Wissenschaftsgeschichte

Kernspaltung wird 70 Jahre alt

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Norbert Lossau

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Vor 70 Jahren entdeckte Otto Hahn die Kernspaltung. 70 Jahre nach der Entdeckung der Kernspaltung verfügen auf diesem Planeten eine ganze Reihe von Staaten über Atomwaffen – offiziell oder insgeheim. Aus Grundlagenforschung ist längst ein allgegenwärtiger Faktor der Militär- und Sicherheitspolitik geworden.

Kaum eine wissenschaftliche Entdeckung hat die Welt so sehr verändert wie die der Kernspaltung. Vor 70 Jahren, am Abend des 19. Dezember 1938, schrieb Otto Hahn in Berlin einen Brief an seine vor den Nationalsozialisten nach Schweden geflohene Mitarbeiterin Lise Meitner. Gemeinsam mit ihr und Fritz Strassmann hatte er im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Dahlem über Monate hinweg Uran mit Neutronen bestrahlt. Mit genialen chemischen Analysemethoden konnte Hahn schließlich winzigste Spuren von Barium nachweisen – eine außerordentliche Leistung. Barium-Atomkerne sind ungefähr halb so groß wie Urankerne. Diese wurden offenbar durch das Bestrahlen mit Neutronen zum Zerplatzen angeregt.

Lise Meitner erfuhr in einem verschneiten Dorf von dieser wissenschaftlichen Sensation. „Unsere Radium-Isotope verhalten sich nicht wie Radium, sondern wie Barium. Ich habe mit Straßmann verabredet, daß wir vorerst nur Dir dies sagen wollen. Vielleicht kannst Du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen“, schrieb Hahn an Meitner. Ihr war sofort klar, was diese Nachricht aus Berlin bedeutete: Beim Zerfall der Urankerne werden große Mengen Energie sowie Neutronen freigesetzt. Eine Kettenreaktion von Kernspaltungen wäre also möglich – und damit der Bau von Atombomben. Dass diese bereits sieben Jahre später, abgeworfen von Amerikanern über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki, explodieren würden, konnte zu diesem Zeitpunkt indes niemand vorhersehen.

70 Jahre nach der Entdeckung der Kernspaltung verfügen auf diesem Planeten eine ganze Reihe von Staaten über Atomwaffen – offiziell oder insgeheim. Der Zweite Weltkrieg wurde durch den Einsatz von Atombomben beendet, im sogenannten Kalten Krieg rüsteten die beiden Supermächte mit nuklearen Waffen um die Wette, und heute befürchten Experten, dass gar Terroristen in den Besitz von Atomwaffen gelangen könnten. Aus Grundlagenforschung ist längst ein allgegenwärtiger Faktor der Militär- und Sicherheitspolitik geworden.

Die andere Seite der Kernspaltung ist ihre zivile Nutzung in Atomkraftwerken. Weltweit sind derzeit rund 440 Kernreaktoren in Betrieb – Tendenz steigend. Nur das Land, in dem vor 70 Jahren die Kernspaltung entdeckt wurde, hat sich entschlossen, auf eine weitere Nutzung der Kernenergie zu verzichten – vorerst jedenfalls.

Für die bahnbrechende Entdeckung der Kernspaltung ist Hahn 1944 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet worden. Immer wieder wurde die Entscheidung des Stockholmer Nobelpreiskomitees kritisiert, nur Hahn und nicht seine Mitstreiter Meitner und Strassmann zu ehren. Der Wissenschaftshistoriker Ernst-Peter Fischer ist sogar davon überzeugt, dass eigentlich die Physikerin Lisa Meitner der Kopf des Forschertrios war: „Sie hat das Wissen gehabt, Hahn hat nur die Versuche durchgeführt.“ Daher sei es schlicht eine „Dummheit der schwedischen Akademie“ gewesen, Meitner beim Nobelpreis zu übergehen. Der lebenslangen innigen Freundschaft von Hahn und Meitner hat die Stockholmer Entscheidung indes keinen Schaden zugefügt. Otto Hahn starb im Juli 1968; Lise Meitner vier Monate später.

Hahn wurde 1879 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte ab 1897 in Marburg Chemie und Mineralogie und promovierte 1901. Drei Jahre später wechselte Hahn zum Londoner University College und kam dort mit dem noch jungen Gebiet der Radiochemie in Kontakt. In London entdeckte er 1905 das radioaktive Thorium-228. Im Herbst desselben Jahres wechselte er an die McGill University in Montreal zum berühmten Sir Ernest Rutherford. An seinem Institut entdeckte Hahn weitere neue Radionuklide.

Im Jahre 1906 kehrte er nach Deutschland zurück, an die Berliner Universität, wo Otto Hahn sich 1907 habilitierte und die aus Wien kommende Jüdin Lise Meitner kennenlernte, die kurz vor der großen Entdeckung emigrierte.