Die meisten Menschen haben zu den Produkten ihres eigenen Körpers ein zwiespältiges Verhältnis: Schon Kinder lernen, dass Stuhl und Urin „Bäh“ sind und auch Ohrenschmalz wird von fürsorglichen Eltern mit Eifer verfolgt. Dabei ist es kein „Schmutz“, sondern ein sinnvoller Schutzmechanismus des Hörorgans. Klar ist aber auch: Wenn sich die gelbliche, wachsartige Substanz zu einem Pfropfen zusammenballt und das Gehör behindert, muss sie raus.

Der Wunsch, die Ohren selber zu reinigen, gehört offenbar zur Grundausstattung menschlichen Verhaltens. Im Altertum wurden Spülungen mit warmer Stuten- oder Eselsmilch angeraten, eine Ohrspülung mit einer Ohrenspritze wird 1655 zum ersten Mal in einem ärztlichen Nachschlagewerk (Scultetus) abgebildet. Als Hilfsmittel wurden massenweise Ohrlöffel, „Ohrzänglein“, Ohrschlingen oder Ohrhaken angefertigt und ständig mit sich geführt, um dem Schmalz den Garaus zu machen.

Auch heute noch fallen diesem Drang zur Selbstbehandlung unzählige aufgebogene Büroklammern zum Opfer. Auch mit Schlüsseln, Haarklammern, Streichhölzern, Tuchzipfeln, Wattestäbchen und immer wieder mit dem kleinen Finger versuchen viele, ins eigene Ohr zu gelangen. Zum Schrecken der Hals-Nasen-Ohren-Mediziner, die dann den bei der Manipulation entstandenen Schaden (zum Beispiel ein perforiertes Trommelfell) zu sehen bekommen.

Einer von ihnen, HNO-Arzt Dr. Holger Dewes aus Saarlouis, gibt zu bedenken: „Hätte Gott gewollt, dass der Mensch in den Ohr hineinkommt, hätte er ihm einen Finger gegeben, der reinpasst!“ Vor allem vor der Verwendung von Wattestäbchen („Q-Tips“)wird seit langem intensiv gewarnt. Mit Erfolg: Aus Gründen der Produkthaftung müssen die Hersteller heute ausgerechnet auf die Verpackung von „Ohrenstäbchen“ die Warnung drucken: „Nicht in den Gehörgang einführen!“.

Das Cerumen oder Zerumen, wie das Gelbe im Ohr medizinisch genannt wird, hat nützliche Aufgaben. Es wird in „apokrinen“ Gehörgangsdrüsen produziert, um die Gehörgangshaut geschmeidig zu machen. An der klebrigen Substanz sollen Fremdkörper wie Staub oder Sand haften bleiben und Bakterien am Einnisten gehindert werden. Ihr Geruch wehrt sogar Insekten ab.

Normalerweise reinigen sich die Ohren von selbst: Winzige Flimmerhärchen befördern das Ohrenschmalz mit ständigen Bewegungen nach außen. Der Transport wird durch Kaubewegungen unterstützt. Mechanische Reinigungsversuche mit Wattestäbchen jedoch bewirken das Gegenteil: Sie schieben das Zerumen wieder zurück in einen Winkel des Ohres, wo es sich verfestigt. Es bildet sich ein Pfropfen im Gehörgang, der diesen ganz oder teilweise verschließt. Man hört plötzlich weniger, wie mit Ohrenstöpseln, es kommt zu Druckgefühl, Schmerzen, Juckreiz, Tinnitus und Schwindel.

Farbe und Beschaffenheit des Zerumens sind individuell sehr verschieden: Die Färbung reicht von gelb bis tiefbraun, die Konsistenz von fast flüssig bis bröselig oder sogar knochenhart. Der Unterschied ist genetisch bedingt: Für das trockene und das feuchte Zerumen ist jeweils ein spezifisches Gen verantwortlich. Japanische Wissenschaftler identifizierten den Genort für Zerumen auf dem Chromosom 16. Dort befinden sich das zuständige Gen ABCC11 und darin die Basenpaare, die für den einen oder den anderen Ohrenschmalz-Typ zuständig sind.

Ohrenschmalz ist nach wie vor der häufigste Grund zum Konsultieren eines HNO-Arztes. Zur Entfernung eines „Zeruminalpfropfens“ kann sich der Arzt oder sein medizinisches Hilfspersonal verschiedenen Methoden bedienen. Die klebrige oder verhärtete Masse wird abgesaugt, mit speziellen Tropfen aufgeweicht, mit körperwarmem Wasser ausgespült (kaltes Wasser kann zu Schwindelsymptomen führen) oder mit Kürette, Schlinge, Häkchen oder Doppellöffel entfernt.