Schmerzmittel der jüngsten Generation, die sogenannten Cox-2-Hemmer oder Coxibe waren in Verruf geraten, und sowohl in den USA als auch in Europa empfahlen die Überwachungsbehörden strenge Anwendungsbeschränkungen. Jetzt bringt die weltweit größte Schmerz-Langzeitstudie (Medal-Studie), an der mehr als 34 000 Rheuma- und Arthrosepatienten teilnahmen, überraschende neue Erkenntnisse. Die Untersuchung zeigte, dass die Risiken für Herz und Gefäße bei der Behandlung mit dem Cox-2-Hemmer Arcoxia nicht höher sind als beim weltweit meistverschriebenen Gelenkschmerzmittel Diclofenac, das bereits seit Jahrzehnten Verwendung findet.
Verlässliche Zahlen zur Schmerzbehandlung in Deutschland liefert jetzt erstmals Heras, die "Herner Arthrose Studie", zu der die Initiative "Stark gegen den Schmerz" den Anstoß gegeben hatte. Danach erhielt nur knapp ein Drittel von 5700 Befragten, die in den zurückliegenden zwölf Monaten unter Gelenkbeschwerden litten, ein Schmerzmittel von ihrem Arzt. 20 Prozent klagten sogar über schwere bis extreme Schmerzzustände, ohne ein Mittel bekommen zu haben.
Ausgelöst wurde die allgemeine Verunsicherung im Herbst 2004, als der Cox-2-Hemmer Vioxx vom Markt genommen wurde, weil er angeblich Gefäß- und Herzkomplikationen verursachte. Daraufhin nahmen Forscher weltweit sowohl altbewährte Antirheumatika als auch die neue Wirkstoffgeneration näher unter die Lupe. Das Ergebnis brachte die Fachwelt zum Staunen.
Alle Arzneien aus dieser Kategorie, nicht nur die Cox-2-Hemmer, können das Herzinfarktrisiko erhöhen. "Sie tun das alle aber nur in sehr geringem Ausmaß", sagt Wolfgang Bolten, Rheumatologe und Ärztlicher Direktor der Wolfgang-Miehlke-Klinik in Wiesbaden. "Deshalb haben wir das über Jahrzehnte hinweg auch gar nicht bemerkt." Bekannt war allerdings schon immer, dass die Mittel der ersten Generation den Magen angreifen. Deshalb hat die Pharmaindustrie an Arzneimitteln gearbeitet, die diese Nebenwirkung nicht mehr haben. Herausgekommen sind die Coxibe, denn sie schützen die Magenschleimhaut.
Alle schmerzstillenden Arzneien setzen am Enzym Cyclooxygenase an, von dem es zwei Varianten gibt: Cox-1 und Cox-2. Für die Schmerzbehandlung relevant ist aber nur Cox-2, da es an der Bildung spezieller Schmerzbotenstoffe, der Prostaglandine, beteiligt ist. Cox-1 dagegen schützt die Schleimhaut des Magens. Herkömmliche Präparate wie Aspirin, Diclofenac oder Naproxen hemmen beide Cox-Varianten, sodass sie zwar Schmerzen lindern, aber eben auch die Nebenwirkungen auf den Magen haben.
"Die neue Studie sorgt nun dafür, dass die Zeit der Unsicherheit vorbei ist", sagt Bernd Simon, Professor für Gastroenterologie und Ärztlicher Direktor im Kreiskrankenhaus Schwetzingen. "Aus Furcht, ihre Patienten könnten Herzinfarkte erleiden, haben Ärzte in letzter Zeit oft nur Schmerzmittel verordnet, die keine hemmende Wirkung auf Entzündungen haben."
Trotz der neuen Studienlage empfiehlt das pharmakritische Arzneitelegramm zur Behandlung von Rheuma und Arthrose weiterhin Naproxen, das allerdings beide Typen von Cyclooxygenase hemmt und damit Nebenwirkungen verursacht. "Naproxen scheint die sicherste Wahl", sagt Chefredakteur Wolfgang Becker-Brüser. Bernd Simon dagegen will nicht ein einzelnes Mittel als Favoriten herausheben: "Entscheidend ist, dass die Patienten das für sie wirksamste Medikament erhalten. Wenn keine Risiken für Herz und Kreislauf vorliegen, sind Cox-2-Hemmer sicher die bessere Alternative."
In den USA laufen derzeit erste klinische Untersuchungen mit einer Superpille, die einen Cox-2-Hemmer, Acetylsalicylsäure und einen Protonenpumpenhemmer enthält. "Bislang war es nicht möglich, alle Bestandteile in einer Tablette unterzubringen. Die Wirkungen haben sich gegenseitig aufgehoben oder behindert", sagt Simon. "Aber nun scheinen Pharmakologen dieses Problem gelöst zu haben." Das Medikament befindet sich allerdings erst in der Entwicklung und ist noch lange nicht marktreif.
Patienten, die unsicher sind, sollten sich an ihren Arzt wenden.
Über Arthrose
Nicht heilbar
Arthrose gilt als nicht heilbar. Die Behandlung beschränkt sich im Wesentlichen auf die Schmerzlinderung. In schweren Fällen ist eine Gelenkprothese die letzte Lösung.
Rettung fürs Knie
Ist ein Kniegelenk durch Meniskusverletzungen oder Fehlstellungen bei X- und O-Beinen einseitig abgenutzt, bietet das Klinikum Fleetinsel in Hamburg eine elegante Alternative zur Prothese. Jürgen Walpert, Facharzt für Orthopädie, justiert dann die Beinachse von der Hüfte bis zum Sprunggelenk neu. Dazu wird bei O-Beinen dicht unter der inneren Gelenkfläche ein Spalt im Schienbein angelegt. Dann erfolgt eine genau vorausberechnete Verschwenkung des Unterschenkels nach außen. Der angelegte Spalt verbreitert sich, heilt aber innerhalb weniger Monate durch neue Knochenmasse zu. Resultat der Operation ist, dass beide Gelenkflächen des Knies auf einer Höhe liegen und von beiden Gelenkköpfen des Oberschenkels gleichmäßig belastet werden. Bei X-Beinen erfolgt eine entsprechende Behandlung über einen Spalt im Oberschenkelknochen.





