Halley und die Apokalypse

Der Tag, an dem die Erde untergehen sollte

Vor 100 Jahren sorgte die Nachricht vom nahenden Kometen Halley weltweit für Aufregung. Die Erde musste durch riesigen Schweif hindurch.

Cyangase, also Blausäure, hatten Astronomen im Schweif des Kometen Halley entdeckt. Diese Nachricht sorgte vor 100 Jahren bei manchem Erdbewohner für Unbehagen: Denn am 19. Mai 1910 sollte der Komet wiederkehren. Und die Erde musste auf ihrem Lauf um die Sonne durch den einige Millionen Kilometer langen Kometenschweif hindurch. Drohte hier ein Massensterben? Oder gar das Ende der Menschheit? Bekanntlich passierte überhaupt nichts - aber die Angst vor dem Weltuntergang wurde von Satirikern und Geschäftemachern gerne aufgegriffen.

Zeitgenössische Postkarten zeigen den befürchteten Einschlag des Kometen - oder aufgeregte Menschen auf der Erdkugel, die mit Luftschiffen, Ballons oder per Kanone zum Mond flüchten wollen. Titel: „Weltuntergang am 19. Mai 1910“. Auf der Rückseite findet sich der lakonische Vermerk: „Offizielle Erinnerungskarte“.

Auf einem Flugblatt reimte ein selbsternannter Unheilsprophet: „Mit dem mächt'gen Riesenschwanze / wie ihn ein Komet nur hat / geht der Satan gleich auf's Ganze / und versengt die sünd'ge Saat“. Pech und Schwefel würde er regnen lassen, sein „höllisch Element“ - „dass zur Strafe eurer Frevel / ihr zu Asch' und Zunder brennt“.

„Der Komet war schon damals ein fast modernes Medienereignis – und vieles war reine Satire“, sagt der Astronom und Informatikprofessor Gerd Küveler aus Wiesbaden, der seit Jahren solche Postkarten sammelt. „Scharlatane machten ihre Geschäfte, verkauften Kometenpillen und Heftchen über das Ende der Welt - aber eine wirkliche Massen-Panik hat es nicht gegeben.“

Ein Aufprall von „Halley“ war 1910 ausgeschlossen. Und der Kometenschweif allein wirkte auf die Erde eher wie ein Streicheln mit Nichts: Die Verteilung der Gaspartikel war viel geringer als alles, was in irdischen Labors als Hochvakuum gilt. „Es ist gewiss, dass Spinnfäden einem Elefanten im rasenden Laufe gefährlicher werden können, als die Schweifteilchen eines Kometen der sie durcheilenden Erde“, notierte damals der Direktor der Treptower Sternwarte, Friedrich Simon Archenhold.

Der berühmte Komet zog seine Kurve um die Sonne und verschwand nach einigen Tagen wieder vom Himmel, um seine Reise durch das Sonnensystem fortzusetzen. Die meisten werden ihn gar nicht gesehen haben, weil er in Mitteleuropa kaum über den Horizont hinaufstieg. Rund 76 Jahre braucht „Halley“ für einen Umlauf - 1986 war wieder da. Seine nächste Wiederkehr wird für 2061/62 erwartet: Dafür gibt es bereits Fan-Seiten und Verabredungen im Internet.

Benannt wurde der „Schweifstern“ nach dem englischen Astronomen Edmond Halley (1656-1743), der die Bahnen aller damals bekannten Kometen untersuchte. Er fand heraus, dass die Kometen der Jahre 1531, 1607 und 1682 Ähnlichkeiten aufwiesen. Darum postulierte er, dass es sich um denselben Himmelskörper handeln müsse - und wagte die Prognose, dass er 1758 wiederkehren werde. Halley erlebte dies nicht mehr. Aber als der Komet im Dezember 1758 tatsächlich wieder am Himmel stand, erhielt er zu Ehren des Engländers seinen Namen.

Die jüngste Wiederkehr von „Halley“ war wissenschaftlich die spektakulärste: Denn 1986 erhielt der Komet Besuch in Gestalt von vier Raumsonden aus Russland, Japan, den USA und Europa. Die europäische Sonde „Giotto“ war am erfolgreichsten: Sie kam auf nur 500 Kilometer an den Kometenkern heran und funkte ihre Daten zur Erde. Demnach ist der Halley-Kern fast 16 Kilometer lang und jeweils über sieben Kilometer breit und dick - er könnte also etwa die Stadt Mannheim bedecken.

Kometen gelten als Überbleibsel aus der Entstehungszeit des Sonnensystems. „Schmutzige Schneebälle“ werden sie genannt, weil sie vor allem aus Geröll und Eis bestehen. Der Schweif wird aus Gasen gebildet, die der Sonnenwind aus dem Kometen herausfetzt – daher „weht“ jeder Kometenschweif auch grundsätzlich zu der von der Sonne abgewendeten Seite.

Zusammenstöße mit der Erde sind prinzipiell nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: Viele Wissenschaftler vertreten die Hypothese, dass nur wegen solcher kosmischen Crashs in Vorzeiten das Wasser auf die Erde kam. Und möglicherweise sogar die Bausteine des Lebens: In etlichen Kometenköpfen konnten mittlerweile Aminosäuren nachgewiesen werden.

Wie heftig die Kollision eines großen Planeten mit einem vergleichsweise kleinen Kometen sein kann, zeigten im Juli 1994 die Einschläge der Trümmerstücke des Kometen „Shoemaker-Levy 9“ auf dem Riesenplaneten Jupiter: Sieben Explosionen registrierte das Weltraumteleskop „Hubble“. Jede von ihnen hatte die Gewalt einiger Millionen Atombomben. Die Wirbel in der Jupiter-Atmosphäre waren jeweils so groß, dass die ganze Erde locker hineingepasst hätte.