Psychologie

Wenn Menschen Tiere wie Briefmarken sammeln

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Zehntausende Tiere werden jährlich Opfer eines bizarren Phänomens: dem "Animal Hoarding". Es beginnt mit ein, zwei Tieren, doch dann kommen immer mehr dazu, bis die Situation irgendwann außer Kontrolle gerät. So wie in Berlin, wo ein Mann mit 500 Vögeln in einer winzigen Wohnung lebte.

Lautes Gezwitscher und Geschnatter erfüllt den Raum. Blau, gelb und grün gefiederte Wellensittiche schwirren von Ast zu Ast, krallen sich an das Gitter oder picken nach letzten Körnern. Als die Pflegerin das Fenster zum neuen Außengehege im Bremer Tierheim öffnet, herrscht wilde Aufregung. Doch nur wenige Tiere flattern nach draußen. So viel Freiheit sind sie nicht gewöhnt. Tierschützer befreiten die Sittiche vor einiger Zeit aus einer winzigen Wohnung in Berlin-Spandau. Der Halter lebte dort mit 500 Vögeln in zwei völlig verwahrlosten Räumen zusammen.


“Ein Wunder, dass die Nachbarn das so lange mitgemacht haben. Das muss ein Lärm und Gestank gewesen sein“, sagt der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Wolfgang Apel. Doch die Wellensittiche sind bei weitem nicht die einzigen Tiere, die vor ihren Besitzern gerettet werden mussten. Im Bremer Tierheim leben mittlerweile zahlreiche Katzen, Hängebauchschweine, Reptilien, Chinchillas und sogar Flughunde, die Opfer eines Phänomens wurden, das Experten "Animal Hoarding“ nennen – also das krankhafte Sammeln oder Horten von Tieren.


Nach Angaben von Apel sind jährlich mindestens 20 bis 30.000 Haustiere betroffen. „Allein bis April haben wir deutschlandweit etwa 1600 Fälle dokumentiert“, erzählt der Tierschützer. „Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs.“ Das Problem ist, dass viele dieser „Animal Hoarder“ sehr zurückgezogen leben. Wenn Nachbarn sich beschweren oder Behörden aufmerksam werden, ist die Situation meist schon eskaliert, wie Elke Deininger von der Akademie für Tierschutz bei München erzählt. „Es beginnt mit einem Tier, dann kommt ein zweites dazu, und irgendwann werden es immer mehr, bis der Halter vollkommen überfordert ist."


Am Anfang dieses schleichenden Prozesses steht meist ein traumatisches Erlebnis: der Tod eines Verwandten, das Ende einer Beziehung oder der Bruch mit Freunden. "Fast alle Betroffenen sind einsam oder enttäuscht von den Menschen“, erläutert der Psychologe Werner Gross aus Offenbach, der an einer speziellen Arbeitsgruppe der Tierschutz-Akademie beteiligt ist. „Sie sehen die Tiere als Partnerersatz."


Irgendwann gerät diese falschverstandene Tierliebe außer Kontrolle: Die Tiere vermehren sich ungehindert und verwahrlosen, weil sie nicht genug Futter oder Pflege erhalten. Doch die Besitzer nehmen diese Probleme gar nicht wahr. So lebte eine ältere Frau in Bremen mit 70 Katzen zusammen. "Ihre Arme waren kaputt gekratzt und zerbissen“, schildert Apel. Trotzdem wollte sie ihre Haustiere nicht abgeben. Am Ende landeten sie doch im Tierheim - viele davon für immer. Die Katzen gelten als nicht vermittelbar: Sie sind scheu, kränklich und wegen der Jahre langen Unterernährung nicht mehr hübsch anzusehen.


Die Tierschützer fordern deshalb von der Bundesregierung eine Verschärfung des Heimtiergesetzes. "Ein Tier geht über den Ladentisch wie Waschmittel“, kritisiert Apel. „Der Käufer muss nicht nachweisen, ob er sich als Tierhalter überhaupt eignet.“ Außerdem müssten "Animal Hoarder“ gesetzlich zu einer Therapie verpflichtet werden, fordert Deininger. „Denn sonst liegt die Rückfallquote bei 100 Prozent.“ Zusätzlich sollen sie in einer bundesweiten Datei gespeichert werden, auf die alle Veterinärämter Zugriff haben.


Wie wenig die Tierschützer bislang gegen das „Animal Hoarding“ ausrichten können, zeigt ein Fall aus Rheinland-Pfalz. Dort hielten zwei Frauen auf einem Hof 300 Pferde und 500 Hängebauchschweine. Die Tiere standen knöcheltief im Dreck, waren von Ungeziefer befallen, bis auf die Knochen abgemagert und verendeten qualvoll. Zwar verhängten die Behörden ein Tierhalteverbot für Mutter und Tochter. "Doch die haben sich schon wieder Tiere angeschafft“, sagt Apel. Schlupflöcher in den Gesetzen lassen das zu: “Dann werden halt Freunde als Halter eingetragen. Es ist schwer, dagegen anzukommen.