Nachwuchs

Naturwissenschaft für Windelträger

| Lesedauer: 4 Minuten
Susanne Rytina

Foto: ddp / DDP

Sie können noch keinen Satz vollständig bilden, geschweige denn sich die Nase selbst putzen. Dennoch haben die Knirpse einer Stuttgarter Kinderkrippe schon oft bei physikalischen und chemischen Experimenten mitgemacht. Zweimal in der Woche gibt es für die Windelträger solche Spielereien mit den Naturgewalten.

Die Mädchen und Jungen im Alter von acht Monaten bis drei Jahren in der Kinderkrippe der Universität Hohenheim sind Deutschlands jüngste Teilnehmer im Programm zur naturwissenschaftlichen Früherziehung „ Haus der kleinen Forscher “, bei dem bundesweit 3300 Kindertagesstätten, Kindergärten und Vorschulen mitmachen, 435 in Baden-Württemberg. Die Neugierde zu füttern ist das Anliegen der Initiative der Helmholtz-Gemeinschaft, McKinsey & Company, Siemens AG und der Dietmar Hopp Stiftung.

Öl mischt sich nicht mit Wasser: Der zweijährige Max kann die Gründe für dieses Prinzip sicherlich noch nicht durchdringen. Aber in der Praxis hat er es schon oft gesehen: Etwa wenn die Kita-Leiterin Marisa Scharla etwas Lustiges zeigt. Wie jetzt mit wachen Augen beobachtet der Junge, wie die Erzieherin einen halben Liter rot gefärbtes Wasser in eine Glaskanne gießt und dann noch mal soviel Speiseöl dazu schüttet. Obenauf schwimmt das Schmierige auf der roten Flüssigkeit. Der Junge darf nun die Brause-Tabletten hineingeben – die kennt er schon gut aus anderen Versuchen. „Tabbette“, juchzt er. Dann fängt es in der Kanne an zu brodeln, ein bisschen sieht es aus wie in einem Vulkan. Gasbläschen blubbern durch das Öl.

Auch Joy beobachtet das Spektakel mit großen Kulleraugen und fragt „Heiß?“. „Das ist kalt“, antwortet die Kita-Leiterin, die mit den Kindern auch manchmal Brause-Raketen baut, die ordentlich knallen. Dann wird einfach im Röhrchen ein Brause-Wasser-Gemisch geschüttelt, das den Deckel hochspringen lässt.

Zweimal in der Woche gibt es für die Windelträger solche Spielereien mit den Naturgewalten. Eine Früherziehung für Mini- Einsteins? „Ich denke nicht, dass es das Ziel ist“, sagt Marisa Scharla. „Es geht darum, die natürliche Neugierde der Kinder spielerisch zu wecken, so dass die Kinder einen Zugang in die Welt der Naturwissenschaften bekommen“, sagt sie. Kinder seien ja an für sich Forscher ersten Grades jeden Tag gebe es etwas Neues in der Welt zu entdecken.

Die Erzieherinnen werden in Tages-Seminaren bei regionalen Ansprechpartnern geschult. An die Hand bekommen sie eine Forscherbox mit vielen bunten Karten, auf denen die verschiedensten Versuche mit Kaffeefilter, Watte, Tinte und Lebensmittelfarbe erklärt werden.

Brause zerbröseln

Die Kinder des wissenschaftlichen Personals der Uni Hohenheim sind Pioniere, weil das Programm eigentlich für Kinder ab drei Jahren entwickelt worden ist. Scharla und ihr Team wandeln daher die Versuche für ihre jüngere Crew etwas ab. „Unsere Kinder können nicht mit Pipetten umgehen, man kann ihnen auch kein Spülmittel oder Chemikalien in die Hand geben, das würden sie trinken.“ Deshalb bereiten die drei Erzieherinnen die Experimente meist vor und lassen die Kinder das machen, was sie schon allein können – zum Beispiel Brause zerbröseln. „Für die Kleinen braucht es sehr sinnliche Experimente, bei denen sich etwas bewegt, Wasser fließt, Geräusche entstehen.“

„Wenn wir solche Versuche gemacht hätten, hätte ich Physik oder Chemie früher bestimmt spannender gefunden“, ist Erzieherin Sabine Schwenk überzeugt. Viele Bekannte und Freunde, denen sie vom Projekt erzählen, finden es prima. Es gebe aber auch kritische Stimmen, die sagen „Was soll das eigentlich bringen? Die verstehen das doch noch gar nicht.“

Das sehen die Väter und Mütter der Kinderkrippe Kleinstein ganz anders: „Maja ist 16 Monate alt. Ich sehe, wie sie gebannt die Experimente verfolgt. Auch weil sich die Erzieherinnen so viel Mühe geben“, lobt Ina Bergheim, wissenschaftliche Angestellte der Universität Hohenheim. „Wir wollen die Kinder nicht überfordern, sondern eben nur spielen“, betont Kita-Leiterin Scharla.