The Blitz

Als Hitler den Bombenkrieg nach England trug

| Lesedauer: 13 Minuten
Sven Felix Kellerhoff

Vor 70 Jahren begann die deutsche Luftwaffe systematischen Angriffe auf London – das erste strategische Bombardement der Geschichte.

Eigentlich war die Weisung klar formuliert. „Angriffe gegen den Stadtbezirk von London und Terrorangriffe unterliegen der Genehmigung des Führers“, hatte der Wehrmachtsführungsstab am 24. August 1940 festgelegt. Trotzdem werfen am selben Abend einige Dutzend deutsche Bomber ihre tödliche Fracht über London ab.

Die Feuerwehr der britischen Hauptstadt verzeichnet am folgenden Morgen 76 einzelne Einschlagsorte, die meisten davon in mehreren Vororten, jedoch auch einige im Stadtzentrum. Die ehrwürdige Kirche St Giles-without-Cripplegate brennt völlig aus.

Unklar ist, ob es sich um ein Versehen der Besatzungen handelt, ein Missverständnis zwischen den verschiedenen Stäben – oder doch um ein bewusstes Überschreiten der Regeln. Etwa als Reaktion auf die frustrierende Standhaftigkeit der britische Jägerwaffe, die sich viel hartnäckiger wehrt als die deutschen Seite erwartet hat.

Jedenfalls antwortet die Royal Air Force umgehend mit nächtlichen Angriffen auf Berlin, die zwar relativ wenig Schaden anrichten, aber den Luftkrieg gegen Städte, aus unerfindlichen Gründen gewöhnlich strategisch genannt, eskalieren lassen.

Nur vier Tage später und damit für höchste Kommandobehörden sehr schnell gibt der Luftwaffen-Führungsstab einen neuen Befehl. Sofort seien „Vergeltungsangriffe gegen London“ vorzubereiten, lautet die nun gültige Grundsatzweisung.

Die Offiziere der beiden Luftflotten 2 und 3 haben gerade einmal 48 Stunden, um neue Ziellisten aufzustellen, Prioritäten festzulegen sowie optimale Anflugkurse zu berechnen – während die deutschen Bomber gleichzeitig weiter teilweise ihre lange festgelegten Ziele attackieren, teilweise in London gelegene militärische Anlagen angriffen, zum Beispiel Hafenanlagen längs der Themse.

Adolf Hitler will die englischen Städte "ausradieren"

Noch bevor die neuen Anweisungen das Führerhauptquartier erreichen, schafft Hitler vollendete Tatsachen. Überraschend tritt er am 4. September 1940 zur Eröffnung des „Winterhilfswerkes“ im Berliner Sportpalast auf und verkündet mit überschlagender Stimme einen grundsätzlichen Strategiewechsel: „Wenn die britische Luftwaffe zwei- oder drei- oder viertausend Kilogramm Bomben wirft, dann werfen wir jetzt in einer Nacht 150.000, 180.000, 230.000, 300.000, 400.000, eine Million Kilogramm. Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Maße angreifen – wir werden ihre Städte ausradieren!“

Selbst am folgenden Tag ist der Diktator noch so berauscht von seinem eigenen Auftritt, dass sein Propagandaminister Joseph Goebbels notiert: „Der Führer hat es satt und gibt nun London zur Bombardierung frei. In dieser Nacht soll es losgehen. Dann ist Schluss mit den Scheinangriffen und London bekommt endlich, endlich die Härte des Krieges zu verspüren. Das ist auch nötig.“

"Geraubter Schlaf wirft ein Volk nicht nieder"

Goebbels ist in diesen Tagen vor allem mit seiner zweiten entscheidend wichtigen Aufgabe beschäftigt: Als NSDAP-Gauleiter von Berlin muss er die psychologischen Folgen der RAF-Luftangriffe auf die Reichshauptstadt zu dämpfen.

Er weiß also, was Sache ist, als er am 6. September 1940 schreibt: „Mit bloßem Luftalarm kann man einer Millionenstadt nichts anhaben. Geraubter Schlaf wirft ein Volk nicht nieder. Die Demoralisation folgt erst der Verwüstung und dem Schrecken. Also los!“ Aber der Propagandist ist sich auch bewusst, dass der Strategiewechsel Folgen haben wird: „Wir werden dann allerdings auch noch einiges zu verspüren bekommen.“ Er soll Recht behalten.

Schlechtes Wetter führt dazu, dass die britische Hauptstadt noch 24 Stunden Galgenfrist bekommt. Erst am Vormittag des 7. September klarte der Himmel auf. Am Nachmittag steigen die ersten großen Bomberverbände auf; ihre Ziele sind offiziell Londoner Hafenanlagen mit dem Decknamen „Loge“.

"Heute ist Großkampftag"

Jedoch ist allen Beteiligten klar, dass bei Massenangriffen auf diese Docks inmitten des East Ends, eines großen Arbeiterviertels, hunderte Zivilisten ums Leben kommen werden.

Im Logbuch der Dornier Do-17 von Oberleutnant Joachim Genzow, vierte Staffel des Kampfgeschwaders 2, heißt es am 7. September 1940 lapidar: „Heute ist Großkampftag. Der erste Angriff mit stärkeren Verbänden auf die Industrieanlagen von London steht bevor. Unser Ziel sind die Victoria- und die India-Docks an der großen U-Schleife der Themse.“

Schon als die Maschine, ein bereits fast veralteter mittelschwerer Bomber, die französische Küstenlinie Richtung Norden überfliegt, sieht die Besat-zung riesige Rausäulen am Horizont: „Das sind die Öllager von London!“

In neun Wochen griff die Luftwaffe nur an zehn Tagen nicht an

Insgesamt 364 deutsche Bomber greifen innerhalb von knapp vier Stunden an, eskortiert von 515 Jagdflugzeugen. „Je näher wir zum Ziel kommen, desto größer wird das Inferno“, vermerkt Oberleutnant Genzow in seinem Logbuch: „Die Flak ist sehr gut, schüttelt unsere Dorniers anständig durcheinander.“ Stolz vermerkt der Pilot noch: „Unsere Bomben liegen auch genau im vorgeschriebenen Zielgebiet der Docks.“

Vom Boden aus betrachtet stellt sich die Lage etwas anders dar. „Der Himmel im Osten war flammend rot“, erinnerte sich die RAF-Helferin Barbara Nixon: „So wie es aussah, musste halb London brennen. In der Shaftesbury Avenue, fünf Meilen von den Bränden entfernt, konnte man nachts auf der Straße Zeitung lesen.“

Für derlei Betrachtungen hatten die Bewohner des East Ends keine Zeit. Bunker oder wenigstens vernünftig ausgestattete Schutzräume gibt es nicht; die Verwaltung hat statt dessen in den Außenbezirken große Gruben ausheben lassen und säckeweise Kalk bereitgestellt, um in ebenfalls gestapelten Pappsärgen die erwarteten tausenden Opfer möglichst schnell in Massengräbern „entsorgen“ zu können.

Schon der erste Abendangriff lässt diese zynischen Vorbereitungen berechtigt erscheinen: 436 Londoner kommen ums Leben, weitere 1666 werden so schwer verletzt, dass sie sich in Krankenhäusern behandeln lassen müssen. Jetzt hat die deutsche Angriffswalze endgültig London erreicht – es liegt nahe, dass sich für die Angriffe rasch der Name „The Blitz“ einbürgert, abgeleitet aus dem Propagandabegriff „Blitzkrieg“

In den neun Wochen zwischen dem 7. September und dem 12. November 1940 gibt es nur zehn Tage, an denen deutsche Bomber London nicht angreifen – sei es massenhaft nachts oder in kleineren Gruppen mit starken Jägerverbänden zu Präzisionsattacken tagsüber. Für Verschnaufpausen sorgt allein schlechtes Wetter.

Rund zwölf Millionen Kilogramm Sprengbomben werfen die Heinkels, Dorniers und die zum Arsenal neu hinzugekommenen, hochmodernen Junkers Ju-88 in dieser Zeit ab, außerdem eine Million Brandbomben. Die Folgen sind verheerend: Etwa 13.000 Londoner kommen allein bis Mitte November 1940 bei den Angriffen ums leben, mehr als 20.000 werden verletzt.

Dennoch bricht die Moral in der britischen Hauptstadt nicht zusammen. Das hat mehrere Gründe: Der wichtigste ist, dass sich die zahlreichen U-Bahnstationen rasch als geeignete Schutzräume erweisen. Zwar gibt es auch einzelne Treffer in nahe unter dem Pflaster gelegenen Bahnhöfen, in einem Fall mit mehr als 400 Toten, doch rettet der „Untergrund“ wahrscheinlich zehntausenden Londonern das Leben.

Angenehm ist der Aufenthalt dort aber nicht; über seine Erlebnisse in der U-Bahn während „The Blitz“ berichtet der Polizeichef des East End, Superintendent Reginald Smith: „Das erste, was ich höre, ist ein dumpfes Heulen und Stöhnen, als ob man dort Tiere eingesperrt hat, die unablässig Klagelaute von sich geben. Und als wir weiter gehen, trifft mich dieser entsetzliche Gestank.“

Das sei schlimmer als Leichengeruch, befindet der Polizist, der im Ersten Weltkrieg an der Westfront gekämpft hat: „Mit wird übel, und ich muss mich erbrechen. Vor mir kann ich im Schein von Kerzen und Lampen Gesichter sehen, die mich anstarren. Es ist ein Bild der Hölle.“ Doch die Stadt reagiert diesmal rasch und schafft Latrinen in den Stationen; auch Wasseranschlüsse werden gelegt.

"Buckinghampalast getroffen und schwer beschädigt"

Ein zweiter Grund für das Durchhalten der Londoner fällt am Abend des 10. September 1940 vom Himmel: Eine Luftmine, eine über-schwere Bombe, explodiert im Hof des Schlosses, während König George VI. und Queen Elizabeth anwesend sind. Die meisten Fenster des Palastes zerbersten, die Kapelle wird zerstört. Im fernen Berlin notiert Goebbels: „Buckinghampalast getroffen und schwer beschädigt.“

Die Brisanz entgeht dem sonst so instinktsicheren Propagandisten völlig: „Die Stimmung in London scheint etwas abzusinken. Man muss Geduld haben und beständig bleiben. Auch hier höhlt steter Tropfen den Stein.“

Doch das Gegenteil tritt ein. Als am 11. September 1940 das Königspaar – die beiden Töchter Elizabeth und Ann sind in Sicherheit außerhalb der Hauptstadt – sich die Schäden anschauen, formuliert die Queen eine klare Einsicht: „Ich bin froh, dass wir bombardiert worden sind; jetzt kann ich den Menschen vom East End wieder offen ins Gesicht sehen.“ Churchill nutzt die Chance entschlossen und entfacht ein patriotisches Feuerwerk, das die Stimmung massiv stützt.

Der Studioleiter des US-Senders CBS in London, der Reporter Ed Murrow, beschreibt die neue Situation mit einer treffenden Beobachtung: „Ich sehe viele Flaggen an Masten und vor Häusern wehen. Niemand hat die Menschen angewiesen, ihre Häuser zu beflaggen. Sie haben einfach das Gefühl, es sei irgendwie an der Zeit, den Uni-on Jack auf ihren Dächern zu zeigen.“

Die Berichte des gerade einmal 32-jährigen Journalisten erlauben es US-Präsident Franklin D. Roosevelt, seinen riskanten Kurs einer formellen Neutralität bei gleichzeitig massiver Unterstützung Großbritanniens politisch durchzuhalten.

Murrows Live-Reportagen rauben Millionen seiner Zuhörer in den USA den Atem. Oft vom Dach des BBC-Gebäudes, das Mikrofon per Kabel direkt mit dem Kurzwellen-sender nach New York verbunden, liefert er Eindrücke aus dem Krieg: „Links von mir kann ich das rötliche Mündungsfeuer einer Flakbatterie sehen. Vier Scheinwerfer schwenken zu mir herüber. Die Maschine fliegt noch sehr hoch. Die Scheinwerfer tasten jetzt direkt über mir den Himmel ab. Jetzt werden Sie gleich zwei Einschläge ganz in der Nähe hören. Da sind sie. Dieser harte, dumpfe Klang!“

Terrorangriff auf Coventry

Weil die massiven Attacken der deutschen Bomber bis Mitte November 1940 keinen durchschlagenden Erfolg bringen, wechselt die Luftwaffe ihre Strategie erneut: Nun rücken verstärkt Industrieziele außerhalb Londons auf die Ziellisten. Zu den ersten derartigen Angriffen gehört in der Nacht vom 14- auf den 15. November 1940 die Operation „Mondscheinsonate“ gegen die mittelenglische Industriestadt Coventry.

In zwei Wellen greifen insgesamt 449 Heinkels und Dorniers die insgesamt 30 als kriegswichtig eingestuften Fabriken der Stadt an; sie werfen 503 Tonnen Spreng- und 881 Brandstreubomben ab. 568 Menschen kommen in Coventry zu Tode, 856 Schwerverletzte müssen in den Krankenhäusern behandelt werden.

Die Altstadt brennt zu vier Fünftel ab; von der gotischen Kathedrale bleiben nur die Außenmauern stehen. Goebbels ist von dem vermeintlichen Erfolg so begeistert, dass er die Wortschöpfung „coventrieren“ für die totale Zerstörung einer Stadt in den gleichgeschalteten Zeitungen einführt.

Doch in Wirklichkeit arbeiten drei Wochen nach dem Angriff drei Viertel der vormals in Coventry angesiedelten Betriebe wieder; der Ausfall durch die Bombenangriffe beläuft sich auf nicht einmal eine Monatsproduktion. Goebbels’ Idee allerdings wird eine fürchterliche Replik hervorrufen: Als Ende und Anfang August 1943 große Teile von Hamburg in einem Feuersturm zugrunde gehen, sprechen alliierte Offiziere von „hamburgisieren“.

Bis Mai 1941 folgen noch einige schwere deutsche Angriffe, sowohl auf London auf andere Städte. Am 29. Dezember 1940 lösen Brandbomben mehr als 1600 Feuer in der ohnehin schwer getroffenen Innenstadt aus.

Das „zweite große Feuer von London“ verwüstet die Stadt wie zuvor nur die Katastrophe von 1666. Legendär wird Herbert Masons Foto der brennenden Innenstadt rund um die Londoner Kathedrale; es geht als „St. Pauls Blitz“ in die Geschichte ein.

Doch die Dynamik ist verloren: Hermann Görings Flieger haben es nicht geschafft, die Luftherrschaft über Großbritannien zu erringen, und sie haben auch nicht die Moral der Zivilbevölkerung gebrochen. Als Hitler im April 1941 Jugoslawien und Griechenland angreift, werden große Teile der Luftwaffe aus Frankreich abgezogen. Im Juni 1941 folgen weitere Geschwader, die nun den Feldzug gegen die Sowjetunion unterstützen sollen. Die Luftschlacht um England ist vorüber.