Sauerstoffmangel

Meeresbiologen sorgen sich um Zukunft der Ostsee

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Pia Heinemann

Die Ostsee strapaziert das Leben ihrer Bewohner – mit viel Schadstoffen und kaum frischem Wasser. Wie geht es mit dem Binnenmeer weiter?

Trübes Wasser, wenig Sauerstoff, kaum Salz und Kälte, Brackwasser. Es gibt gemütlichere Milieus als die Ostsee. Entsprechend wenige Arten fühlen sich im großen Binnenmeer vor unserer Küste wirklich wohl, in dem 413.000 Quadratkilometer großen Becken zwischen Skandinavien, dem Baltikum und Deutschland. Wer hier überleben will, der muss einiges abkönnen.

„Eine große Besonderheit dieses Meeres ist, dass das Wasser so lange in ihm verweilt“, sagt Günther Nausch vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Er untersucht seit Jahren die Nähr- und Schadstoffverhältnisse in der Ostsee und ihre Auswirkungen auf das Ökosystem. „Etwa 30 Jahre verbleibt das Wasser in der Ostsee – bis es irgendwann in die Nordsee hinausfließt.“

Zum Vergleich: In der Nordsee hält sich Wasser nur zwei bis drei Jahre auf – dann fließt es in angrenzende Meere oder verdunstet. „Wenn aber so wenig Frischwasserzirkulation herrscht, dann reichern sich natürlich auch Schad- und Nährstoffe an.“

Und auch wenn der Begriff „Nährstoffe“ nach blühendem Leben klingt, bedeuten sie für die Ostsee eher: Krise. Denn sie lassen zwar Algen und Bakterien blühen, Fische und andere Meeresorganismen erst einmal dick und fett werden – aber diese Biomasseexplosion verbraucht den ohnehin schon knappen Sauerstoff im Meer.

Was gerade in der durch Wassermassen unterschiedlichen Salzgehalts stark geschichteten Ostsee verhängnisvoll sein kann, denn eigentlich ist die Ostsee ein großer Teich. Über rund 200 Flüsse strömt täglich süßes, leichtes Wasser in das Binnenmeer. Von der Nordsee aus schwappt nur ab und an, und vor allem immer seltener frisches Salzwasser ins Ostmeer.

„Beim Dorsch sieht man sehr deutlich, was eine Versüßung des Meeres für das Ökosystem bedeuten kann“, sagt Christopher Zimmermann vom Institut für Ostseefischerei. Er ist Herr über die Fischbestandszahlen, auf deren Grundlage die internationalen Fangquoten für die Ostsee jedes Jahr neu festgelegt werden. Und die rückläufigen Zahlen des Ostseedorsches haben Biologen und Fischer seit Jahren zunehmend verunsichert.

„Die Eier des Dorsches schwimmen normalerweise in der Wassersäule – aber dazu muss das umgebende Wasser die gleiche Dichte haben wie sie“, sagt Zimmermann. „Ist der Salzgehalt aber erst in großer Tiefe so hoch, dass die Dorscheier schweben, weil darüber zu viel leichteres Süßwasser liegt, dann schlüpfen keine Larven. In der Tiefe gibt es für sie zu wenig Sauerstoff.“

Die Schichtung der Ostsee ist sehr stabil. Oben „schwimmt“ das salzarme Wasser, unten „liegt“ das schwere Salzwasser. Salznachschub ist in den vergangenen Jahren nur selten aus der Nordsee über Skagerrak und Kattegat, vorbei an Bornholm und Rügen bis in die zentrale Ostsee geströmt. „Viele Arten brauchen aber – wie der Dorsch – einen gewissen Salzgehalt, um überhaupt überleben zu können“, sagt Christopher Zimmermann.

Echte Brackwasserarten, also solche, die sich bei vier bis sechs Promille Salz besonders gut ausbreiten, gibt es kaum. Echte Ostseearten auch nicht. Dazu ist das Meer zu jung: Erst seit 7000 Jahren besteht es in seiner heutigen Brackwasserform. Zu wenig Zeit für die Evolution echter Spezialisten. Die Lebewesen der Ostsee kommen mit der Wasserschichtung und der Versüßung klar. Aber von einem paradiesischen Lebensraum kann kaum die Rede sein.

Für Forscher hat das Meer allerdings einiges zu bieten: „Die Ostsee ist ein lokales Beispiel für die Ausbreitung von Todeszonen in einem Meer“, sagt Thorsten Reusch vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-Geomar. „Die industrialisierte Stoffwechselaktivierung, also beispielsweise der Stickstoff oder Phosphateintrag durch den Menschen, kommt hier voll zum Tragen.“ Mehr oder minder direkt können die Forscher den Einfluss des Menschen auf ein Meer untersuchen.

So auch den Einfluss der Schifffahrt auf die Artenzusammensetzung: Im Ballastwasser der Schiffe werden immer wieder einmal fremde Tier- und Pflanzenarten in die Ostsee geschleppt. Meist ohne weitere Folgen, denn ein Salzwasserkrebs aus dem Mittelmeer oder Muschellarven aus der Isländischen See haben bei einem Salzgehalt von rund 17 Promille in den westlichen Ostseegebieten und nur fünf Promille im Osten kaum eine Überlebenschance. Schafft es aber ein Einwanderer sich anzusiedeln, schauen Meeresbiologen sehr genau hin.

Erst recht, wenn der Neuankömmling bereits andere Meere verheert hat: Mnemiopsis leidyi, die Meereswalnuss, ist so ein Fall. Diese Rippenqualle lebt räuberisch von Kleinkrebsen und kleinen Fischlarven. Und seit 2006 vermehrt sie sich in der Ostsee. „Im Schwarzen Meer und im Kaspischen Meer hat sie vor Jahren sehr großen Schaden angerichtet, auch für die Fischindustrie“, sagt Reusch. Die Sardellenpopulation brach zusammen, ein ganzer Fischereizweig verlor seine Grundlage.

Am IFM-Geomar wurde deshalb das Erbgut der Meereswalnüsse aus der Ostsee und des Schwarzen Meeres untersucht. Ergebnis: Die räuberischen Rippenquallen sind nicht exakt identisch – die Schwarzmeerbesiedler kommen ursprünglich aus dem Golf von Mexiko, die Ostseevertreter sind wahrscheinlich mit dem Ballastwasser von Schiffen aus Neuengland eingeschleppt worden. Und glücklicherweise scheinen sie weniger gefräßig zu sein, als ihre Cousins aus den wärmeren Meeren, das ist aber noch nicht sicher.

Aber bei aller Sorge um das fragile Ökosystem gibt es auch gute Nachrichten: Die Dorschzahlen in der östlichen Ostsee gehen wieder hoch. „Das liegt zum einen daran, dass es 2008 ein paar kleinere Salzwassereinbrüche gab“, erklärt Zimmermann. „Viel wichtiger ist zum anderen aber, dass die Fangquoten seit dem Regierungswechsel in Polen im Jahr 2007 viel besser eingehalten werden.

Die illegale Fischerei ist in den vergangenen Jahren auf unter zehn Prozent gesunken.“ Beides zusammen habe zur erfolgreichen Vermehrung der Fische geführt. Allerdings gilt dies nur für die östliche Population – im Westen erholen sich die Bestände bislang viel langsamer.

Die Zukunft der Ostsee sehen Meeresbiologen mit gemischten Gefühlen: Ja, es ist in den vergangenen Jahren schon viel gegen den hohen Nährstoffeintrag getan worden. Kläranlagen wurden gebaut, phosphathaltige Waschmittel werden seltener benutzt. Die illegale Fischerei scheint langsam abzunehmen.

Und die Helsinki-Kommission zum Schutz der Meeresumwelt der Ostsee (Helcom) hat in ihrem Ostseeaktionsplan weitere Maßnahmen zur Nährstoff- und Schadstoffreduktion beschlossen. Das Ziel: Das Meer soll in einen guten ökologischen Zustand versetzt werden, in dem ein biologisches Gleichgewicht herrscht.

Was die Klimaveränderung bringt, weiß allerdings keiner so genau. „Da gibt es acht oder neun verschiedene Szenarien“, sagt Nausch. „Aber wie sich welcher Faktor genau auf welche Region auswirkt – darüber können wir nichts Gesichertes sagen.“ Zu viele Aspekte spielen hinein. Steigt der Meeresspiegel, so könnten Salzwassereinbrüche aus der Nordsee noch seltener werden.

Erwärmt sich das Meer, wird ein Überleben für kälteliebende Arten schwierig. Durch häufigere und heftigere Niederschläge könnten Flüsse mehr Süßwasser in die Ostsee transportieren. Die Ostsee würde zum Süßwasserbecken.

„Es könnte aber auch sein, dass extremere Wetterlagen dazu führen, dass es wieder häufiger zu Salzwassereinbrüchen aus der Nordsee kommt.“ Fest steht nur: Einfacher wird das Leben in der brackigen Ostsee für die meisten Tiere und Pflanzen nicht werden.