Kreuzung

Liger oder Töwe – die Mischung macht’s

Lange als Betriebsunfall der Natur angesehen, könnte der Seitensprung über Art-Grenzen hinweg ein wichtiger Evolutionsfaktor sein.

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Biologische Arten sind Fortpflanzungsgemeinschaften. Dazugehören ist alles; Angehörige anderer Arten bleiben draußen. Unterschiedliche Verhaltensweisen gerade bei der Paarfindung, Partnerwahl und den Paarungsritualen verhindern bereits vor einer Befruchtung, dass die Geschlechter verschiedener Arten zueinanderfinden. Wenn das nicht reicht, greifen nach der Befruchtung Fehler in der genetischen Feinabstimmung und lassen die Mischlinge früher oder später sterben.

Nur sehr selten – so dachte man bisher – werden daher in der Natur die Schranken zwischen zwei nahe verwandten Arten durchbrochen und überhaupt einmal erfolgreich Hybride gezeugt. Kreuzungen haben in der Evolution das Stigma der Familienschande, denn tatsächlich sind Hybride bei vielen Pflanzen und Tieren oft weniger lebensfähig. Bei Maultier und Maulesel beispielsweise – den Mischlingen zwischen Pferd und Esel - gelangt eine solche Liaison schnell an ihre biologischen Grenzen: Beide sind steril, können sich ihrerseits nicht mehr weiter vermehren.

Weil solche Mischlingsehen über Artgrenzen hinweg bereits nach einer Generation scheitern, hielten Biologen die Hybridbildung für die Ausnahme; in der Natur eher für eine Art Betriebsunfall und oft genug erst in menschlicher Obhut möglich – wie bei gesagtem Pferd und Esel. Jüngst machten zwei Liger Schlagzeilen, die in einem Privatzoo in Taiwan geboren wurden. Nach jahrelanger gemeinsamer Käfighaltung hatte sich ein Tigerweibchen mit einem Löwen eingelassen. Das Ergebnis ähnelt im Körperbau dem Löwen, weist aber ein gestreiftes Fell auf wie Tiger.

In freier Wildbahn kommen die Tiere auf natürliche Weise kaum miteinander in Berührung. Zum einen haben sie unterschiedliche Verbreitungsgebiete in Afrika und Asien, zum anderen auch unterschiedliche Lebensräume. Und dann sind da noch jene artlichen Paarungsschranken, die natürlicherweise Liger und Töwen verhindern.

Natürliche Bastarde zwischen zwei Arten galten bislang als derart selten, dass die wissenschaftliche Literatur voll von Erwähnungen wohl beinahe jeder der berühmten Ausnahmen ist, die eine Regel erst bestätigen. Da finden beispielsweise Vogelforscher in Bayern einen Mischling zwischen dem nahe verwandten Drossel- und Teichrohrsänger. Andere berichten aus Mecklenburg-Vorpommern von der ersten und erfolgreichen Hybridisierung zwischen einem Schrei- und Schelladler. Wieder andere entdecken den Seitensprung zwischen Tannen- und Schopfmeise oder Weiden- und Sumpfmeise, auch einmal zwischen Garten- und Hausrotschwanz. So mag der Eindruck entstehen, dass gerade Vögel besonders anfällig für derartige Paarungs-Unfälle sind. Allerdings gelingt es dank ihrer arttypischen und für Vogelkenner leicht erkennbaren Gefiederfärbung sowie ihrer recht auffälligen Lebensweise auch noch am ehesten, Mischlingen in der Natur mit bloßem Auge auf die Spur zu kommen. Meist bleiben Seitensprünge eben im Verborgenen – und lassen sich selbst im Fall gemeinsamen Nachwuchses bei vielen Tierarten, allen voran dem Heer der Wirbellosen, nur selten eindeutig nachweisen.

Dank immer raffinierterer molekulargenetischer Verfahren kommen Biologen aber seit einigen Jahren dem Prinzip Seitensprung über Artgrenzen hinweg immer häufiger auf die Schliche. Mit dem Ergebnis, dass die Vermischung eben doch nicht so selten vorkommt wie man zuvor annahm. Dabei spielen nun nicht die spektakulären Einzelfälle wie beim Liger und Töwen oder die gelegentlich vorkommenden, mehr oder weniger auffälligen Mischlinge bei Vögeln eine Rolle. Vielmehr bestätigt sich neuerdings der Verdacht, dass ganze Arten ihr Dasein dem fortgesetzten Seitensprung ihrer Elternarten verdanken. So könnte der auf der Apenninen-Halbinsel lebende Italiensperling ein Verschmelzungsprodukt des Weidensperlings mit dem grauköpfigen Haussperling sein. Das vermutete der Hamburger Vogelsystematiker Wilhelm Meise bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert. Forscher am Museum für Naturkunde in Berlin konnten zeigen, dass der bei uns häufigste Teichfrosch das Kreuzungsprodukt aus der regelmäßigen Liäson von Seeforsch mit dem Kleinen Wasserfrosch ist.

Selbst vor den berühmstesten Zeugen für Evolutionsvorgänge, jenen Finken auf den von Charles Darwin einst besuchten Galapagos-Inseln, macht die Hybridisierung nicht Halt. Während es bei den ebenfalls auf Galapagos lebenden Land- und Meeres-Echsen bislang nachweislich nur ausnahmsweise einmal zur Mischlingsbildung kommt – immerhin muß die Natur hier die Paarungsschranken sogar zwischen zwei Gattungen, Ambyrhynchus und Conolophus, überwinden – werden die berühmten Darwinfinken einmal mehr zum Lehrstück. Wie langjährige Untersuchungen von Peter und Rosemary Grant zeigen, könnte die Fusion von zwei bereits weitgehend getrennten, aber sich eben noch nicht vollständig fremden Finkenarten zur Entstehung einer neuen, unabhängigen Art führen - nach dem Motto: „Aus fast zwei mach’ wieder eins“.

Evolutionsbiologen vermuten jetzt, dass solche Mischlinge sich unter bestimmten Bedingungen besser behaupten und möglicherweise sogar im Konkurrenzkampf gegenüber ihren Elternarten durchsetzen können, weil sich in ihnen das Beste aus zwei Arten miteinander vereint. Wo und unter welchen Umständen diese erfolgreiche Verschmelzung bei Tieren und Pflanzen vorkommt, haben deutsche Evolutionsbiologen über Jahre in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Schwerpunktprogramm erforscht und dabei gleichsam „Evolution in Action“ erlebt. Wie sie in dem soeben erschienenen Buch mit eben jenem Titel berichten, könnte die Hybridbildung nicht nur bei vielen, auch für unsere Ernährung wichtigen Pflanzen, sondern bei so verschiedenen Tieren wie Möwen, Fröschen, Fischen und sogar tropischen Süßwasserschnecken ein wesentlicher Faktor der Evolution geworden sein.