nicht befähigt sind“. Pro Wildlife schätzt, dass von den etwa 1,76 Millionen Wildvögeln, die jedes Jahr in die EU importiert werden, noch einmal die gleiche Menge allein auf dem Weg vom Fang bis zum Export verstirbt.

Die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) in Rheinbach hält von der hessischen Lösung rein gar nichts und will zusammen mit anderen Vereinigungen sogar klagen. Sil-via Macina, Pressesprecherin des DGHT, befürchtet, dass aufgrund des Gesetzes nun „illegale“ Tiere ausgesetzt oder sogar getötet werden könnten. „Das ist alles vollkommen unausgegoren. Wann ist denn ein gefährliches Tier überhaupt eine Gefahr, sogar Katzen können ja gefährlich sein – für Allergiker beispielsweise. Pfeilgiftfrösche verlieren in der Gefangenschaft die Giftigkeit, von deren Nachkommen gar nicht erst zu reden.“ Viele verantwortungsbewusste und sachkundige Terrarianer würden selbstverständlich auch zum Arterhalt beitragen. Macina: „Viele Arten wären schon ausgestorben, wenn nicht Terrarianer in aller Welt sich ih-rer angenommen hätten.“ Damit spricht sie den Kritikern der hessischen Gesetzgebung aus dem Herzen, die sich fragen, ob es eine Art Tierführerschein nicht auch getan hätte.