Biologie

Wenn alle Menschen die Erde verlassen

"Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang. Wir leben nicht mehr lang". Die Warnung des Gassenhauers vom Golgowsky-Quartett mal weitergesponnen: Was würde eigentlich aus der Erde, wenn plötzlich alle, wirklich alle Menschen weg wären – und sie dann doch nicht unterginge?

Foto: 71103/Mauthe, Markus / Picture24

Vier Tage haben wir noch. „Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang. Wir leben nicht mehr lang“. Die Warnung des Gassenhauers vom Golgowsky-Quartett ist noch immer aktuell: „Doch keiner weiß, in welchem Jahr, und das ist wunderbar“. Eines aber ist heute, fünfzig Jahre später, anders. Anfang Mai erst entdeckten die Astronomen den ersten erdähnlichen, womöglich bewohnbaren Planeten mit Namen „Gliese¿581c“, 193 ¿Billionen Kilometer entfernt. Noch könnten wir also auswandern, vorsorglich. Und rein theoretisch, versteht sich. Aber einen Gedanken wäre es schon mal wert: Was würde eigentlich aus der Erde, wenn plötzlich alle, wirklich alle Menschen weg wären – und sie dann doch nicht unterginge?

Vieles würde sich ändern. Gewiss, einige Spuren von uns könnten Aliens noch ausgraben, selbst wenn sie erst in ein paar tausend Jahren hier landeten. Anderes würde schnell gehen. Mit einem guten Teleskop könnten wir es vom Raumschiff unterwegs nach Gliese 581c aus beobachten – falls der letzte nicht das Licht ausgemacht hat. Vorausgesetzt, wir starten nicht der Sonne entgegen, würden wir Zeuge, wie es nach und nach dunkel wird auf Erden. Eine Jahrhundert-Zäsur: Vom All aus betrachtet ist seit vielen Jahrzehnten das künstliche Licht der sichtbarste Einfluss des Menschen auf der Erde. 62 Prozent des Himmels über den USA ist erleuchtet, in der EU sind es 85.

Kernkraftwerke ticken ohne Wartungspersonal aus

Gordon Masterton, Präsident der Vereinigung britischer Bauingenieure, schätzt in der Zeitschrift „New Scientist“, dass „schon bald, in 24 oder vielleicht 48 Stunden die ersten Kraftwerke aufgrund von Mangel an Kohle, Öl oder Gas ihre Blackouts erleben“. Die erleuchteten Punkte auf Erden werden schwächer und weniger.

Naturfreunde an Bord allerdings, denen der Einfluss des Menschen auf die Umwelt schon immer ein Dorn im Auge war, könnten nun, da alles vorbei ist, bereuen, dass sie sich für nachhaltige Energieerzeuger wie Windräder eingesetzt haben. Die werden sich erst mal weiter drehen und für anhaltende Lichtverschmutzung sorgen, einige von ihnen vielleicht noch ein paar Jahre.

Empfindlicher dürften Kernkraftwerke darauf reagieren, dass das Wartungspersonal verschwunden ist – wobei es noch das das geringste Problem sein wird, wenn nur die Lichter ausgehen. Auch der Atommüll, sofern er in Stahlcontainer verpackt ist, wird keine Schwierigkeiten bereiten, er ist für Jahrtausende verstaut und bedarf keiner menschlichen Fürsorge, bis Caesium 137 oder Strontium 90 nahezu ausgestrahlt haben. Anders die laufenden Reaktoren, weltweit derzeit 435. Fällt die regelmäßige Wartung des Kühlkreislaufes aus, so kann das zu Bränden oder gar Kernschmelzen führen.

Dringt die Nachricht davon bis zu den Reisenden vor, wird nun tatsächlich für manchen von ihnen der Weltuntergang eingetreten sein. Aber wie schlimm träfe dies die zurück gebliebene Natur wirklich? Ronald Chesser, Umweltbiologe von der Technischen Universität im texanischen Lubbock, sah bei seinen Studienbesuchen in der evakuierten Zone von Tschernobyl nur eines: „Eine blühende Biosphäre“, obwohl er dort „wirklich eine nukleare Wüste erwartet hatte“. Wildschweine, in einer zehn bis fünfzehn Mal höheren Dichte als außerhalb der Todeszone, fand er vor. Auch Wölfe, die ihm sonst nirgendwo in der Ukraine begegneten.

Flora und Fauna fällt über Denkmäler her

Die Populationen von Ratten, Mäusen und Hunden war damals schon explodiert, unmittelbar nach der Evakuierung vor gut 20 Jahren. Bäume, Sträucher, Gräser nehmen nach und nach Besitz von den Gebäuden, auch vor dem Betonsarg über dem havarierten Reaktorblock werden sie keine Scheu haben. So wie nun, nach unserer Abreise, die Flora und Fauna auch von all den anderen steinernen Denkmälern der modernen Menschheit Besitz ergreifen wird.

Nichts ist für die Ewigkeit gebaut, unterschiedlich ist die kalkulierte Lebensdauer von Gebäuden: Zwischen wenigen Jahrzehnten bei Häusern in Billigbauweise bis zu Bauwerken, von deren Stabilität vieles abhängt. Wie zum Beispiel Staudämme, die 250 Jahre halten sollten. Ohne Pflege allerdings wird die Bausubstanz schon früher marode. Gerade beim Stahlbeton, ansonsten ein stabiles Gebinde, wird die Festigkeit untergraben, wenn das Metall der Feuchtigkeit ausgesetzt ist und Rost seine Lebenskraft entfaltet. Ist niemand mehr da, um den Pflanzenbewuchs oder kleine Lecks im Beton zu beseitigen, bricht alles schneller zusammen, nach wenigen Jahrzehnten.

Birst gar ein großer Staudamm, wird sich die Natur flussabwärts umso schneller das menschliche Erbe einverleiben. Am schnellsten werden die Häuser mit einer Struktur aus Holzbalken verschwinden. Nach wenigen Jahrzehnten ohne Pflege wird von ihnen nichts mehr zu sehen sein, höchstens noch ein paar herumliegende Steine von den Innenwänden, bis auch sie überwuchert sind.

Häuser nicht stabiler als Pyramiden

Rund 3000 Jahre alt sind die ältesten bedeutenden Ruinen, die wir heute bestaunen können. Wenn in weiteren 3000 Jahren ein Besuch, der sich zur Erde verirrt, auf mehr Ruinen stößt, so wird dies allein an der Masse liegen, daran, dass heute mehr Häuser gebaut sind als zu Pharaonenzeiten. Stabiler als die Pyramiden sind sie nicht.

Von Vorteil wäre für den Besucher, wenn er wüsste, wo die Anlagen stehen, die tatsächlich für die Ewigkeit, zumindest für spätere Zivilisationen gedacht sind. Zum Beispiel der Tresor mit der meterdicken Wandung im tiefgefrorenen Fels von Spitzbergen, in dem bald Zug um Zug das Saatgut aller Nutzpflanzen der Erde eingelagert werden soll. Stößt jemand darauf, so könnte er wenigstens die einstigen Lebensgrundlagen von Homo sapiens studieren. Auch wenn die allermeisten Samen selbst nach Jahrzehnten ihre Fruchtbarkeit verlieren, sofern sie nicht ab und zu durch jüngere ersetzt werden. Ist der Besuch mikrobiologisch fortgeschrittener als wir, könnte er aus Resten des Genmaterials womöglich Kulturpflanzen aus dem Menschenzeitalter reaktivieren.

Ansonsten dürfte sich die Natur zügig restaurieren. Innerhalb von 50¿Jahren, so ergaben Simulationen, würden sich drei Viertel der angelegten Forst¿areale wieder in Richtung Urwald verwandelt haben. Nach 200¿Jahren, also nach fast sieben Generationen, müsste man schon genau hinschauen, um die fünf Prozent der einstigen menschlichen Holzplantagen im Wald ausmachen zu können. In den tropischen Zonen wird dieser Prozess schneller vonstatten gehen als in borealen Breiten. Auch sollte sich der tropische Regenwald nach Abreise des Menschen auf den abgeholzten Flächen zügig erholen. So uralt wie gemeinhin angenommen, ist er nämlich nicht. Während der letzten Eiszeit, die erst vor gut 10¿000 Jahren zu Ende ging, war der Amazonas-Dschungel, abgesehen von wenigen, kleinen Waldinseln zur Savanne verödet, und hatte sich anschließend zügig regeneriert.

Schwere Zeiten für die Bettwanze

Das geht auf Kosten von Weideflächen und wird die heutigen Zahlen von Nutztieren – insgesamt 3,3 Milliarden Rinder, Schafe und Ziegen – sehr schnell schrumpfen lassen, ganz zu schweigen von den 30 Milliarden Stück Mastgeflügel und Legehennen, die sich allein schon beim Körnersuchen bald schwer tun dürften – vorausgesetzt, sie wurden vor der Abreise der Menschen überhaupt freigelassen. Widerstandsfähigere, selbstständigere Arten werden sich auf die Dauer aus den Nutztieren herausbilden. Nicht nur für sie, sondern auch für Zivilisationsfolger wie Füchse, Waschbären, die sich von der menschlichen Umgebung ernähren, bis hin zur Bettwanze, die vom Menschen selbst lebt, brechen erst mal schwere Zeiten an.

Interessant wird es, wenn der letzte Mensch vorm Einsteigen noch die Gehege im Zoo öffnet. Werden die Tiere der Tropen noch vor dem nächsten Winter den Weg nach Süden finden, oder sich anpassen und mit den einheimischen Arten ins Benehmen setzen? Wie steht es um die Tiere, die es überhaupt nur noch in Gefangenschaft gibt? Das Wisent könnte dabei eine Chance haben, weil sich sein alter Lebensraum zurückbildet und die Jagd keine Gefahr mehr darstellt. Beim Spix-Blauara wäre eher schon die Frage, ob er es aus unseren Breiten noch von allein rechtzeitig in den Regenwald schafft – oder mit dem Menschen endgültig von der Erde verschwindet.

Die Artenvielfalt eines Biotops jedenfalls dürfte eindeutig gewinnen: die der Ozeane. Das zeigt die Erfahrung vom letzten Mal, da die Hochsee-Fischerei vorübergehend aussetzte. Im Zweiten Weltkrieg vervielfachten sich die Bestände der Speisefische in den Meeren. Es ist also anzunehmen, dass sich die Kontinentalschelfe wieder mit Kabeljau und anderen überfischten Arten füllen werden. Doch auch hier wird es Verlierer geben: Jene kleinen Fische, die der Kabeljau so gerne frisst. Sie werden den Tag verfluchen, an dem der Mensch von der Erde verschwand.