Der Totenkopf ist sorgfältig drapiert: Er liegt eingeklemmt zwischen zwei wuchtigen Pferdeschädeln, denen der Unterkiefer entfernt worden ist. Auch an anderen Stellen des Gräberfeldes im nordfranzösischen Evreux liegen Menschen und Reittiere unmittelbar nebeneinander bestattet. Das Ritual fasziniert Archäologen. „Dies ist das erste Mal, dass wir etwas Ähnliches finden“, freut sich Gallier-Experte Christian Goudineau. Die Ausgrabungsstätte in der Normandie birgt neue Erkenntnisse zur Römerzeit in Gallien.
„Bei den Römern ist alles sehr organisiert und ziemlich streng, man weiß normalerweise im Voraus ungefähr, was man finden wird. Hier ist es genau andersherum“, sagt Sylvie Pluton. Die Forscherin ist für die spektakulären Funde verantwortlich, die bei Ausschachtungen für einen Hausbau zu Tage kamen. Auf bloß 200 Quadratmetern stießen die Archäologen auf sterbliche Überreste von etwa 40 Menschen – Erwachsenen und Kindern – und mehreren Pferden.
„Hier scheint sich keinerlei Organisation abzuzeichnen“, sagt Pluton bei einem Blick über die Stätte. Kaum ein Körper ruht normal auf dem Rücken. Viele weisen auffällige Positionen auf. So hat ein Erwachsener den linken Arm weit ausgestreckt wie ein Kraulschwimmer und den rechten Arm auf dem Rücken verschränkt. Manche Leichen sind nach Norden ausgerichtet, andere nach Süden, Westen oder Osten.
Vor allem die massigen Pferdeknochen inmitten der menschlichen Überreste aber geben den Experten Rätsel auf. „In Römergräbern findet man oft Nahrungsmittel als Opfergaben – aber stets vom Schwein, dem am meisten gegessenen Fleisch“, sagte Pluton. In dem Grab gefundene Keramikvasen deuten darauf hin, dass die in Evreux bestatteten Toten im dritten Jahrhundert gelebt hatten. „Im dritten Jahrhundert aß man kein Pferd mehr, damit kann die These von der Opfergabe ausgeschlossen werden“, ist die Archäologin überzeugt. Die Knochen weisen keine Spuren von Gewalteinwirkung auf, wie sie nach einer Schlacht typisch wären. Nichts spricht auch dafür, dass Mensch und vielleicht Tier einer Epidemie zum Opfer gefallen sein könnten.
Dass Reiterkrieger mit ihren Tieren begraben werden, ist aus anderen Zivilisationen bekannt. Derartige Funde wurden auch bei Galliern gemacht, so die in Reihen angeordneten Leichen der Reiter von Gondole und ihrer Zwergpferde. Gondole liegt nahe der zentralfranzösischen Stadt Clermont-Ferrand am Schlachtsfeld von Gergovia, auf dem der Asterix-Lesern vertraute Häuptling Vercingetorix einst gegen die Armee von Julius Cäsar gekämpft haben soll.
Die Funde von Evreux sind einige hundert Jahre jünger, betont der in Paris lehrende Professor Goudineau. Die Geschichte lasse ihn „perplex“, räumt er ein. „Ich glaube nicht, dass nach drei Jahrhunderten Romanisierung noch etwas Gallisches wie ein Epona-Kult überlebt hat“, erinnert Goudineau an die gallische Göttin der Krieger und der Pferde. So fragt er sich: „Hätte man in einem großes Loch Sklaven und an einer Krankheit gestorbene Pferde beseitigen können?“ Dagegen spreche, dass die Gräber „mit einer gewissen Sorgfalt ausgehoben“ worden seien. Für den Archäologen Antoine Cottard zeugt etwa der Totenkopf zwischen den Pferdeschädeln von einer regelrechten „Inszenierung“. So hat das Kopfzerbrechen für die Forscher erst angefangen.
oc/afp




