Insekten

Hessen rüstet sich gegen schwere Maikäferplage

In 100.000 Hektar von Hessens Waldboden krabbeln tausende Engerlinge herum. Im nächsten Frühjahr werden sie schlüpfen. Als Maikäfer werden sie dann zur ersten Gefahr für die Bäume. Experten beraten nun darüber, ob sie besser mit Chemie oder mit biologischer Abwehr gegen die Insekten vorgehen sollen.

Foto: dpa / dpa/DPA

Zwischen 1960 und 1980 befürchteten Naturschützer, der Maikäfer könnte hierzulande aussterben. Eine konsequente Schädlingsbekämpfung und andere Eingriffe des Menschen in die Umwelt wurden dafür verantwortlich gemacht. Tatsächlich fühlt sich der Maikäfer nach wie vor sehr wohl in Deutschland, und die Wälder in Südhessen stehen gar vor einer Maikäferplage. Für 2010 rechnen Experten dort mit ungewöhnlich vielen Waldmaikäfern. „Insgesamt scheinen sich die Umweltverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten zugunsten des Maikäfers entwickelt zu haben“, erklärt Horst Gossenauer-Marohn von Hessen-Forst.

Hessen-Forst hat gerade die jüngste Zählung von Engerlingen im Boden abgeschlossen, jetzt läuft die Auswertung. „Das heißt auch, wir ermitteln die Erkrankungsrate der Larven im letzten Stadium vor der Verpuppung“, sagt Gossenauer-Marohn. „Die liegt bei 2,9 Prozent, was sehr wenig ist und auf eine sehr hohe Schlupfrate schließen lässt.“ Konkrete Zahlen kann der Experte dennoch nicht liefern, aber er gibt eine sehr konservative Schätzung: „Wir haben 20.000 Hektar Wald untersucht, von denen 10.000 Hektar befallen sind. Wenn auf diesen 10.000 Hektar nur ein Engerling pro Quadratmeter lebt, haben wir im Frühling 2010 eine Million Käfer.“

Die erwachsenen Tiere fliegen umher und können einen Laubbaum total kahl fressen. Ein gesunder Baum kann sich zwar davon wieder erholen. Das Problem sind jedoch die Engerlinge im Boden, die vier Jahre lang Pflanzenwurzeln fressen. Dabei bevorzugen sie im ersten Larvenstadium Graswurzeln. Maikäferweibchen legen ihre Eier daher bevorzugt auf grasbewachsenen Waldlichtungen ab. „Diese Grasflächen sind regelrechte Trittsteine für die Käfer, auf denen sie im Wald Fuß fassen“, sagt Gossenauer-Marohn.

Mit zunehmendem Alter fressen die Engerlinge aber praktisch alle Pflanzen. Dann leiden nicht nur junge Bäume. Sogar 80 Jahre alte Buchen werden so weit geschädigt, dass ihre Wurzeln weder Wasser noch Nährstoffe aufnehmen können. Sie gehen zugrunde.

Schwere Maikäferplagen in Südhessen sind seit dem Mittelalter belegt. Im Ried zwischen Frankfurt und Mannheim findet man fast nur Sandböden. Das ist genau das, was die Käfer brauchen: ein lockerer, wärmender Boden mit niedrigem Grundwasserstand. Dann können sich die Larven im Winter leicht vor dem Frost in tiefere Schichten verkriechen, die außerdem so trocken sind, dass dort keine krank machenden Pilze auf sie warten.

Auf diesen Böden gab es 1955/56 die letzte große Maikäferplage. Danach ist der Bestand für mehrere Jahrzehnte zusammengebrochen. Eine solche Entwicklung ist für Biologen ganz normal. Es kommt oft vor, dass sich die Individuenzahl einer Tierart über mehrere Jahre mehr oder weniger schnell erhöht. Irgendwann ist dann ein Maximum erreicht, an dem Gegenspieler, entweder Fressfeinde, Parasiten oder Krankheitserreger, optimale Lebensbedingungen an oder in dieser Tierart finden und sie innerhalb kurzer Zeit radikal dezimieren.

Bakterien als Biowaffe

Genau das ist nach 1955/56 passiert. Damals raffte die Lorscher Seuche massenhaft die Engerlinge im letzten Larvenstadium dahin. Der verantwortliche Krankheitserreger war Rickettsiella melolonthae, Vertreter einer etwas gesondert stehenden Gruppe von Bakterien. An diesem Gemetzel hat der Waldmaikäfer jahrzehntelang gelitten. Erst ab etwa 1980 ging es mit den Beständen wieder aufwärts, und von da ab beobachten die Hessen auch eine ständige Zunahme der Maikäfer bis zur im nächsten Jahr erwarteten Plage.

„Betrachtet man die lange Generationsfolge der Käfer von vier Jahren, dann sind wir im ganz normalen Auf und Ab zwischen Vermehrungsmaximum, Zusammenbruch der Population und langsamer Erholung“, sagt Gossenauer-Marohn. „Der Maikäfer scheint in jüngerer Zeit sogar besser zurechtzukommen. Möglicherweise bieten einige Umweltbedingungen den Käfern ein besseres Milieu.“ Dazu könnte gehören, dass in den Böden der befallenen Gebiete keine natürlichen Gegenspieler des Käfers mehr nachweisbar sind. Zu den natürlichen Feinden zählen nicht nur die Rickettsien, sondern weitere Mikroorganismen und Pilze sowie in eingeschränktem Maß Nematoden, also kleine Fadenwürmer.

Mit solchen mikrobiellen Gegenspielern und einem pflanzlichen Wirkstoff wurde schon 2006 auf 500 Hektar in Südhessen eine biologische Bekämpfung des Käfers versucht. Die Ergebnisse waren enttäuschend. Deshalb wird jetzt diskutiert, ob gegen die im nächsten Frühling ausfliegenden Käfer das chemische Insektizid Dimethoat eingesetzt werden soll. „Die Entscheidung muss noch in diesem Jahr fallen, damit wir rechtzeitig mit den Vorbereitungen beginnen können“, sagt Gossenauer-Marohn.

Das Versagen der biologischen Mittel und die hohe Vitalität der jetzt getesteten, letzten Larvengeneration lassen einen Einsatz von Dimethoat angeraten erscheinen. Derzeit sind die Mitarbeiter von Hessen-Forst intensiv dabei, für einen eventuellen Einsatz des Mittels die zu behandelnden Flächen möglichst klein zu halten. Dazu werden die befallenen 10.000 Hektar noch einmal kritisch danach beurteilt, ob der Mitteleinsatz zwingend ist oder nicht. So entsteht ein Flickenteppich von zu behandelnden und nicht zu behandelnden Arealen, und von denen werden noch einmal sogenannte Tabuflächen ausgegrenzt. Das sind besonders schützenswerte Gebiete, in denen seltene Schmetterlinge oder andere bedrohte Arten leben.