Tödlicher Darmkeim

Forscher sehen Chance für EHEC-Heilmittel

Derzeit gibt es in Deutschland mehr als 2000 bestätigte EHEC-Infektionen und Verdachtsfälle. Doch nach der Entschlüsselung des Genoms besteht Hoffnung. Forscher fahnden jetzt unter Hochdruck nach einer heilenden Therapieform.

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Rund drei Wochen nach dem Ausbruch der EHEC-Infektionen ist in Deutschland die Zahl der Todesfälle auf 17 gestiegen.

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Im Kampf gegen die rasante Verbreitung des lebensbedrohlichen Darmkeims EHEC hoffen Wissenschaftler auf baldige Fortschritte. "Wir erhoffen uns im Laufe der nächsten Woche Hinweise zur Verhinderung weiterer Infektionen“, sagte Dag Harmsen vom Universitätsklinikum Münster. Zunächst müsse geklärt werden, was den EHEC-Keim so aggressiv mache. Dazu liefen derzeit verschiedene Untersuchungen. "Wir rechnen damit, dass wir bald genügend Daten haben, um Hinweise auf die Ursache der Aggressivität dieses Klons geben zu können.“

Mit den bisherigen Erkenntnissen könne Patienten noch nicht geholfen werden, räumte Harmsen ein. Woher der EHEC-Erreger genau komme, sei noch nicht geklärt. Sie kennen nun das Erbgut ihres Gegners und fahnden unter Hochdruck nach einem Angriffspunkt. Der Erreger grassiert in Deutschland weiter. Inzwischen zählen die Behörden 17 Todesfälle.

WHO bestätigt Seltenheit des EHEC-Erregers

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat unterdessen die Seltenheit des für die gefährlichen Darminfektionen in Deutschland und Europa verantwortlichen EHEC-Erregers bestätigt. "Er ist bekannt, jedoch noch nie bei einem Ausbruch aufgetreten“, sagte eine Sprecherin. Dies sei vom Referenz- und Forschungszentrum der WHO für Escherichia und Klebsiella, dem Staatlichen Serum-Institut in Dänemark, bestätigt worden.

Die molekularen oder genetischen Eigenschaften dieses Erregers könnten den zuständigen Behörden wesentlich bei der Identifizierung von Fällen in anderen Ländern helfen, erklärte die WHO weiter. Dies gelte auch für die Bestimmung der Quelle des Ausbruchs. Die WHO empfiehlt „normale Hygienemaßnahmen“ einzuhalten, wie Händewaschen nach dem Toilettenbesuch und vor dem Kontakt mit Lebensmitteln. "Wer blutigen Durchfall und starke Bauchschmerzen bekommt und sich in jüngster Zeit in Norddeutschland aufgehalten hat, sollte dringend ärztlichen Rat suchen“, erklärte die UN-Organisation weiter. Handelsbeschränkungen, etwa für Obst und Gemüse, würden nicht empfohlen.

Erreger bisher in zwölf Ländern aufgetreten

Nach Erkenntnissen, die die WHO gesammelt hat, ist der Erreger bisher in zwölf Ländern aufgetreten. In Deutschland seien es 470 Fälle der schweren Komplikation hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) und 1064 Fälle der EHEC-Infektionen. Infektionen gebe es außer in Deutschland auch in Österreich, Tschechien, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, Schweden, Schweiz, Großbritannien und den USA

Experten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hatten mit Hilfe chinesischer Kollegen das Genom des grassierenden Erregers gelesen. Bakteriologe Holger Rohde sagte: "Es handelt sich um eine so noch nie gesehene Kombination von Genen.“

Es sei also kein völlig neuer Erregertyp, sondern eine Art Hybrid-Klon, der Eigenschaften unterschiedlicher Erreger in sich vereine, betonte der Mikrobiologe Prof. Helge Karch von der Uniklinik Münster. Er leitet das sogenannte Konsiliarlabor für das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), also der besonders schweren Verlaufsform der Krankheit. Für die Münsteraner Forscher hatte das Unternehmen Life Technologies in Darmstadt das Genom des Erregers gelesen.

Für die Entstehung des Hybrid-Klons haben allem Anschein nach zwei Bakterien Teile ihrer Erbsubstanz miteinander ausgetauscht – über eine Art primitiven Sex. Damit gehen Eigenschaften eines Keimes auf andere über, es kommt zu Mischformen, auch Chimären genannt. In der Summe entstand hier ein Escherichia coli (E. coli)-Bakterium, welches das HUS auslösen kann, erläuterte Rohde weiter.

Etwa 80 Prozent – Rohde spricht vom „Mutterschiff“ – stammten vom E. coli-Stamm O104. Die übrigen 20 Prozent wurden von einem anderen Bakterium übernommenen. In diesem Teil des Genoms sind Erbanlagen zur Produktion des gefährlichen Shigella-Toxins, das den Patienten Probleme bereitet.

DRK Ost hat trotz EHEC noch ausreichend Blutreserven

Trotz der grassierenden EHEC-Infektionen meldet der Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes Ost (DRK) derzeit noch keine Engpässe. "Wir arbeiten bundesweit mit allen DRK-Blutspendediensten zusammen und haben noch ausreichend Reserven“, sagte die Sprecherin des DRK Blutspendedienstes für Berlin, Brandenburg und Sachsen, Kerstin Schweiger, am Freitag auf dapd-Anfrage.

Dennoch rief Schweiger mit Blick auf die rasant steigenden Erkrankungszahlen und die anstehenden Pfingstfeiertage vorsorglich dazu auf, jetzt Blutspendetermine wahrzunehmen. „Wir brauchen im DRK-Bereich Ost 1.500 Blutspenden pro Tag, um eine adäquate Patientenversorgung zu gewährleisten“, sagte sie. Da das DRK am Pfingstmontag keine Spendetermine anböte, gebe es dafür am Samstag (11. Juni) die Möglichkeit, Blut zu spenden. Über die genauen Termine informiert die Internetseite blutspende-ost.de und die Rufnummer 0800 1194 911.

Das Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS), das in Verbindung mit einer EHEC-Infektion auftreten kann, kann zu Blutarmut und Nierenversagen führen und endet im schlimmsten Fall tödlich.

Leichte Entspannung

Bei der Zahl der Neuinfektionen haben Mediziner trotzdem eine leichte Entspannung beobachtet. "Die Lage ist so, dass sie sich scheinbar etwas beruhigt, was die Zahl der Neuinfektionen angeht“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, Reinhard Brunkhorst. Dies sei aber nur ein Trend, hob der Nierenfacharzt hervor. Er hoffe, dass dieser sich bestätige. Es bleibe abzuwarten, ob dies so komme.

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