Pheromone

Was Maiglöckchen mit Spermien zu tun haben

Warum spielen die Hormone im Frühling verrückt? Es liegt nicht etwa an kurzen Röcken, sondern an Gerüchen, denn die Nase spielt für unsere Emotionen eine ganz zentrale Rolle. Und so verströmen Maiglöckchen ihren eigenen Duft, der die Spermien anlockt. Morgenpost Online sprach mit Duftforscher Hanns Hatt.

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Morgenpost Online : Herr Hatt, draußen wird es wärmer, die Menschen fühlen sich besser und fröhlicher. Woran liegt das?

Professor Hanns Hatt : Nach dem langen und kalten Winter sehnen sich die Menschen danach, wieder Wärme und Sonne zu spüren. Im Frühling gibt es auch vielmehr Gerüche, die uns stimulieren. Der Geruch nach Frühling und Sommer ist untrennbar mit unserem Gehirn verbunden. In der Regel sind Frühlingsdüfte für uns ein Vorbote von dem, was kommen wird, und deshalb positiv besetzt.

Morgenpost Online : Das heißt, wir erinnern uns an das letzte Frühjahr?

Hatt : Ja, denn das ist ein Lernprozess. Um diese schönen Gefühle hervorzurufen, muss man den Frühling öfter gerochen haben. Wenn ich fünf Mal hintereinander, immer wenn es Frühling wird, einen bestimmten Geruch wahrnehme, die Gräser oder die Blätter, dann werde ich darauf trainiert. Diese Duftmischung zeigt mir dann in der Zukunft an: Jetzt kommt der Frühling, es wird wärmer. Und gleichzeitig wird mit diesem Duft auch die Stimmung, die ich in dieser Situation empfinde, abgespeichert. Immer wenn ich dann diesen Duft rieche, habe ich ein bestimmtes Bild vor Augen: die grünen Baumspitzen, die Blumen, die sprießen, die bunten Farben. Und ich habe diese heitere und positive Stimmung, die ich von den früheren Jahren her kenne, jetzt geht es aufwärts, jetzt kommt der Frühling.

Morgenpost Online : Die Düfte wirken also unbewusst auf uns ein?

Hatt : Ja. Die Nase spielt für unsere Emotionen eine ganz zentrale Rolle. Wir werden in vielen Stimmungen, auch wenn wir es nicht bewusst in Zusammenhang bringen, durch die Nase gesteuert. Diese ganzen Düfte steuern und lenken unser Verhalten anderen Menschen gegenüber, ohne dass wir das beeinflussen können. Es gibt eine unsichtbare Welt um uns herum, die wir im Alltag gar nicht wahrnehmen. Die Luft ist voller Duftpartikel, die man wie Staubkörner auch nicht sieht. Es gibt keinen duftfreien Raum.

Morgenpost Online : Warum nehmen wir Gerüche im Frühjahr denn stärker wahr?

Hatt : Die Intensität der Duftwahrnehmung hängt von der Zahl der Moleküle ab, die in der Luft herumschwirren. Alles, was riecht, gibt Moleküle ab, und je wärmer es ist, desto mehr Moleküle werden abgegeben. Das passiert nach den Gesetzen des Dampfdrucks, das kennt man von der Küche zu Hause. Wenn man eine gefrorene Suppe aus dem Gefrierfach holt, riecht sie nach gar nichts. Aber sobald man sie im Topf erwärmt, verbreitet sich ihr Geruch in der Küche. Durch die Wärme werden diese Moleküle nun verbreitet. So ist es auch im Frühling. Durch die Sonneneinstrahlung erwärmt sich der Boden, und die Düfte werden freigesetzt.

Morgenpost Online : Wie riecht der Frühling für Sie?

Hatt : Ach, nach den Blättern, die auftauen, nach Moos, auch nach der Bodenerde. Und der Frühling wird ja in jedem Land anders wahrgenommen. Das hängt mit der unterschiedlichen Vegetation zusammen. Dort sind andere Duftmoleküle in den Blättern und im Boden. Es gibt also keinen weltweit einheitlichen Frühlingsduft.

Morgenpost Online : Wie funktioniert Riechen überhaupt?

Hatt : In der obersten Etage unserer Nase sitzen die Sensoren, die spezifisch auf die unterschiedlichen Gerüche ausgerichtet sind. Wir haben rund 350 verschiedene. Jeder Sensor kann eine bestimmte chemische Gruppe erkennen, der eine kann das Vanille-Molekül erkennen, der andere den Veilchenduft, wieder ein anderer kann den Maiglöckchenduft erkennen. Die Luft besteht aus sehr vielen unterschiedlichen Molekülen, sodass immer gleichzeitig mit jedem Atemzug eine ganze Gruppe von diesen Sensoren aktiv ist. Immerhin haben wir 30 Millionen Riechzellen in der Nase, und jede stellt nur einen Sensor her.

Morgenpost Online : Und um einen Duft zu erkennen, muss man also ...

Hatt : ...sich diese Duftkombination, die ich gleichzeitig mit einer Einatmung wahrnehme, merken.

Morgenpost Online : Sie schreiben, der ganze Körper könne Gerüche spüren. Wie das?

Hatt : Düfte werden nicht nur über die Nase aufgenommen. Nur zehn Prozent der Luft, die wir einatmen, kommt in die Riechschleimhaut. Der Rest geht sofort in die Lunge und von dort direkt ins Blut. Die Duftmoleküle haben auch direkte Effekte im Gehirn, sie können uns also beruhigen oder wach machen. Und selbst in Prostatazellen gibt es einen Riechsensor für Veilchen. Das heißt, Prostatazellen nehmen nicht nur den Duft von Veilchen wahr, sondern können sogar Krebszellen am Wachstum hindern. Da sehen wir eine Möglichkeit, Prostatakrebs wirklich zu bekämpfen.

Morgenpost Online : Welche Gerüche finden wir an einem Menschen sympathisch?

Hatt : Jeder Mensch hat einen künstlichen Geruch, der bestimmt wird durch das, was er isst, welche Kleidung und Stoffe er trägt. Das spielt insofern eine Rolle, als dass wir diese Gerüche schon abgespeichert haben und eventuell schon Erfahrungen mit diesem speziellen Duft gemacht haben. Wenn ich als Kind etwa von einem Klassenkameraden verprügelt wurde, der nach Knoblauch stank, dann werde ich auch als Erwachsener Menschen, die nach Knoblauch riechen, nicht sympathisch finden.

Morgenpost Online : Kann man sich selbst riechen?

Hatt : Nein, nur die anderen. Der Eigengeruch ist so spezifisch wie ein Fingerabdruck. Er entsteht über die Duftmischung, die über die Haut abgegeben wird. Wir gehen davon aus, dass diese Mischung von den Genen mitproduziert wird. Und je ähnlicher die Gene von Menschen sind, desto ähnlicher ist auch der Eigengeruch. Familien haben also einen ähnlichen Eigengeruch.

Morgenpost Online : Spielt das bei der Partnerwahl eine Rolle?

Hatt : Ja. Allerdings gibt es da große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Männer interessieren sich gar nicht für den persönlichen Geruch der Frauen. Dagegen bevorzugen Frauen Männer, deren Eigenduft sich sehr stark von ihrem eigenen unterscheidet. Sie schauen sich nach einem Partner um, der sich genetisch möglichst sehr von ihnen unterscheidet. In der Evolution spielt das eine Rolle, weil es dann zu einer größeren Gendurchmischung kommt und Inzucht vermieden wird.

Morgenpost Online : Stimmt es, dass Frauen während des Eisprungs besonders anziehend auf Männer wirken?

Hatt : Ja. Sicher ist: Während des Eisprungs werden Frauen von Männern positiver bewertet. Frauen geben Stoffe ab, die den Männern signalisieren, dass sie besonders fruchtbar sind. Das ergibt Sinn, weil es aus Sicht der Evolution darum geht, die Fortpflanzungsrate zu erhöhen.

Morgenpost Online : Und stimmt es auch, dass Frauen nicht mehr so gut riechen, wenn sie die Pille nehmen?

Hatt : Die Pille ist ja im Grunde nichts anderes als eine Scheinschwangerschaft. Und wenn Frauen schwanger sind, interessieren sich Männer offenbar nicht mehr so für sie, weil sie den Duft, den sie während des Eisprungs haben, nicht mehr abgeben. Umgekehrt ist es aber auch so, dass die Frauen selbst, wenn sie die Pille nehmen, Männer, die anders als sie selbst riechen, plötzlich nicht mehr so toll finden. Es zieht sie dann eher zu den Männern, die ähnlich riechen, Familienangehörige zum Beispiel.

Morgenpost Online : Woran liegt das?

Hatt : Das ist auf die Evolution zurückzuführen. In freier Wildbahn lebten die Männer nicht wie heute in enger Partnerschaft mit der Frau. Sie haben vielmehr direkt nach der Befruchtung das Interesse an der Dame verloren. Dagegen kümmerten sich die Familienangehörigen um die Frauen und den Nachwuchs. Und man muss ja sagen: Das ist auch heute oft noch so. Es ist viel eher Verlass auf die Eltern und die Geschwister einer Frau als auf den Mann, der sie geschwängert hat.

Morgenpost Online : Das klingt ja wie ein guter Grund für Männer fremdzugehen …

Hatt : Männer wollen ihre Spermien überall verbreiten. In der Evolution geht es darum, sich so oft wie möglich zu vermehren und die richtigen Partner zusammenzubringen. Und beides funktioniert auch über die Gerüche. Es ist eben die Frage, ob wir von Hause aus wirklich monogam oder doch eher polygam angelegt sind. Doch auch wenn wir polygam sind, muss sich die Frau den richtigen Mann aussuchen.

Morgenpost Online : Wie macht sie das?

Hatt : Wir haben herausgefunden, dass die Eizellen ihren eigenen Duft ausströmen, den Maiglöckchenduft, der die Spermien anlockt. Dieses Maiglöckchenmolekül liegt in der Flüssigkeit um die Eizelle rum. Es gibt da einige Untersuchungen im Tierreich. Bei Menschen könnte man spekulieren: Wenn eine Frau gleichzeitig von mehreren Männern befruchtet würde, dann hätten bestimmte Spermien des Mannes, der am besten zu ihr passt, das größte Interesse an diesem Maiglöckchenduft der Frau. Das heißt, die Frauen wählen unbewusst die Spermien aus, die am besten zu ihr passen. Und das sind dann die, die die Eizelle am schnellsten erreichen.

Morgenpost Online : Maiglöckchen also …

Hatt : Ja. Vielleicht gibt es deshalb diesen Maiglöckchenduft in vielen Parfüms. Weil er einen Frühlingsduft verkörpert und auch indirekt ein Zeichen für neu aufkommende Freude und Sexualität ist.

Morgenpost Online : Können Düfte eigentlich wirklich jünger machen?

Hatt : Ein amerikanischer Kollege von mir hat dazu eine Studie gemacht. Frauen werden für jünger gehalten, wenn sie Duftmoleküle im Parfüm tragen, die wir mit jungen Frauen in Verbindung bringen. Im Laufe des Lebens entwickeln wir für jeden Duft eine bestimmte Assoziation. Ein Beispiel: Wir sind sportlich und sind immer umgeben von jungen, dynamischen Menschen. Die benutzen in der Regel ein frisches, citrusartiges Parfüm, eines, das nicht so schwer und orientalisch riecht. Wenn wir dann jemanden treffen, und uns weht so ein leichter Duft entgegen, halten wir ihn automatisch für jünger. Das ist reine Konditionierung.

Hanns Hatt (62) promovierte in Zoologie, Humanphysiologie und Medizin und zählt als Professor für Zellphysiologie an der Ruhr-Uni Bochum weltweit zu den bedeutendsten Geruchsforschern. Mit seinem Team entdeckte er unter anderem, dass es der Maiglöckchenduft ist, der die Spermien zur Eizelle lockt und damit für die Entstehung menschlichen Lebens verantwortlich ist. Zusammen mit der Wissenschaftsjournalistin Regine Dee hat er zwei Bücher herausgebracht, „Das Maiglöckchenphänomen“ und „Niemand riecht so gut wie du“.Das Gespräch führte Andrea Backhaus.