"Mein Grund war einfach, ich wusste, ich muss einen anderen Weg gehen, das heißt ich musste meine Ehe beenden und ich wollte irgendwo, ja, eine Antwort. Einfach um eine Antwort zu finden. Ich habe mir sogar, hier, die Jakobsmuscheln tätowieren lassen und Mohnblumen", erzählt die 54-jährige Karin über ihre Erfahrung auf dem Pilgerweg „Camino de Santiago".

Die großen Probleme „unterwegs“ zu lösen ist mittlerweile zur Massenstrategie geworden. Prominente Pilgerwege und -orte, wie Lourdes in Frankreich, Santiago de Compostela in Spanien, Rom und San Giovanni Rotondo in Italien, verzeichnen seit den neunziger Jahren stetig ansteigende Besucherzahlen. Den Jakobsweg beschritten 2010 mehr als 272.000 Menschen.

Das Pilgern ist vor allem des Deutschen Lust zu sein: Allein 2010 waren rund 14.500 Deutsche „dann mal weg“, immerhin zwanzig Mal so viele wie im Jahr 1989. Diese starken Wachstumsraten erklären, warum mittlerweile in den Medien von der „Generation Pilgertum“ gesprochen wird. Spätestens seit den Pilger-Bestsellern von Paulo Coelho ("Auf dem Jakobsweg") und Hape Kerkeling ("Ich bin dann mal weg") zieht es deshalb große Teile der Bevölkerung nicht mehr nur auf Pauschal- sondern auch auf die spirituelle Reise.

Ob es einfach nur dem Zeitgeist entspricht wandernd auf Sinnsuche zu gehen oder ob die Pilger den mühsamen Weg beschreiten um sich wieder Gott zu nähern, haben jetzt Soziologen der Universität Trier erforscht. Für das Projekt „Glaube in Bewegung: Spirituelle Netzwerke von Pilgern“ haben sie Feldforschung betrieben und sind selbst über das 600 Kilometer lange Endstück des Jakobswegs gewandert. Auf ihrem Weg von Burgos bis Santiago de Compostela beobachtete Markus Gamper mit zwei Kollegen die Wandernden und wurde selbst Teil der Pilgergemeinschaft. Anhand der Ergebnisse von über 600 Fragebögen in fünf Sprachen kann das Forscherteam um Professorin Julia Reuter erklären, wer die Sinnsuchenden sind und was genau der Antrieb der Menschen ist, die Strapazen der Pilgerschaft auf sich zu nehmen.

Die Untersuchung zeigt an erster Stelle einen großen Anteil an Wallfahrern, die vollkommen unabhängig von Kirche und Glauben die Erfahrung des Pilgerns machen wollen. Der Aspekt „Selbstfindung“ wird laut der Trierer Erhebung bei modernen Pilgern übermäßig groß geschrieben. Kirchen, Klöster und die Kommunion entlang des Weges bilden demnach für den modernen „Hape-“ oder „Paulo-Pilger“ nur noch eine Hintergrundkulisse, denn er ist ein Sinnsucher in eigener Sache. Julia Reuter beschreibt dieses Phänomen als eine Art „entkirchlichte Religiosität“. Dazu passend entdeckte sie einen relativ hohen Anteil an Konfessionslosen unter den ansonsten vorwiegend katholischen Pilgern.

Der moderne Pilger macht sich also nicht mehr auf den Weg um Gott um Vergebung zu bitten oder für widerfahrenes Glück zu danken. Auf dem Weg werden aktiv Lebenskrisen verarbeitet, Probleme überdacht, oder es wird einfach nur das kleine Aussteigen aus dem anstrengenden Alltag zelebriert. Da ist es wenig überraschend, dass in der Studie besonders häufig Angehörige der Mittelschicht im Alter von 45 bis 60 Jahren auftauchen, die hohe Anforderungen in Beruf, Familie und Gesellschaft erfüllen müssen. Für die große Gruppe der älteren Pilger ist die Suche nach einem neuen Lebens-Gleichgewicht elementar. Anstelle von klassischen religiösen Motiven überwiegt bei ihnen die Suche nach dem eigenen Ich und dem Weg zur geistigen Öffnung.

Sich frei zu machen von all den Sorgen, sich selbst wieder zu spüren, nur zu laufen, gute Luft einzuatmen und echte Menschen zu treffen – so stellt sich der Durchschnittsdeutsche die Wanderung im religiösen Gewand vor. Ganz Unrecht hat er nicht, wie die Trierer Studie zeigt: Vor allem die Begegnungen mit Anderen auf dem „Camino“ werden immer wieder als etwas Besonderes dargestellt. Markus Gamper konnte genau beobachten, wie Neuankömmlinge schnell in eine „Zwischenidentität“ als Jakobspilger schlüpften und sich mit Insignien wie Jakobsmuschel, Pilgerstock und Pilgerhut ausrüsteten um zur „In-Group“ zu gehören. Die äußeren Merkmale wie Stock und Hut dienten den Pilgern dazu, einander schneller zu erkennen, um dann Kontakte knüpfen zu können.

Pilgern als Gesprächstherapie

Die große Nähe zu völlig Fremden auf dem „Camino“, wo in Pilgerherbergen auf engstem Raum zusammen gekocht, gegessen und geschlafen wird, bringt viele Menschen zum Reden zusammen. Gespräche über das beste Blasenpflaster, den ergonomischsten Rucksack oder das nächste Etappenziel verbinden dabei auf eine spezielle Art miteinander. „National-Fahnen an Rucksack oder Jacke findet man dagegen selten,“, weiß Markus Gamper, „vielmehr entsteht ein transnationales Gemeinschaftsgefühl, trotz oder gerade weil die Pilger aus unterschiedlichen Ländern stammen, verschiedene Sprachen sprechen und immer aus andere Motiven und Lebenssituationen heraus pilgern.“ Wallfahrer fühlen sich wohl als Mitglied einer Gemeinschaft von Fremden. Fernab des Alltags verhalten sie sich offener.

Gamper beobachtete, dass der Großteil der Pilger den Weg allein oder zu zweit begann, aber schon nach wenigen Tagen in Begleitung von Anderen voranschritt. Im Gespräch mit dem Soziologen beschrieben viele der Wanderer, „echte Weggefährten“ gefunden zu haben. Einige sprachen sogar von noch engeren Beziehungsverhältnissen, bei denen immer wieder das Wort „Ersatzfamilie“ - aber auch der Zusatz „kurze Zeit“ - fiel.

Intensive Begegnungen mit sehr tiefgehenden Unterhaltungen entstehen auf Pilgerschaft. Dabei waren bei fast allen Themen wie eigene Ängste und Wünsche, belastende Alltagsprobleme und schwerwiegende Lebensentscheidungen Kern dieser Gespräche. Viele Pilger verwiesen darauf, dass es leichter falle, sich völlig Fremden zu öffnen, da diese nicht in das persönliche Umfeld involviert seien. Deshalb ist der Gang auf dem Jakobsweg für viele Pilger auch als „Gesprächstherapie“ zu verstehen. Diese Art der Lebensbeichte am abendlichen Lagerfeuer hat die klassische Beichte in den Kirchen am Wegesrand mittlerweile fast vollständig abgelöst.

Das "Sodom und Gomorra" der Pilgerindustrie

Ist der „echte Pilger“, der streng betet, wandert, asketisch lebt und in einer kleinen Kapelle unter Qualen seine Beicht-Bekenntnisse hervorbringt mittlerweile ausgestorben? Zumindest am Wegesrande etabliert sich für ihn – falls er noch existiert – das „Sodom und Gomorra“ der Pilgerindustrie. Andenken, Pilgeraccessoires und allerlei Nippes werden feil geboten. In den vergangenen Jahren haben sich die massentouristischen Infrastrukturen am „Camino“ stark herausgebildet. Man kann Pilgertouren - bei Deutschen sehr beliebt - „all inclusive“ mit Gepäcktransport buchen und in den Souvenirshops das „Komplettpilgerset“ mit Trinkkürbis, Umhang, Hut und Stab erwerben.

Aber auch die Kirche hat den Reibach der Pilgerindustrie aufmerksam beobachtet und scheint im Zugzwang auch religiöse Praktiken und Rituale an das industrialisierte Pilgern anzupassen. Pilgermessen, Pilgersegen, Pilgergebete und -lieder wirken in den Kirchen am Wegesrand immer inszenierter, anstatt mit stiller Größe abgehalten zu werden. „Messen erscheinen immer pompöser und finden häufiger statt, Feiertage werden regelrecht zum Spektakel, auf dem Weg werden Taizé-Lieder gesungen und es gibt fernöstliche Meditationsangebote", beschreibt Expertin Julia Reuter. "Spirituell ist alles möglich auf dem Jakobsweg.“

Angekommen nach einer erlebnisreichen Forschungsreise in Santiago de Compostela machen auch Markus Gamper und sein Team die Erfahrung, dass sich Pilger und Touristen kaum noch unterscheiden. Teilweise haben sich auch neue Rituale unter den Pilgern eingeschlichen, wie das Verbrennen der Kleidung am Strand vom Kap Finisterre oder das obligatorische Bad im Atlantik. Gamper folgert daraus, dass der Camino de Santiago immer weiter von der christlichen Tradition entkoppelt und statt dessen zur publikumswirksamen Marke wird. Er hat seine Kleidung allerdings auch verbrannt. „Das war nötig und sehr befreiend nach der langen Reise von Burgos bis Kap Finisterre.“, sagt er.

So etwas wäre für den klassischen Pilger nicht möglich gewesen. Die Untersuchung zeigt, dass ihm seine Reise gemäß der traditionell-religiösen Leitlinien sehr viel Schmerz und Leid bedeutet. Deshalb reagiert er allergisch auf sogenannte „Pseudo-Pilger“ und grenzt sich stark von diesen ab. Als „Hape-Pilger“ oder „Tourigrinos“ bezeichnet er abfällig jene, die nur für den Lebenslauf oder Creditpoints an Universitäten laufen, Etappen mit Bus und Taxi überspringen oder nur die letzten 100 Kilometer bewandern. Nach Meinung dieser, sich selbst als „echte Pilger“ bezeichnenden Gruppe macht die körperliche Anstrengung, der Verzicht auf Luxus- und Konsumgüter, aber auch Grenzerfahrungen in der Natur das eigentliche Pilgern aus. Wer dies umgehen will, gehört einfach nicht dazu.