Psychologie

Nach psychischer Krankheit zurück in den Job

Psychische Erkrankungen werden häufiger. Wie man es nach Depressionen, Burnout und Co schafft, sich im Job wieder zurechtzufinden.

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Vier Jahre lang hatte es Paul Weber (Name geändert) nach dem Studium in seinem ersten Job ausgehalten. "Die Aufgaben an sich, die Projekte haben mir immer gefallen", sagt der Maschinenbau-Konstrukteur. Trotzdem war die Zeit alles andere als unbeschwert:

Weber konnte nicht mit Kollegen zusammenarbeiten. Er hatte Angst, seine Meinung zu äußern, diskutieren zu müssen, kritisiert zu werden. "Seit meiner Jugend habe ich mir Strategien erarbeitet, durch die ich es vermeiden konnte, mit anderen umgehen zu müssen", erzählt der Berliner. Und dann kündigte sich das Projekt an, bei dem es sich nicht mehr vermeiden lassen würde.

"Ich war völlig blockiert, habe nur noch vor dem Monitor gesessen und versucht zu verhindern, dass der Bildschirmschoner angeht", erinnert er sich. Schließlich ließ er sich krankschreiben.

Wenn nichts mehr geht

Auch die Hamburgerin Anne C. kennt diese Situationen, in denen gar nichts mehr geht. Seit ihrer Jugend schon. Sie hat eine bipolare Störung - das, was umgangssprachlich "manische Depression" genannt wird. "Es gibt immer wieder Phasen, in denen ich nicht aus dem Haus gehen kann", sagt sie. Wenn es ganz schlimm kommt, kann sie morgens nicht einmal aufstehen. Jahrelang hat sie sich trotzdem durch ihr Psychologie-Studium geschleppt, versucht nebenher zu jobben.

"Anfangs lief auch immer alles gut, da war ich dann wohl noch euphorisch genug", sagt sie. Wenn dann wieder eine schlechte Phase hatte, ging die heute 29-Jährige einfach nicht mehr hin. "Den wahren Grund habe ich nie erzählt. Es dauert lange, bis man akzeptiert, dass man krank ist." Sie habe immer einen roten Faden in ihrem Leben verfolgen wollen: Abi, Studium, Erfolg im Beruf. "Sich einzugestehen, dass das nichts wird, ist wirklich schwer."

Psychische Erkrankungen treten in den verschiedensten Formen auf: als Depressionen, Ängste, Persönlichkeitsstörungen, Psychosen oder Burnout. Und sie werden immer häufiger. Nach Zahlen der Barmer GEK sind 2009 bundesweit 17,6 Prozent der Berufstätigen, die krankgeschrieben waren, aufgrund einer psychischen Erkrankung ausgefallen (2008: 16,8 Prozent).

Entsprechend steigt die durchschnittliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit (2009: 40,5 Tage; 2008: 39,1 Tage). Wer psychisch erkrankt, fällt schließlich meist wesentlich länger aus, als jemand mit einer Virusinfektion oder einem Beinbruch. Paul Weber zum Beispiel, der Maschinenbau-Konstrukteur aus Berlin, war mehr als zweieinhalb Jahre arbeitsunfähig.

Beim Weg zurück ins (Berufs-)Leben hat ihm - wie auch Anne C. - ein Berufliches Trainingszentrum (BTZ) geholfen. Die Teilnahme an den meist sechs- bis zwölfmonatigen Maßnahmen wird von den Sozialversicherungsträgern bezahlt. Bis ein Antrag endgültig bewilligt oder abgelehnt wird, können allerdings Monate vergehen.

Ulla Hannöver vom BTZ Hamburg: "Die meisten, die zu uns kommen, haben stark an Selbstbewusstsein verloren. Sie wissen gar nicht, was sie sich noch zutrauen können." Im BTZ arbeiten sie in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel in Handwerk und Technik, in Hauswirtschaft und Küche, im Büro oder in einem speziellen Projektbereich, der für Akademiker und Menschen mit viel Berufserfahrung eingerichtet wurde.

Echte Arbeitsplätze

"Das sind echte Arbeitsplätze", betont Hannöver. "Unsere Küche zum Beispiel produziert täglich rund 150 Mittagessen." Parallel dazu werden die Teilnehmer von fachlichen Trainern, Psychologen und Sozialpädagogen betreut. "Die akute Erkrankung ist überwunden, wenn die Teilnehmer bei uns anfangen", erläutert Claudia Löber, Koordinatorin im BTZ in Berlin, das zum Berufsförderungswerk Berlin-Brandenburg gehört.

Zunächst gehen die meisten in eine sechswöchige Arbeitserprobung, in der sich zeigt, wie gut sie den Anforderungen im Berufsalltag noch gewachsen sind. Anschließend absolvieren sie ein berufliches Training. "Das ist zum Beispiel dazu da, wieder zu lernen, mehr Stress auszuhalten", hebt Claudia Löber hervor. Und wenn im BTZ eine Präsentation danebengeht, hat das keine Folgen. Die Erfolge könnten sich sehen lassen: "Viele schaffen anschließend den Sprung auf den Arbeitsmarkt wieder."

Paul Weber gehört auch zu denen, die es geschafft haben. "Ich konnte im BTZ zwischenmenschliche Zusammenarbeit trainieren", sagt er. "Das war wie eine Spielwiese, auf der einem nichts passieren kann. Wenn mal eine Präsentation danebengeht, verliert man nichts dabei."

Lähmende Angst

Heute arbeitet der 41-Jährige wieder in seinem Beruf als Konstrukteur, bei einer Firma, die er über ein Praktikum im Rahmen seiner Zeit im BTZ kennengelernt hat. Er hat einen unbefristeten Vertrag. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen funktioniert, auch wenn ihm natürlich nicht alles leicht fällt.

"Aber wenn die Angst zu groß wird, dann mache ich erst mal nichts. Es arbeitet in mir, und dann entstehen meistens Lösungen", erklärt er seine Strategie. Sein Chef weiß Bescheid und hat Verständnis. Wohl auch, weil Paul Weber ein ausgewiesener Experte auf seinem Gebiet ist. Den findet man nicht so leicht.

Einige Kollegen kennen seine Geschichte. "Man muss aber mit Fingerspitzengefühl entscheiden, wem man von sich erzählt und wem nicht", findet Paul Weber. Ganz verschweigen würde er es dennoch nicht: "Es ist gut, zwei oder drei Vertrauenspersonen in der Firma zu haben."

Anne C. hat einen anderen Weg gewählt. "Im Trainingszentrum hat sich herausgestellt, dass ich auch künftig keinen klassischen Nine-to-five-Job würde machen können", sagt sie. Sie wollte aber auch nicht auf Dauer berufsunfähig sein - und hat sich mit ihrem Hobby als Kunsthandwerkerin selbständig gemacht.