Die Messstation für atmosphärische Radioaktivität auf dem Schwarzwald-Berg Schauinsland bei Freiburg ist einmalig in Mitteleuropa. Hochsensible Messgeräte untersuchen die Luft. Nirgendwo auf der Welt kann Radioaktivität entweichen, ohne dass dies auf der Station unentdeckt bleibt.
„Wir sind ein Kind von Tschernobyl“, sagt der Strahlenschutzexperte Matthias Zähringer. 25 Jahre nach der Atomkatastrophe in der Ukraine spüren die Wissenschaftler auf dem 1284 Meter hohen Schauinsland in diesen Tagen den Folgen des Unglücks in Japan für Deutschland nach.
Auf dem Schauinsland werden voraussichtlich in den nächsten 14 Tagen die Messinstrumente ausschlagen. Das sagt Erich Wirth, Leiter der in Freiburg ansässigen Abteilung Notfallschutz des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), unter deren Regie die Station läuft.
Grund zur Sorge gebe es aber nicht. „Die Konzentration wird derart gering sein, dass sie nur durch unsere hochsensiblen Messgeräte festgestellt werden können.“ Bedenkliche Werte oder Rückstände in Lebensmitteln seien in Deutschland definitiv nicht zu erwarten.
BfS-Präsident Wolfram König, der sich nun auf dem Schauinsland ein Bild der Lage machte, sieht dies ähnlich. „Selbst im schlimmsten Szenario werden wir in Deutschland nach derzeitigem Stand keine Werte erreichen, die auch nur annähernd bedenklich sind.“
Grund ist laut König die große Entfernung zu den Unglücksreaktoren, die Bauart der Meiler sowie der Unglücksverlauf. Dieser sei mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl nicht vergleichbar, da Radioaktivität bislang nicht in große Höhen gelangt sei und daher nicht in hochkonzentrierter Form bis nach Deutschland getragen werden könne. Die Werte, sagt König, werden „weit von dem entfernt sein, was als gesundheitsgefährdend bezeichnet werden kann.“
Ihre Arbeit sehen die Wissenschaftler dennoch legitimiert. „Wir haben heute eine Situation, die es beim Tschernobyl-Unglück noch nicht gab“, sagt König. Als Konsequenz aus dem Unglück wurde ein weltweites, staatlich kontrolliertes Messnetz aufgebaut. Die Messstelle im Schwarzwald ist eine von etwa 80 Stationen rund um den Globus. Sie sind miteinander vernetzt, die Messeergebnisse werden veröffentlicht und ins Internet gestellt.
„Es zeigt sich in einer Krise wie jetzt, wie wichtig eine betreiberunabhängige und auch vom Bürger einsehbare Überwachungstätigkeit ist“, sagt König. „Ohne eine derartige Kontrolle und die damit verbundene Transparenz könnte sich heutzutage eine Hochtechnologie wie die Kernkraft nicht mehr legitimieren.“ Die Ängste und Vorbehalte der Menschen wären zu groß.
„Auf unsere Technik können wir uns jederzeit verlassen“, sagt Abteilungschef Wirth. Sogar Betriebspausen in der 700 Kilometer entfernten Atom-Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague werden in Freiburg minuziös festgestellt. Sollte es zu einem nuklearen Notfall kommen, können die Wissenschaftler bis zu 72 Stunden vorher sagen, wie sich eine radioaktive Wolke ausbreitet und welche Strahlenbelastung zu erwarten ist.
Als im Juni 1998 im südspanischen Algeciras eine medizinische Cäsiumquelle versehentlich in einem Stahlwerk in den Hochofen gelangte und dort verbrannt wurde, konnte dies ebenfalls auf dem Schwarzwald-Berg nachgewiesen werden.
Auch der Ende 2006 von Nordkorea angemeldete Atombombentest brachte die Messinstrumente auf dem Schauinsland in Bewegung. Denn einer der weiteren Schwerpunkte der Station ist die Kontrolle des
1996 unterzeichneten Atomwaffentest-Stoppvertrages und damit die weltweite Jagd auf Atomsünder. Der Vertrag, deren Einhaltung im Schwarzwald überwacht wird, ,sieht ein weltweites Verbot von Tests mit Nuklearwaffen sowie eine entsprechende Kontrolle rund um den Globus vor.
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dpa/oc



