50 Jahre Nasa

"Wer das All beherrscht, beherrscht auch die Welt"

Mond-Astronaut Edwin "Buzz" Aldrin hat den Kommunismus mitbezwungen – daran glaubt er ganz fest. Und: Für ihn hat die Mondlandung zum Ende des Kalten Krieges beigetragen. Die Nasa feiert dieser Tage ihren 50. Geburtstag und damit allerlei Erfolge – doch brachte die Mondfahrt wirklich das Ende der UdSSR?

Für Edwin „Buzz“ Aldrin ist die Sache klar. Der Astronaut, der am 21. Juli 1969 nach Neil Armstrong als zweiter Mensch den Mond betrat, sieht sich im Nachhinein als Mitbezwinger des Kommunismus: „Wir mussten die Sowjets entmutigen, ihnen den Erfolg nehmen, sie enttäuschen.“ Das habe durchaus zum Frieden, zum Ende des Kalten Krieges beigetragen, sagt Aldrin rückblickend. Auch so seien die Worte auf der Plakette zu verstehen, die sie auf dem Mond hinterließen: „Wir kamen im Frieden für die Menschheit.“ War der Eiserne Vorhang auf dem Umweg über den Mond zu Fall gebracht worden?

„Buzz übertreibt ein bisschen“, meint Michael Griffin, seit 2005 Chef der US-Raumfahrtagentur Nasa. Seiner Ansicht nach war der Sozialismus aus wirtschaftlichen Gründen sowieso am Ende, die Niederlage der UdSSR im „Space Race“ habe keine Rolle mehr gespielt.


Die Nasa feiert dieser Tage ihren 50. Geburtstag. Viele Erfolge gibt es zu feiern in Washington, Houston und Cape Canaveral. Allein die Bezwingung des Sowjet-Imperiums will Griffin für seine Behörde nicht reklamieren. Falsche Bescheidenheit steht kaum dahinter, eher schon das seit 50 Jahren deutliche Anliegen, die Raumfahrtagentur scharf zu trennen von der Globalstrategie Washingtons, ihren zivilen Charakter zu betonen. Dabei ist es so abwegig nicht, was Aldrin über seine Mondfahrt sagt.


Lyndon B. Johnson, ab 1961 erst Kennedys Vizepräsident der USA und nach dessen Ermordung 1963 sein Nachfolger, war überzeugt: „Wer das Weltall beherrscht, beherrscht auch die Welt.“ Damit entsprach er der Gefühlslage der westlichen Welt, die am 4. Oktober 1957 erschüttert wurde, an jenem Tag, als die Sowjetunion mit ihrem „Sputnik“ als erste Nation in den Weltraum vorgedrungen war. Meinten vor diesem Datum laut Umfragen gut zwei Drittel der Bevölkerung aller Nato-Staaten, die USA seien der Sowjetunion militärisch überlegen, so blieben nach dem „Sputnik-Schock“ sieben Prozent übrig. Wer einen Satelliten über Amerika schicken kann, schrieben die Zeitungen, der kann auch Atombomben ins Land schießen. Heute wird der „Sputnik“, der außer hallenden Piep-Signalen nichts ausrichten konnte, nicht nur als Geburtshelfer der Nasa angesehen, sondern sogar mit „9/11“ oder Pearl Harbour verglichen.

Johnson war es denn auch, der bei den Kongresswahlen 1958 und den Präsidentschaftswahlen 1960 für den Demokraten John F. Kennedy 1960 die Themen Raumfahrt und Raketenrüstung erfolgreich einbrachte. Nicht zuletzt damit konnte er den Republikaner Richard Nixon – Parteifreund des scheidenden arglosen Präsidenten Eisenhower – entscheidend ins Hintertreffen bringen. Der „Sputnik“-Schock von 1957 bebte in den USA noch Jahre nach durch weitere sowjetische Erfolge und amerikanische Misserfolge. Angst machte dem Westen damals eine vermeintliche „Raketenlücke“ der USA und der Nato, die zwar über eine überlegene Flotte von Langstreckenbombern verfügten, doch nach Lesart der Kennedy-Administration weit hinterherhinkten bei den Interkontinentalraketen – und eine solche war es, die den Sputnik in den Orbit gebracht hatte.

Dass die UdSSR über weit weniger Raketen verfügte als befürchtet, dass mithin die Lücke gar nicht bestand, stellte sich Anfang der 60er-Jahre aufgrund widersprüchlicher Geheimdienstmeldungen erst nach und nach heraus. Das Schlagwort lebte noch weiter, auch nachdem Verteidigungsminister McNamara öffentlich die Lücke infrage gestellt hatte. Egal ob sie bestand oder nicht, ob getrickst wurde oder nicht – die Kuba-Krise 1962 verschärfte in dramatischer Weise die Angst vor sowjetischen Raketen, die obendrein in Moskau bei den Paraden auf dem Roten Platz ganz offen zur Schau gestellt wurden. Der Kalte Krieg geriet zum Wettlauf in der öffentlichen Abschreckung mit großem Gerät.


Als Kennedy am 25. Mai 1961 die Fahrt eines US-Astronauten zum Mond „noch in diesem Jahrzehnt“ propagierte, war der Grund für ihn nicht nur, wie er es erklärte, die gewaltige Herausforderung. Sondern auch die Chance, die langsam aber sicher wachsende Überlegenheit in der Raketentechnik mithilfe der zivilen Nasa gleich doppelt zu demonstrieren, im größten nur denkbaren Maßstab. Die Rakete war damals das brisanteste Beispiel für „Dual use“ – für militärischen und zivilen Nutzen ein und derselben Technik. Kennedy wies die Nasa an, ihre gesamten Anstrengungen und Gelder in die Mondfahrt zu stecken.

Es ging nicht nur um die große Raketenshow. Der „Dual use“ bot ideale Synergieeffekte zwischen dem militärischen und dem zivilen Sektor. Fast alle Firmen, die in der militärischen Luftfahrt Rang und Namen hatten, waren vertreten auf dem Redstone-Arsenal in Huntsville und dort an der zivilen Entwicklung der Raketen für das Mercury-, Gemini- und Apollo-Programm beteiligt.


Während des Mondrennens gewannen nach und nach Projekte an Bedeutung oder bekamen doch zumindest Konturen, die irgendwo in der Mitte des „Dual use“ zwischen Atomraketen und zivilen Raumschiffen angesiedelt waren: Die ersten Spionagesatelliten schickten die USA schon im Jahr 1959 in den Orbit, später lies das Pentagon das GPS-Navigationssystem entwickeln. Mit dem „Missile Defense Alarm System“ war schon in den 60er-Jahren ein Vorläufer des späteren satellitengestützten SDI-Raketenschutzschildes in Entwicklung. Allesamt Programme, die unter Geheimhaltung liefen, deren Fortschritte aber die Sowjets und die Weltöffentlichkeit aus den ganz offen herausgestellten zivilen Raumfahrtprojekten leicht hochrechnen konnten. Prinzip Abschreckung durch friedliche Mondfahrt, ein strategisches Aushängeschild.

Zunächst konnte die sowjetische Raumfahrt mithalten, obwohl sie von Anfang an unter unvorstellbaren Reibungsverlusten litt: Auf der einen Seite Chruschtschows Primat von Propaganda und Prestige-Erfolgen, die beim Mondrennen dann doch ausblieben; auf der anderen die militärische Ratio. Von der rückständigen Technologie, die schon mal mit westlichen Komponenten ausgeglichen wurde, ganz zu schweigen, oder auch von der Bedrohung leitender Ingenieure mit Gulag oder Genickschuss. Als endlich der finanzielle und wirtschaftliche Zusammenbruch hinzukam, waren der Orbit und damit die Weltherrschaft für den Kommunismus verloren. Bei SDI hatte man nichts mehr entgegenzusetzen.

Da waren dann schon keine Mondlandungen mehr nötig.