Wettlauf um Bodenschätze

Unter dem Nordpol steht die russische Flagge

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Manfred Quiring

Foto: AS/crp / REUTERS

Eine Expedition hat damit begonnen, den Meeresgrund der Arktis in 4000 Meter Tiefe zu erforschen. Sie soll nachweisen, dass das Gebiet zu Russland gehört. Denn dort liegen riesige Öl- und Ergasfelder - an denen auch andere Länder interessiert sind.

In mehr als vier Kilometern Tiefe unter dem Nordpol steht jetzt die russische Flagge. Eine russische Arktis-Mission stellte sie bei einem abenteuerlichen Tauchgang unterhalb der Eiskappe ein Metall-Denkmal in Flaggenform auf. Sie waren mit zwei Mini-U-Booten in 4.000 Meter Tiefe unter dem Nordpol abgetaucht.

Mit der Expedition versucht Russland, seinen Anspruch auf einen Großteil der Arktis zu untermauern. Es ist die wohl spektakulärste Arktis-Expedition in der Geschichte der russischen Polarforschung, zumindest hinsichtlich der möglichen Konsequenzen, die sie nach sich ziehen könnte. Das Hauptziel der Expedition besteht darin, Beweise dafür zu finden, dass die unterseeischen, nach den russischen Wissenschaftlern Lomonossow und Mendelejew benannten Gebirgszüge, die sich bis Grönland hinziehen, geologisch die Fortsetzung des russischen Kontinentalschelfs sind. Der 1948 von den Sowjets entdeckte Lomonossow-Rücken erstreckt sich über rund 2000 Kilometer durch das Polarmeer.

Gelingt das und lassen sich dann auch noch die Vereinten Nationen davon überzeugen, erhielte Russland das Recht, die riesigen unterseeischen Öl- und Gasfelder in dem Dreieck Tschukotka im Fernen Osten, der nordrussischen Hafenstadt Murmansk und dem Nordpol auszubeuten.

Expeditionsleiter gesteht, dass er Angst hat vor der gefährlichen Aktion

Expeditionsleiter Artur Tschilingarow meldete schon bald nach Beginn des Tauchmanövers seinen Kollegen an Bord des Forschungsschiffs „Akademik Fjodorow“, sein U-Boot habe den Meeresgrund erreicht. „Die Landung war sanft, der gelbliche Boden umgibt uns, es sind keine Meeresbewohner zu sehen“, zitierte ihn ITAR-Tass.

Unmittelb

ar vor dem gefährlichen Tauchgang räumte Tschilingarow allerdings auch seine Unruhe ein. „Ich habe Angst und ich verstecke es nicht“, sagte der 68-jährige Polarforscher dem Fernsehsender NTW. Er vertraue aber dem Unterstützerteam an Bord der „Akademik Fjodorow“.


„Erstmals in der Geschichte werden Menschen den Meeresboden unter dem Nordpol erreichen“, sagte der Sprecher des zuständigen Instituts für Arktis- und Antarktisforschung, Sergej Baljasnikow. „Es ist wie das Hissen der Flagge auf dem Mond.“

Auch USA, Kanada, Dänemark und Norwegen herben Ansprüche


Etwa ein Viertel aller Kohlenwasserstoffvorkommen weltweit soll nach Angaben von Geologen unter dem nördlichen Eismeer lagern. Auch Nickel- und Diamantenvorkommen werden dort vermutet. In dem Maße, wie die zunehmende Erwärmung der Erdatmosphäre in den vergangenen Jahren die eisigen Polkappen schmelzen ließ, wurden die unwirtlichen Gebiete zugänglicher – und die Blicke der Anrainer begehrlicher.

Die UN-Seerechtskonvention aus dem Jahre 1982 gewährt jedem am Meer gelegenen Land eine 12-Meilen-Zone für seine Hoheitsgewässer. Die Wirtschaftszone reicht bis 200 Meilen vor die Küste. Sie kann nur dann erweitert werden, wenn sich das kontinentale Schelfgebiet über diese Wirtschaftszone hinaus erstreckt. Dass dies für Russland und das Nordpolarmeer zutrifft, soll die Expedition beweisen.

Moskau hatte bereits 2001 Anspruch auf das umstrittene Gebiet von 1,2 Millionen Quadratkilometer erhoben. Ansprüche auf die Verfügungsgewalt von Teilen des arktischen Schelfgebietes können neben Russland aber auch die USA, Kanada, Dänemark und Norwegen erheben. Das für Seerechtsfragen zuständige UN-Komitee konnte sich 2002 allerdings nicht zu einem Entschluss durchringen, der Streit schwelt weiter.

Die Rechtslage ist bei weitem nicht so eindeutig, wie einige russische Experten glauben machen wollen. Denn das zu Dänemark gehörende Grönland liegt näher am Nordpol und am Lomonossow-Rücken, den die Dänen ohnehin als unterseeische Fortsetzung der grönländischen Insel ansehen. Auch Kanadas Ellesmere-Insel und die Svalbard-Inselgruppe Norwegens, beide ebenfalls nahe am Nordpol gelegen, können von den beiden Ländern als Argumente für eine erweiterte Schelfzone herangezogen werden.

Gefährlich wird es beim Wiederauftauchen der U-Boote

Die „Akademik Fjodorow“ mit 100 Mann Besatzung und Forschungspersonal an Bord wird auf der Suche nach neuen geopolitisch nutzbaren Fakten, unterstützt vom nuklear getriebenen Eisbrecher „Rossija“, zweieinhalb Monate das Nordpolarmeer durchkreuzen und dabei rund 3600 Kilometer zurücklegen, 800 Kilometer davon durch eine geschlossene Eisdecke.

Doch die eigentliche Arbeit am Meeresgrund in 4000 Meter Tiefe machen die beiden Tauchboote „Mir-1“ und die „Mir-2“. Tests im Vorfeld der Expedition waren bereits erfolgreich verlaufen. Problematisch sei allerdings das Auftauchen, weil die ein bis zehn Meter dicken Eisflächen driften, sagte der Leiter des Unterwasser-Teils der Expedition, Anatoli Sagalewitsch.

Das Tauchboot müsste sich dann selbstständig eine Lücke im 1,5 Meter dicken Eisfeld suchen, bevor die Sauerstoffvorräte zur Neige gehen, erläuterte Sagalewitsch, der das U-Boot steuert. Der atombetriebene Eisbrecher „Rossija“ hatte bereits in der Nacht ein rund 125 auf 10 Meter großes Loch für die beiden U-Boote geschlagen.

Eine russische Fahne aus rostfreiem Titan wird aufgestellt

Mit an Bord sind auch zwei Abgeordnete der Kreml-Partei „Geeintes Russland“. Artur Tschilingarow ist Vizesprecher der Duma und war früher ein bekannter Polarforscher. Wladimir Grusdjew ist stellvertretender Vorsitzender des Duma-Komitees für Gesetzgebung.

„Niemand weiß, was da unten ist“, sagte Wladimir Grusdew, der gemeinsam mit Expeditionsleiter Tschilingarow und einem weiteren Kollegen an Bord des ersten U-Boots in die Tiefe tauchte, dem Sender Channel One. „Was ist, wenn wir dort Atlantis finden?“

Auf dem Meeresgrund werden Boden- und Wasserproben entnommen, geologische und hydrologische Messungen vorgenommen. Mit Hilfe von speziellen Fangeinrichtungen können auch Lebewesen, an deren Existenz auch in diesen Tiefen unter dem ewigen Eis Sagalewitsch nicht zweifelt, mit nach oben gebracht werden. Zwischen sieben und zehn Stunden dauert jeder Tauchgang, die U-Boote können notfalls bis zu vier Tagen unter Wasser bleiben.

Die in rostfreiem Titan ausgeführte, einen Meter hohe und 10 Kilogramm schwere russische Flagge, die die Russen auf dem Meeresboden zudem aufgestellt haben, hat vor allem symbolischen Wert - ohne rechtliche Konsequenzen. Sie demonstriert eindringlich die russischen Ansprüche. „Die Arktis ist russisch“, hatte bereits Tschilingarow vor dem Auslaufen verkündet.

Finanziert wird die Expedition von ausländischen Partnern


Auch eine Kapsel mit einer Botschaft an die kommenden Generationen wird auf dem Meeresgrund zurückgelassen. „Wir sind verpflichtet, die ganze Welt daran zu erinnern, dass Russland eine große Polar- und Wissenschaftsmacht ist“, erklärte Grusdjew.

Doch finanziert wird die Tauchexpedition, Sagalewitsch sagte es mit „großem Bedauern“, von ausländischen Partnern. „Wir steigern das Prestige unseres Landes auf Kosten von Investoren.“ Gerade erst habe er erfahren, dass das bekannte Forschungsschiff „Mstislaw Keldysch“ zu einem Passierkreuzer umgerüstet werden solle. „Und mir empfahl man, schon mal darüber nachzudenken, was ich künftig mit den Tiefsee-Apparaten machen werde.“

Der Wissenschaftler zeigte sich frustriert. Er habe viele internationale Preise bekommen, darunter den sogenannten Unterwasser-„Oskar“. Die beiden Tauchboote waren dabei, als James Cameron seinen Film „Titanic“ drehte, die führenden ozeanografischen Institute der Welt suchen die Kooperation, „aber in der Heimat bekommt der Kommandant eines Tiefsee-Apparates 3000 Rubel im Monat.“ Das sind umgerechnet 85 Euro. Die jetzige Arktisexpedition könnte für Sagalewitsch die letzte russische Wissenschaftsmission werden. In den kommenden Wochen wollen die Wissenschaftler ihre Forschungen von einem Camp aus fortsetzen. Die „Akademik Fjodorow“ soll bis Mitte September vor Ort bleiben.

Die USA verfolgen den Vorstoß mit Interesse

Das Treiben der Russen in der Arktis wird international aufmerksamen beäugt. Russische Medien berichteten aufgeregt über amerikanische „Spionageflugzeuge“, die die beiden Schiffe aus großer Höhe – im internationalen Luftraum – beobachteten. Amerika, so der Tenor der Berichte, nimmt uns ernst.

Tatsächlich verfolgen die USA sehr interessiert den russischen Vorstoß in der Arktis. Und sie erinnern sich mit einiger Verspätung daran, dass Ansprüche an arktische Regionen wohl nur der anmelden kann, der die UN-Seerechtskonvention von 1982 auch ratifiziert hat. Das will die Administration in Washington nun mit Hochdruck vorantreiben, sagte der juristische Berater des amerikanischen Außenministeriums, John Billinger der Zeitung „USA today“.

Die Ratifizierung „ist für uns eine höchst wichtige Aufgabe“. Der einflussreiche Kongress-Abgeordnete Richard Lugar forderte, Washington müsse den Kampf um die polaren Energieressourcen aufnehmen.

Die Ausbeutung der Bodenschätze unter dem Meer ist technisch möglich

Die Arktis, der Raum um den Nordpol, wird vom bis zu mehr als 5000 Meter tiefen Nordpolarmeer, von zahllosen Inseln und den nördlichen Teilen der Kontinente Amerika, Europa und Asien eingenommen. Mit einer Fläche von über 21 Millionen Quadratkilometer ist die Arktis doppelt so groß wie Europa. Zwei Drittel sind Meer.

Es ist im Winter fast vollständig von einer zwei bis drei Meter dicken Eisschicht bedeckt. Die schiebt sich bei den häufigen Stürmen zu Packeis zusammen, das sich bis zu 25 Meter in die Höhe türmen kann.

Eine Ausbeutung der unter dem Meer liegenden Bodenschätze erscheint deshalb heute aus technologischen Gründen nicht mehr als ein Zukunftstraum. Doch die entsprechenden rechtlichen Pflöcke muss rechtzeitig eingeschlagen, wer bei einem künftigen Run auf das arktische Öl und Gas nicht zu spät zu kommen will.