Katastrophen

Behörden warnen vor extremen Klimakapriolen

In den nächsten 30 Jahren nehmen extreme Niederschläge deutlich zu. Das spüren die Kommunen: Die Katastrophenschäden werden teurer.

In Deutschland wird es ab 2040 deutlich öfter zu extremen Regenfällen kommen. Trockene Sommer mit zwischendurch sehr heftigen Niederschlägen und nasse Winter werden stark zunehmen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekts der Allianz aus Deutschem Wetterdienst, dem Umweltbundesamt, dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und dem Technischen Hilfswerk. Die Behörden hatten sich zusammengetan und stellten nun die Ergebnisse vor.

In drei Studien des deutschen Wetteramtes wurden die Auswirkungen des Klimawandels auf das deutsche Wetter untersucht und simuliert. „Das Ergebnis: Der Klimawandel macht auch vor Deutschland nicht halt“, sagt Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland um ein Grand erhöht, bis 2100 würden wahrscheinlich noch um die drei Grad dazukommen. Alle drei Studien gehen von sehr nassen Wintern aus. Zwei der Studien sagen auch vermehrt trockene Sommer voraus.

Demnach drohen schon in wenigen Jahrzehnten deutlich mehr Schäden durch Überschwemmungen wegen starken Regens. Bisher traten in Deutschland an etwa jedem 100. Tag Starkniederschläge auf, dies werde sich, so die Forscher, bis 2040 auf jeden 66. Tag erhöhen.

Speziell in Norddeutschland könnten sich extreme Niederschläge verdoppeln, während in Alpennähe die Zunahme geringer ausfiele. Das Ergebnis der Studien: In den Sommermonaten wird die Regenmenge zwar um bis zu 40 Prozent zurückgehen, doch die Häufigkeit von Starkniederschlägen steigt stark an. Trockene Flussbetten könnten sehr schnell über die Ufer treten und unvorbereitete Anwohner treffen. „Schon in wenigen Jahrzehnten werden wir deutlich mehr Schäden durch Überschwemmungen haben“, sagte Paul Becker, Vizechef des Deutschen Wetterdienstes.

Nach Abgaben der Münchener Rückversicherung betrug 2010 der gesamtwirtschaftliche Schaden durch wetterbedingte Naturkatastrophen in Deutschland rund zwei Milliarden Euro. Davon waren Schäden von rund 800 Millionen Euro auch versichert. Einen Großteil der Kosten entsteht durch Sturmschäden, welche in der Untersuchung bisher noch nicht einbezogen wurden.

Dennoch deutet vieles darauf hin, dass es auch bei Stürmen eine ähnliche Zunahme wie bei extremen Niederschlägen geben wird. Weltweit war das vergangene Jahr von zahlreichen Katastrophen geprägt: Nach Berechnungen der Münchener Rück wurden 950 Naturkatastrophen verzeichnet, 90 Prozent davon waren wetterbedingte Ereignisse wie Stürme, Unwetter oder Überschwemmungen. Damit war 2010 das Jahr mit der zweithöchsten Zahl an Naturkatastrophen seit 1980.

Die gesamtwirtschaftlichen Schäden betrugen weltweit rund 100 Milliarden Euro. Falsbarth betont mit Blick auf diese Zahlen, effektiver Klimaschutz sei günstiger, als die jedes Jahr steigenden Kosten des Klimawandels zu tragen.

Christoph Unger, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe betonte, dass die Anpassung an den Klimawandel eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. Es liege in der Verantwortung jedes Einzelnen, seinen Beitrag zu leisten. Deutschlandweit gibt es den Angaben zufolge bereits 1,7 Millionen freiwillige Helfer für Katastrophenfälle. Unger verwies darauf, das alles daran gesetzt werden müsse, die Koordination von Hilfskräften und betroffenen Kommunen zu verbessern, damit schneller und effektiver eingegriffen werden könne.

Die Bundeswehr bleibt dabei laut Unger ein wichtiger Partner, auch wenn sie in den letzten Jahren weniger flexibel geworden sei. Gerade die Truppenreduzierung in einigen Regionen habe dafür gesorgt, dass Bergungsfahrzeuge nicht mehr flächendeckend stationiert sind. Die drohenden Überschwemmungen bereiten den Behörden besondere Sorgen.

„Bebauungspläne und Landwirtschaft haben in Auen und natürlichen Überschwemmungsgebieten nichts zu suchen.“, sagte Flasbarth. Die Bundesregierung sei im Klimaschutz zwar weit engagierter als die Führung vieler anderer Länder, aber die Langzeitziele, wie eine Verringerung des CO 2 -Ausstoßes um bis zu 80 Prozent, dürften nicht aus den Augen verloren werden. Neben den Überschwemmungen werden sich laut Flasbarth neue Herausforderungen wie Bodenerosionen stellen – mit der Folge von höheren Kosten für die Infrastruktur. Deiche müssten erhöht und bei Planungen von Straße und Schiene die Standhaftigkeit gegen extreme Wetter berücksichtigt werden. In den letzten Jahren hätten Schäden an Straßen und Probleme bei der Deutschen Bahn gezeigt, wie schlecht man bislang auf künftigen Szenarien vorbereitet sei.

Das Technische Hilfswerk ist jedenfalls dabei, auf die Veränderungen zu reagieren und sich vermehrt für Spezialarbeiten vorzubereiten, wie das Abpumpen von großen Wassermengen und flächendeckende Stromversorgung. Ein Problem sieht Volker Strotmann, Leiter der Abteilung Einsatz im Technischen Hilfswerk, auch im demografischen Wandel. Das THW hat zu 99 Prozent freiwillige Helfer, und es falle immer schwerer, neue anzuwerben. Vor allem die Landflucht junger Leute sorge dafür, dass viele Dienste Personalmangel haben: „Die Gesellschaft muss entscheiden, wie viel ihr der Freiwilligendienst wert ist.“

Das THW beklagt, dass in Deutschland Freiwilligenarbeit weniger gewürdigt als anderswo. Im Ausland gebe es Anreize wie Ehrenamtskarten, die Vergünstigungen enthalten, oder auch Zuschüsse zur Rente. Strotmann sieht aber auch positive Entwicklungen. So zeige die wachsende Zusammenarbeit auf europäischer Ebene erste Erfolge. So dringt der Lissabonvertrag darauf, einheitliche technische Systeme zu verwenden. Strotmann: „Die europäische Hilfe bei den Überschwemmungen in Polen 2010 war ein voller Erfolg dieser Zusammenarbeit.“