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Zeugungslust erreicht im Herbst den Höhepunkt

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Anja Gröber

Foto: picture-alliance / Chad Ehlers / pa

Wenn die letzten Blätter fallen, wird es in deutschen Schlafzimmern kuschelig: Ab Oktober werden mehr Kinder gezeugt, sagt die Statistik. Doch wie kommt es zu dem neuen Phänomen? Bis zu den 80er-Jahren waren die Geburtenraten gleichmäßig über das ganze Jahr verteilt.

Frühlingsgefühle im Herbst: Zu einer Zeit, zu der es zum Feierabend schon dunkel ist, verbringen viele Menschen ihre Abende offensichtlich gern in romantischer Zweisamkeit. Die Daten des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden seit 1990 verraten, dass zwischen Oktober und Dezember die meisten Kinder gezeugt werden, was im nächsten Jahr zu einem Geburtenboom von Sommerbabys führt. So wurden zwischen 1990 und 2007 im Monat Juli 8,5 Prozent mehr Babys geboren als im Jahresdurchschnitt, im August waren es knapp sieben Prozent.

m Laufe des Winters nimmt die Zeugungslust offensichtlich wieder ab und erreicht im Februar ihren tiefsten Punkt. In diesem Monat werden sieben Prozent weniger Kinder gezeugt als im Jahresdurchschnitt, was ein Geburtentief im November nach sich zieht.


Doch wie kommt es zu dem Zeugungsboom im Herbst? Liegt die Begründung tatsächlich in den kälteren und kürzeren Tagen? Spielen die Hormone zweimal im Jahr verrückt, oder ist alles nur eine Frage der kühlen Familienplanung?


Fest steht, der Trend, im Sommer mehr Babys zu bekommen, ist ein modernes Phänomen, das es erst seit Anfang der 80er-Jahre gibt. Davor, so das Statistische Bundesamt, waren die Geburtenraten gleichmäßiger auf das ganze Jahr verteilt. Der Grund für die vielen Sommergeburten liegt Frauenarzt Christian Albring zufolge in einer bewussten Familienplanung. „Frauen wissen heutzutage ganz genau, wann sie ihr Baby bekommen wollen“, sagte der Arzt in einem Interview des „Focus“. Auch die angenehmeren Temperaturen während der hochschwangeren Monate und weniger kostspielige Umstandskleidung seien Gründe, aus denen sich Frauen für eine Geburt im Sommer entscheiden.

Die Einführung der Antibabypille in den 60er-Jahren dürfte die Familienplanung sicher einfacher gemacht haben. Doch auch vor den Zeiten kontrollierter Verhütung kamen Babys keineswegs ungeplant zur Welt. So bekamen anthropologischen Studien zufolge Bäuerinnen noch bis etwa zum Jahre 1900 ihre Kinder vornehmlich im Winter, umgekehrt also zu heutigen Verhältnissen. Grund hierfür war die beschwerliche Arbeit, die die Frauen bis zu 14 Stunden täglich auf dem Feld verbringen ließ. Vor allem in den Sommermonaten und im Herbst zur Erntezeit fiel besonders viel Arbeit an – keine Zeit für ein Kind also. Die Wintermonate hingegen, in denen die Frauen weitgehend zu Hause arbeiteten, waren zur Versorgung eines Säuglings weitaus besser geeignet.


Neben der Vernunft scheint aber auch die Biologie eine Rolle zu spielen. So steigt nach Angaben des Biologen Bernhart Ruso in den Monaten Oktober bis März nicht nur die Empfängnisbereitschaft einer Frau an, auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Embryo in der Gebärmutter einnistet, ist höher als zu anderen Zeiten des Jahres. Zudem seien die Anzahl und die Qualität der Spermien des Mannes im Herbst und Frühling am größten, schreibt Ruso.

Woher diese erhöhte Fruchtbarkeit bei Mann und Frau kommt, ist jedoch noch unklar. Vermutlich reagiert der Körper auf die Tageslänge und stellt seinen Hormonhaushalt entsprechend um. Ähnliche Mechanismen bringen auch Tiere dazu, ihre Jungen zu einer günstigen Jahreszeit, meist im Frühjahr, zur Welt zu bringen. Frauen, die ihren Kinderwunsch in diesem Herbst oder Winter noch erfüllen möchten, sollten daran denken, hormonelle Verhütungsmittel rechtzeitig abzusetzen.

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe dauert es im Durchschnitt etwa fünf Monate, bis eine Frau nach Absetzen der Antibabypille schwanger wird, bei anderen Verhütungsmitteln sind es etwa drei Monate. Wie kuschelig die diesjährige Herbstzeit werden wird, wird sich dann im nächsten Jahr zeigen.