Bananen und Tomaten verkaufen sich schlecht, wenn sie noch grün sind. Soll die Ware dennoch an den Verbraucher gebracht werden, hilft der Großhändler mit etwas Ethylen nach. Das Gas ist ein Pflanzenhormon, das den Reifeprozess von Früchten beschleunigt. Es ist eines der wenigen Hormone von Pflanzen, das praktische Anwendung gefunden hat. Jetzt scheint ein weiteres Pflanzenhormon Bedeutung zu gewinnen, das ein sehr breites Anwendungsspektrum in Gartenbau, Forst- und Landwirtschaft gewinnen könnte, und nebenbei ist auch seine wissenschaftliche Bedeutung nicht zu unterschätzen.
Strigolacton heißt die Substanz. Sie ist zwar schon seit einigen Jahren bekannt, aber ihre Hormonwirkung wurde erst jetzt nachgewiesen – von zwei Arbeitsgruppen gleichzeitig. Eine japanische und eine australische Gruppe berichten im Forschungsmagazin „Nature“, dass Strigolacton das Wachstum von Seitenzweigen unterdrückt. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, das äußere Erscheinungsbild eines Baums, eines Strauchs oder einer Staude dramatisch zu verändern, und zwar ohne Säge oder Heckenschere. Förster können Bäume mit langen, schlanken Stämmen ohne viele Seitenäste ziehen, so wie die verarbeitende Holzindustrie sie liebt – für fast ideale Bretter und große, makellose Furnierlagen.
„Weil Strigolacton eine natürliche Substanz ist, die direkt das Wachstum von Seitenästen kontrolliert, kann es eingesetzt werden, ohne die Gentechnologie zu Hilfe zu nehmen, und hat minimale Nebeneffekte“, sagt Christine Beveridge von der University of Queensland in Brisbane. Das heißt, das Hormon selbst oder ein synthetisches Kunstprodukt mit der gleichen biologischen Wirkung wird auf die Pflanzen gesprüht wie ein Unkrautmittel. Dann treiben keine unnötigen Seitenzweige mehr aus, nur der zentrale Stamm wächst gerade nach oben.
Auch für Obstbäume eignet sich das Verfahren, um Wasserreiser zu vermeiden, die keine Blüten und damit auch keine Früchte ansetzen. Für den Gartenbau gilt das Umgekehrte. Dort könnte das natürlicherweise in den Pflanzen vorhandene Strigolacton mit einer Hemmsubstanz blockiert werden, um an Stauden möglichst viele Seitentriebe mit vielen Blüten zu ziehen.
Martin Parniske, Professor am Biozentrum der Ludwig-Maximilians-Universität in München, ist von der Aufklärung der Hormonwirkung begeistert: „Für Botaniker ist die Entdeckung eines neuen Pflanzenhormons eine weltbewegende Sache.“ Um die Menge der bekannten Pflanzenhormone zu zählen, braucht man noch nicht einmal alle zehn Finger. Trotzdem regeln die Pflanzen damit mindestens ebenso viele Lebensvorgänge wie Tiere mit ihren Dutzenden von Hormonen.
Phytohormone schaffen das, indem sie fast immer zu mehreren einen Vorgang steuern. So wird die für das Wachstum wichtige Zellstreckung von zwei Hormonen kontrolliert. Wie die Zelle letztlich reagiert, hängt vom Konzentrationsverhältnis der beiden Hormone ab. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass das neue Strigolacton nicht nur Seitentriebe unterdrückt, meint Parniske: „Auch dies Hormon wird mehrfache Wirkungen haben.“ Sie müssen nur noch gefunden werden.
Strigolacton wurde nicht sofort als Hormon erkannt. Man fand es zuerst als Substanz, die von den Wurzeln in den Erdboden abgegeben wird. Dort lockt sie Pilze an, die daraufhin in das Pflanzengewebe einwandern und eine dauerhafte Symbiose mit der Wurzel eingehen, die Biologen als Mykorrhiza bezeichnen. Es ist ein Zusammenleben zu gegenseitigem Nutzen, bei dem der Pilz anorganische Nährstoffe aus dem Boden zieht und der Pflanze zur Verfügung stellt. Im Gegenzug erhält er Zucker.
Mehr als 80 Prozent aller existierenden Pflanzen besitzen Mykorrhizen. Verhindert man diese Symbiose mit Gewalt, dann bleiben die Pflanzen klein und mickrig. Darin liegt die wissenschaftliche Erkenntnis: Ohne Strigolacton keine Mykorrhiza, und ohne Mykorrhiza sähe nicht nur die Pflanzenwelt anders aus; auch die Entwicklung der Tierwelt bis hin zum Menschen hätte andere Wege genommen.


