Globale Herausforderungen

Was die Weltverbesserer von morgen heute lernen

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Fanny Jiménez

Foto: picture-alliance / Helga Lade Gm / pa

Klimawandel, Kriege, Krisen: In Deutschlands innovativsten Studiengängen sollen Studenten lernen, die großen Probleme der Menschheit zu lösen.

Der Saal an der School of Governance in Berlin füllt sich. Die 25 Public Policy Studenten sind heute gekommen, um sich große Probleme im Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vorzunehmen.

Manche, wie der Nato-Offizier Thomas Eissing aus Steinfurt bei Münster, reisen weit an zu den Präsenztagen alle zwei Monate. Sonst lesen die Studenten auf einer virtuellen Lernplattform Texte zu Finanzplanung und Strategieentwicklung und versuchen, alles Gelernte auf ihre Projektidee anzuwenden. Denn eine gute Idee zu haben – das ist die Voraussetzung, wenn man hier studieren will. Die Arbeit daran ist der Kern des viersemestrigen Aufbaustudienganges der Humboldt Universität und der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt. Insgesamt zehn Studiengänge gibt es in Deutschland, die Weltverbesserern helfen sollen, globale Probleme richtig anzugehen.

Das Projekt von Eissing ist schon abgeschlossen. Er hat ein IT-Tool entwickelt, das in Afghanistan die Kooperation zwischen den Nationen vor Ort verbessern soll. „Das hier ist ein Studiengang, der Bewusstsein schafft“, sagt er. Auch Dennis Buchmann, Biologe und Journalist und hauptberuflich für betterplace.org tätig, hält viel von der Zusatzausbildung. „Das ist ein interessantes Netzwerk mit viel Diskussionscharakter und wenig Frontalunterricht. Es ist sehr inspirierend.“

Inspirierend soll es auch bei George Teodorescu zugehen, der den Master-Studiengang „Integral Innovation“ an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart leitet. Er will Naturwissenschaftler in vier Semestern zu Erfindern ausbilden. Sie kreieren Lösungsansätze für reale Probleme aus Wirtschaft und Forschung. „Was uns hier auszeichnet, sind unterschiedliche Perspektiven, eine einfach Methodik und echte Probleme“, sagt er. Die Studenten bleiben zwei Semester in Stuttgart, eines an einer Partneruniversität im Ausland und lösen in einem zweiten Aufgaben in einem der Partnerunternehmen vor Ort.

Rund 500 patentierbare Ideen sind dabei schon herausgekommen. Damit niemand etwas erfindet, was es schon gibt, hat Teodorescu ein Portfolie angelegt zu berühmten Problemlösungen über die Zeiten und verschiedene Kulturen. „So kann man die Folgereihe der Ideen nachvollziehen“, sagt er.

Viele Ideen können auch die Studenten von Christoph Nowicki von der University for Sustainable Development gebrauchen. Der Soziologe leitet in Eberswalde das Programm für den internationalen Master in „Global Change Management“. Der Studiengang will mit 25 Studenten pro Jahrgang Spezialisten ausbilden, die in der Lage sind, die komplexen negativen Folgen des globalen Wandels abzusehen und möglichst zu beheben. Dazu zählen unter anderem der Klimawandel und die Industrialisierung. Auch hier bringen Partner aus der Praxis sich intensiv in die Ausbildung ein, etwa das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung.

Der Hintergrund der Studenten ist bunt, mit dabei sind Mathematiker, Sinologen und Medienexperten. Ein Schwerpunkt ist Internationalität. „Wir versuchen insbesondere Studierende aus Entwicklungsländern anzulocken, die ja besonders am globalen Wandel leiden. Wir möchten sie hier ausbilden, damit sie das Wissen dann mit zurück in ihre Länder nehmen können“, erklärt Nowicki. Ihm sei wichtig, dass möglichst viele Ideen den Weg in die Realität finden. „Man muss für das Studium gewisse Idealvorstellungen haben. Wir bestätigen die Leute auch darin. Allerdings sollte es mit Pragmatismus gepaart sein.“

Ideale und Pragmatismus können auch die Studenten des Konfliktforschers Thorsten Bonacker an der Universität Marburg gebrauchen. Sie sollen lernen, Konfliktlösungen für Krisengebiete zu erarbeiten. „Die Studierenden können so ausprobieren, wie es ist zu intervenieren“, sagt Bonacker. „Und wenn jemand den Länderreferenten von Nepal spielen soll, bereiten wir mit dem tatsächlichen Referenten ein Gespräch vor, sodass sich die Studierenden inhaltlich vorbereiten können.“ Bei der Entwicklung der Handlungspläne stellten die Studenten dann fest, was für unterschiedliche Interessen die beteiligten Akteure haben.

Als Weltverbesserer sehen die meisten sich nicht, eher als Leute mit guten Ideen. Der Public Policy Student Christoph Glaser aus Basel hat aber tatsächlich einmal einen Club der Weltverbesserer gegründet und öffentliche Lachclubs auf Marktplätzen organisiert. Sein Projekt: Im kommenden Juli wird das „World Culture Festival“ im Olympiastadion in Berlin stattfinden, mit erwarteten 100.000 Besuchern aus 150 Ländern. Damit wird er sein Studium beenden.

Die Berufsaussichten für die jungen Weltverbesserer sind gut, sagt Christoph Nowicki aus Eberswalde. „Insgesamt wächst der Jobmarkt ständig, weil die Probleme durch den globalen Wandel größer werden.“

Und auch George Teodorescu ist sich sicher, dass seine gut ausgebildeten Erfinder nach dem Studium problemlos durchs Leben kommen werden. „Wir können uns rühmen, bei unseren Absolventen eine Arbeitslosigkeit von null Prozent zu haben“, sagt er stolz.