Die Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs hat in Russland aus Sicht des Moskauer Historikers Alexander Vatlin derzeit „Konjunktur“. „Wahrscheinlich ist es diese Sehnsucht der Russen nach einem großen Sieg, dass sie sich auf den Zweiten Weltkrieg besinnen“, sagte der Professor an der Lomonossow- Universität in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Oft werde aber vergessen, dass Russland den Sieg nicht alleine, sondern mit den Alliierten errungen habe. Das Interesse zeige sich an vielen Buchtiteln, im Kino sowie im Ansturm der Studenten bei Uni- Angeboten zum Dritten Reich.


„Hitler ist in den Auslagen von Buchgeschäften präsenter als Stalin. Außerdem wird zum Beispiel deutsche Waffentechnik aus dem Zweiten Weltkrieg bis ins kleinste Detail von Autoren analysiert“, berichtete Vatlin. Auch der Umgang mit dem Alltagsleben zur NS-Zeit sei in Russland oft unbefangener, als das in Deutschland möglich sei. „Vielleicht finden die Menschen in jener Geschichte Parallelen zu der Umbruchsituation im eigenen Land. Es lässt sich jedenfalls nachdenken darüber, ob autoritäre Regime in solchen Zeiten wie jetzt in Russland eher eine Chance haben als die Demokratie.“


Kassenschlager in den russischen Kinos ist derzeit der mit großen Plakaten beworbene Nazi-Klamauk „Hitler kaputt“ um einen sowjetischen Spion in Hitlers Führungsetage. Die Boulevard-Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ widmete „bunten Themen“ über den Nationalsozialismus zuletzt ganze Seiten. Unter der Überschrift „Für Hitler wurden eine Reality- Show gedreht und „Seifenopern„“ berichtete das Blatt jüngst über die Pläne der Nazis für „ein vollwertiges Fernsehen“ und druckte ein deutsches TV-Programm vom 26. Oktober 1940 ab. Auch im russischen Fernsehen ist das Dritte Reich ein thematischer Dauerbrenner.


Vatlin sieht in diesem Interesse jedoch keine Verbindung zu den von Menschenrechtsorganisationen beklagten starken rechtsextremen Tendenzen in Russland. Jedem Russen seien die Nazi-Gräuel aus dem Schulunterricht und von Familienerzählungen hinlänglich vertraut. „Es ist aber so, dass es bei uns keine politische Korrektheit gibt oder eine Zivilgesellschaft, die sich etwa über die tägliche Diskriminierung der Gastarbeiter empört“, erklärte Vatlin. Der Fremdenhass sei heute nicht anders als zu Sowjetzeiten.

„Dabei müsste die Politik doch immer wieder klar machen, dass wir unseren Wohlstand auch entscheidend diesen Menschen mit zu verdanken haben. Sie machen Arbeit, für die sich kein Russe hergeben würde.“ Menschenrechtler kritisieren, dass die Regierung angesichts der Vielzahl von Morden an Arbeitern aus Zentralasien zu wenig gegen die nationalistischen Tendenzen tue.

Rechtsradikale Gruppierungen haben für den russischen Nationalfeiertag am 4. November trotz eines Verbots der Behörden einen „Russischen Marsch“ in Moskau angekündigt.

dpa/ws